Die große Tat der kleinen Miss

Donnerstag, 12. Juli 2012

Bild: sxc.hu

In Alba Iulia hatte ich eine gute Stunde Aufenthalt, bevor die Fahrt nach Budapest weitergehen sollte. Ich deponierte also mein Gepäck am Bahnhof und trat hinaus auf den Vorplatz, der sich durch den Regen der letzten Tage und unter den hier wendenden Bussen in ein braunes Morastfeld verwandelt hatte. Schnellen Schrittes wandte ich mich einem der Cafés am Platz zu, wo ich mich auf der Terrasse niederließ und bald, mit einem Tee und einer englischen Zeitung ausgestattet, das Treiben vor dem Bahnhof durch gelegentliche Blicke verfolgte. Es tat sich allerdings nicht viel und so vertiefte ich mich zunehmend in die neusten Meldungen aus London.

Dann aber erregte doch ein sehr auffälliges Ereignis meine Aufmerksamkeit. Ein Pulk von aufgeregt durcheinander laufenden Menschen bewegte sich auf den Bahnhof zu, ich sah Kameras und Blitzlichter aufflackern, hörte wirre Rufe – und inmitten des ganzen Tumults schritt eine junge, durchaus attraktive Frau mehr zielstrebig als anmutig über den schlammigen Vorplatz. In ihrem schwarzen Haar blitzte silbrig ein Krönchen und von ihrer Schulter hing quer über das hellrote Kleid eine bunte Schärpe herab, sodass ich schnell in der Frau eine Schönheitskönigin erkannte, die ich nicht länger beachtet hätte – wenn sie nicht einen kleinen Farbeimer nebst Pinsel statt einer Handtasche getragen hätte.

Das verwunderte mich nun doch ein wenig, erklärte mir dafür aber die Aufregung der Reporter und Kameraleute, die um die junge Frau huschten. Davon völlig unbeeindruckt, ließ sich die Frau von einem ihrer Begleiter die Bahnhofstür öffnen und verschwand sogleich in dem Gebäude.

Der Vorplatz fiel daraufhin in ein Vakuum. Manche Leute sahen sich fragend an, andere starrten noch immer auf die Tür vom Bahnhof, die sich nicht wieder auftat, andere wiederum traten zögernd näher, spionierten durch die Fensterscheiben und folgten schließlich dieser merkwürdigen Gruppe in den Bahnhof. Ich selbst hatte noch eine Viertelstunde Zeit, aber trotzdem drängte mich die Neugier zum Aufbruch. Also zahlte ich, ging geradewegs über den Platz und betrat die Bahnhofshalle. Ich war ein wenig enttäuscht: Die Schönheitskönigin gab den um sie versammelten Journalisten Interviews. Nichts deutete darauf hin, dass sie in nächster Zeit etwas anderes machen würde.

Ich nahm also mein Gepäck entgegen, ging auf den Bahnsteig hinaus, wo ich auf einer Holzbank Platz nahm und mich wieder meiner Zeitung widmete.
„Das ist die Miss Alba Iulia da drinnen“, erklärte mein Nachbar unvermittelt. Sein österreichischer Dialekt war breit und altertümlich. „Haben Sie die schon gesehen?“

Ich deutete ihm mit einem Blick, dass diese kleine Miss für mich nichts Besonderes darstellte. Trotz ihres Farbeimers. Wahrscheinlich handelte es sich nur um eine dieser medienwirksamen Inszenierungen im Vorfeld einer neuen Kür zur Miss România, vielleicht ein Aufruf zur Verschönerung der Stadt, wobei die Miss Alba Iulia den ersten Anstrich wagen würde.

„Das ist ganz schön mutig von ihr“, meinte mein Nachbar weiter, worauf ich nun doch etwas skeptisch erwiderte: „Sind Sie sich da so sicher?“
Er nickte eifrig. „Andere Missen zeigen nur die schönen Seiten ihrer Landkreise, küssen kleine Tiger im Zoo oder besuchen Grundschulen. Aber diese Miss hier riskiert ja regelrecht ihr Weiterkommen.“

„Was hat sie denn vor?“, fragte ich, nun doch wieder ein wenig neugierig geworden. Er deutete auf das Bahnhofsgebäude. „Schauen Sie doch nur!“, rief er laut, da gleichzeitig unser Zug angesagt wurde.

Da trat die Schönheitskönigin auf den Bahnsteig, sah sich kurz um und marschierte dann zu uns hinüber, wo sie ebenso wie wir auf die Ankunft des Schnellzugs nach Budapest zu warten schien. Jetzt gab sie keine Interviews mehr, der Farbeimer war geöffnet worden, die kleine Miss hielt den Pinsel fest in der Hand und starrte das Gleis hinunter Richtung Osten, als könnte sie die Ankunft des Zugs kaum erwarten.

Als er kurz darauf kam, entstand einiges Durcheinander am Bahnsteig. Nur wenige Personen verließen den Zug, die Wartenden aber drängten an ihn heran und liefen gehetzt an ihm entlang, um im richtigen Abteil zuzusteigen. Ich verlor darüber die kleine Miss aus den Augen, während ich mich, dicht an meinen österreichischen Nachbarn haltend, durch das Gewimmel am Gleis wühlte. Endlich hatte ich einen Platz gefunden, meinen Koffer verstaut und aufatmend Platz genommen. Der Österreicher ließ sich mir gegenüber in einen Sessel fallen. „So ist das jedesmal“, erklärte er. Ich nickte kurz, dann blickte ich hinaus, wo die kleine Miss mit einem freudigen Lächeln und unter aufgeregtem Fotoknipsen der Reporter – den Zug anstrich. „Was soll denn das?“, entfuhr es mir. „Habe ich es Ihnen nicht gesagt?“, grinste mein Nachbar zufrieden. „Jetzt ruiniert sie sich den Aufstieg zur Miss România!“
„Ja, aber was macht sie da?“, fragte ich ungläubig.

„Sie schreibt eine Botschaft auf den Zug“, sagte mein Nachbar gelassen. „Damit will sie auf die Zerstörung der Natur durch den Bau neuer Straßen aufmerksam machen. Hier in Rumänien investieren doch der Staat und die EU ganz groß in den Straßenausbau. Erschließung für den Tourismus, Sie wissen schon. Die Schattenseite davon sind die untertunnelten Berge, die weggemähten Wälder und die zerteilten Lebensräume für die heimischen Wildtiere.“

„Sie ist also eine Umweltaktivistin?“, fragte ich ahnend, doch der Österreicher schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Soviel ich weiß, kommt sie einfach nur vom Lande, aus Şpring oder so. Da hat sie natürlich ein ganz anderes Bewusstsein für so was als die Leute in der Stadt. Ist doch schön, wenn sie sich das bewahrt hat.“

Ich verstand noch immer nicht recht. „Aber warum demonstriert sie hier am Zug und nicht an einer Autobahn in der Nähe?“
„Sehen Sie, das ist das rumänische Wesen. Die Leute hier denken viel positiver als wir anderen Europäer. Wir würden eine Baustelle bestreiken, würden die Provokation suchen und die Fronten aufeinander knallen lassen. Und unsere Miss da draußen stellt sich lieber an einen Zug, der die Ausländer nach Hause fährt und macht auf ihre Sache aufmerksam. Aber nicht mit Hasstiraden und wüsten Parolen, sondern … Sprechen Sie Rumänisch?“

Ich verneinte.

„Wissen Sie, was sie da draußen an den Zug malert? ‚Bravo‘ und ‚mulţumesc‘. Das heißt ‚Vielen Dank‘. Sie bedankt sich, dass wir den Zug nehmen statt des Autos. Ist das nicht herrlich?“
Nun dämmerte es mir langsam. „Und dafür nutzt sie ausgerechnet den Zug, der uns nach Hause bringt. Damit auch wir Ausländer aufmerksam gemacht werden“, sinnierte ich.

„Genau“, bestätigte mein Nachbar. „Dafür wird sie hier keinesfalls weitergewählt werden. Aber ich finde die Idee ganz nett. Und so optimistisch.“

Als wir in Budapest den Zug verließen, standen immer noch die Worte der kleinen Miss Alba Iulia an den Waggons. Bravo und Dankeschön. Niemand schien es eilig zu haben, diese Grüße abzuwischen. Ich bildete mir ein, dass das Zugpersonal den Aufruf der kleinen Miss stillschweigend unterstützte und die Schriftzüge nicht aus Gleichgültigkeit stehenließ. Ganz sicher aber bemerkte ich viele verwunderte und nachdenkliche Blicke, mit denen der Zug aus Rumänien in Budapest betrachtet wurde.

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