Die Insel des Traumes und des Vergessens

Bukarester Ausstellung widmet sich erneut der entschwundenen Insel Ada Kaleh

Dienstag, 16. Juli 2013

Das Innere eines türkischen Hauses auf Ada Kaleh. Solche Fotos können im Rahmen der Ausstellung im Bukarester Bauernmuseum bis 28. Juli gesehen werden. Zwischen dem 10. August und 10. Oktober wird die Ausstellung auch im Hermannstädter Astra-Museum gezeigt.

Die Präsidentin des Rumänischen Kulturinstituts in der Türkei, Silvana Rachieru (links), Projektkoordonatorin Magda Andreescu und in der Mitte ein Vertreter des Türkischen Demokratischen Verbands in Rumänien
Foto: Aida Ivan

Nach der zweiwöchigen Ausstellung „Ada Kaleh, die Insel in der Seele“, die voriges Jahr im Bukarester Bauernmuseum über die verlorene türkische Enklave inmitten der Donau eröffnet wurde, ist dieses Jahr Anfang Juli erneut eine Ausstellung zu demselben Thema veranstaltet worden. Damit „Die Insel des Traumes und des Vergessens“ neue Einblicke über Ada Kaleh verschafft, haben verschiedene Kulturinstitutionen zusammengearbeitet – das Bukarester Nationale Kunstmuseum, die Nationalbibliothek und die Bibliothek der rumänischen Akademie. Unterstützt wurden sie vom Türkischen Demokratischen Verband Rumäniens.

Die Ausstellung „Die Insel des Traumes und des Vergessens“ wurde wegen starker öffentlicher Nachfrage veranstaltet. „Ada Kaleh ist für die meisten Menschen nur eine Geschichte“, meint Projektkoordinatorin Magda Andreescu, und das Ziel der Ausstellung ist es, die Geschichten der Insel zu veranschaulichen. Nur noch wenige ehemaligen Bewohner leben verstreut im In- oder Ausland.  
Der Unterschied zwischen den beiden Ausstellungen der Jahre 2012 und 2013 liegt in den verschiedenen Perspektiven, in der die Insel präsentiert wird: Die Ausstellung „Ada Kaleh. Die Insel in der Seele“ (die ADZ berichtete) legte den Schwerpunkt auf den Blickwinkel der Inselbewohner  und erzählte von ihren Eindrücken und Lebensgeschichten. Im Unterschied dazu konzentriert sich die jüngste Ausstellung auf die Perspektive der Intellektuellen, die die Insel besucht haben: Bildende Künstler, Schriftsteller, Journalisten, die aus Neugier die Insel sehen wollten, sprachen in ihren Werken über die türkische Enklave.

Zum ersten Mal wurden neun Aquarelle von Mircea Olarian vorgestellt, die im Jahre 1936 auf der Insel entstanden sind. Die Gemälde befinden sich im Bestand des Nationalen Kunstmuseums. Die zahlreichen Fotografien und Ansichtskarten (aus den Sammlungen der Nationalbibliothek und der Bibliothek der Akademie) werden inhaltlich mit Fragmenten aus den damaligen Publikationen ergänzt, so z. B. aus Zeitschriften wie „Realitatea ilustrată“, „Universul“, „Ford“ oder aus den Büchern „Reportajele mele. 1927- 1938“ (Autor Filip Brunea-Fox), „Monografia insulei Ada Kaleh“ (Autor Ahmet Ali) und „Impresiuni de călătorie din Romania“ (Autor Al. Pelimon). Zudem werden Sachbücher über Ada Kaleh, aber auch fiktionale Werke ausgestellt.

Miskin Baba und seine Lehre

Die Insel lebt weiter, nicht nur durch Gemälde und Reportagen, sondern auch durch Erzählungen, die das Leben der Inselbewohner prägten. Der Imam Hafiz Uzeir erinnert sich an Miskin Baba, der von den Bewohnern von Ada Kaleh als Schutzheiliger betrachtet wurde. Die Legende besagt, dass er ein usbekischer Prinz war, der sich entschlossen hatte, auf alle seine Reichtümer in Buchara zu verzichten und ein einfaches Leben zu führen. Miskin Baba soll gesagt haben, dass die Insel Ada Kaleh der Seele süße Ruhe bringt. Er soll ein sehr bescheidener Mensch gewesen sein und diese Lebensweise hatten sich auch die Insulaner angewöhnt: Der Journalist Gh. Lungulescu beschrieb in den 30er Jahren die Häuser auf Ada Kaleh als sehr simpel ausgestattet. Abgesehen von den Sofas gab es kaum andere Möbelstücke. Die Insulaner lebten friedlich, träumerisch und gleichgültig.

Die Inselbewohner, die noch am Leben sind, erinnern sich daran, dass die Gemeinschaft sehr solidarisch war – eine große Familie auf einer kleinen Insel, so steht es im Buch, das vor einem Jahr unter dem Titel „Ada Kaleh. Patria din buzunarul de la piept“(dt. Ada Kaleh. Die Heimat in der Brusttasche) erschienen ist. Streit, Schlägereien oder Mord gab es nicht auf Ada Kaleh, die Häuser waren nicht von Zäunen umgeben, die Türen wurden nie abgesperrt, es gab keine Schlüssel. Man hatte Vertrauen in seine Mitmenschen: Es herrschte eine stille Brüderlichkeit, die unter verschiedenen von der Geschichte beeinflussten Bedingungen entstanden war. Die Besucher wussten diese Einfachheit der Inselbewohner zu schätzen.

Der finanzstarke Kapitalist Ali Kadri

Ein Teil der Ausstellung (Fotografien und Fragmente aus Zeitschriftenartikeln) wird Ali Kadri gewidmet. Der reichste Mann auf der Insel fing als  armes Waisenkind an, als Bootsführer zu arbeiten. Es wird gesagt, dass Ali Kadri oft mit König Carol II. Kaffee trank und von Atatürk, dem ersten Präsidenten der Türkei, besucht wurde. Ein Foto zeigt Ali Kadri zusammen mit der Ehefrau von Ion Antonescu. Beschrieben wird der Millionär von einem der berühmtesten Journalisten der Zwischenkriegszeit, Filip Brunea-Fox, als einen Sekt trinkenden Mann, der im Überfluss, umgeben von seinen Bediensteten, lebt. „Er hält die ganze Insel in seinem Bauch“, sagte der Publizist über Ali Kadri.

Ali Kadri war ein Kapitalist in höchster Vollendung, er hat den Tourismus auf die Insel gebracht, Fabriken für Lokum und Zigaretten eingerichtet und durch die Gesellschaft  „Musulmana“ auch den bedürftigen Menschen auf der Insel geholfen. Die Organisation, deren Leiter er war, sorgte dafür, dass die Insel für Touristen an Attraktivität gewann – ein Park mit Brunnen wurde errichtet, die drei Straßen (die Hauptstraße hieß Ezarzia, es gab noch eine Straße Richtung Rumänien und eine andere Richtung Serbien) wurden verbessert und Geschäfte wurden aufgebaut.

Modernisierung hat aber auch ihren Preis. Der Journalist wirft dem Kapitalisten vor, die romantische Atmosphäre auf der Insel zerstört zu haben. „Dank der Isolierung war die Insel ein sagenhafter Raum voller morgenländischer Geheimnisse. Jetzt hat sie moderne Häuser, Geschäfte, deren Waren modisch sind, Radio, sogar die Bootsführer haben sich gewerkschaftlich organisiert“, beklagt sich der Journalist in einem Artikel. Dass Ali Kadri ein erfahrener Kapitalist war, verleugnet auch Wissenschaftlerin Magda Andreescu nicht. Als er viel Geld verdient hatte, begann er in Geschäfte in der Türkei zu investieren. Rumänien hat er im richtigen Augenblick verlassen.

„Wir waren die Söhne des Wassers“

Die Insel wurde während des Kommunismus zum Opfer der Industrialisierung: Verschluckt wurde sie von der Donau, in der Nähe wurde das Wasserkraftwerk Eisernes Tor errichtet. Den Insulanern wurden mehrere Angebote gemacht, damit sie die Insel verließen. Ihnen wurden Privilegien versprochen. Dank eines Abkommens zwischen Ceauşescu und dem damaligen türkischen Präsidenten Suleyman Demirel wurde den Insulanern erlaubt, in die Türkei auszuwandern. Rumänien hat aber sein Wort nicht gehalten: Diejenigen, die in Rumänien blieben, erhielten keine Hilfe. Diejenigen, die in die Türkei wollten, keine Unterstützung.
Im Buch „Ada Kaleh. Insula din buzunarul de la piept“ (Martor-Verlag, 2012), das von Magda Andreescu und Carmen Mihalache im Rahmen des Projektes betreut wurde, erzählt eine ehemalige Inselbewohnerin (Meral Adalî), die in die Türkei ausgewandert ist, wie schlecht sie von den rumänischen Behörden behandelt wurde: Alle Kleider musste sie ausziehen – damit man überprüfen konnte, ob sie Gold in die Türkei schmuggelte. Außerdem wurde ihr nicht erlaubt, die Fotos zu behalten, die sie bei sich trug.

Diejenigen, die in die Türkei auswanderten, mussten ihren Namen ändern. Darum heißen einige ehemalige Inselbewohner nun Adalî, Duna (von Donau) oder Banata. Heute gibt es Ada Kaleh nur noch als Geburtsortsangabe im Ausweis der ehemaligen Insulaner oder auf den Grabsteinen der Verstorbenen. Gheorghe Bob beispielsweise ist nach Bukarest umgesiedelt. Er erinnert sich, dass auf Ada Kaleh niemand Angst vor dem Wasser der Donau hatte. Er erzählt, wie Frauen sich bei Überschwemmungen vor den Häusern versammelten und die Wäsche vor der Tür wuschen. Wenn der Wasserpegel wieder sank, wurden auch die zurückgebliebenen Fische eingefangen. Einige der Feigenbäume aus Ada Kaleh hat er nach Bukarest mitgenommen, in ihrem Schatten ist er vor einem Jahr gestorben.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*