Die Irrfahrten damals und heute

Zur Aufführung einer Neuinterpretation von Homers „Odyssee“ in Hermannstadt

Freitag, 28. März 2014

Die Götter kommen mit dem Fallschirm. Foto: Bahamut Productions

„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat...“. So beginnt die Erzählung über die wahrscheinlich bekannteste Irrfahrt der Menschheitsgeschichte, Homers „Odyssee“. Eine Versetzung des Geschehens ins Hier und Heute konnten die Zuschauer am Mittwochabend im Studiosaal des „Radu Stanca“-Theaters in Hermannstadt/Sibiu erleben. Die österreichische Compagnie „Bahamut Productions“ zeigte die Vorstellung „Slobodija Odysseia, mon Amour!“.

Die Reise in Hermannstadt begann leise, von Musik begleitet, und mitten im Publikum. Die erste Szene ist impulsiv, schweigsam und verwirrend gleichzeitig. Elemente des zeitgenössischen Tanzes werden dem Publikum ohne jegliche Erklärung vorgeführt und dennoch versteht man die Verzweiflung, die Verlassenheit, die Aussichtslosigkeit auch ohne Worte. Die Einführung endet genau so plötzlich, wie sie begann. Es kommen die Götter der alten, antiken Welt auf die Bühne. Zeus, der Vater der Götter, und die weise Athene, seine Tochter, beraten sich über Odysseus, der zumindest nach Homer auf der Kalypsos Insel Ogygia festgehalten wird und nun von der heimkehren soll. Seine Heimreise stellt jedoch nur einen großen, groben Rahmen für die wirkliche Geschichte der Vorstellung, die Erzählungen der Migranten und der Flüchtlinge von heute.

„Slobodija Odyssea, mon Amour“ wurde für das Programm der europäischen Kulturhauptstadt 2013 Marseille-Provence entwickelt“, erzählte der Produktionsleiter Thomas Groß. Der ursprüngliche Gedanke sei die Inszenierung von Homers „Odyssee“ gewesen, um in die Sparte „Mittelmeerraum“ des Kulturhauptstadtprogramms hineinzupassen. Jedoch stellten Sarah Jeanne Babits, Noemi Fischer und Thomas Groß – die drei bilden die Compagnie „Bahamut Productions“ – bald fest, dass man von Wien aus keinen so guten Bezug zum Mittelmeer hat. Die Idee, die „Odyssee“ mit der Problematik der Flüchtlinge und Migranten, insbesondere der Roma, zu verbinden, kam im Zusammenhang mit der Roma-Abschiebung unter Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Das Team von „Bahamut Productions“ setzte sich mit dem Thema auseinander, interviewte in Frankreich und Österreich Männer und Frauen aus Afrika und Osteuropa, wohnte Anhörungen an Asylgerichtshöfen bei und besuchte Romasiedlungen. Diese Geschichten von Irrfahrten, dem Suchen und schließlich von der Hoffnung flossen in die Aufführung ein.
Vier Schauspieler – Sarah Jeanne Babits, Thomas Groß, Noemi Fischer und Manuel Quero Castellano – agieren auf der Bühne. Sie wechseln problemlos aus der Rolle einer griechischen Gottheit in die eines Flüchtlings und zurück.

Die Spirale des Bühnenkonzepts geht von der Poesie, über das Absurde bis hin zum Tragikomischen und lässt dabei alle Figuren erscheinen und wieder verschwinden, bis zu dem Punkt, wo alles entweder vergeht oder neu entsteht. Musikalisch wird das Stück von einer fünfköpfigen Band begleitet: Oskar Antoli, Natalija Stanisavljevic, Ignasi Cama, Alexandar Pandilovski und Habib Samandi unterstreichen mit ihrer zündenden Musik den einzigartigen Charakter der Aufführung.

Im Übrigen wäre die Rumänien-Tournee nicht zustande gekommen ohne die Unterstützung der „Erste Stiftung“, des österreichischen Bundesministeriums für Bildung und Frauen sowie des Österreichischen Kulturforums. Das Stück wurde bisher in Temeswar und Hermannstadt aufgeführt und wird heute, um 20 Uhr, auch im Bukarester ArCub-Saal gezeigt.

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