Die Jagd auf den bösen Winter

Agnethler Urzeln zogen wieder mit Peitschen und Kuhschellen durch die Stadt

Dienstag, 07. Februar 2012

Die Krapfenqiutschen blieben nie lange voll.

Beim Reifenschwingen darf kein Tropfen Wein verschüttet werden.
Fotos: Andrey Kolobov

Hermannstadt - Schwarz sah am Sonntag das Städtchen Agnetheln/Agnita im Harbachtal/Valea Hârtibaciului aus. Den glänzend weißen Schnee bedeckte eine lange und schwer ertragbar laute Schlange schwarzer Gestalten. Peitschenknalle und Scheppern der Kuhglocken hörte man auf gut ein Kilometer Entfernung. Jedoch beschwerte sich keiner über den Lärm. Ganz im Gegenteil, hunderte von Neugierigen richteten ihre Handys, Foto- und Videokameras auf die lärmende Menge oder bestaunten sie aus den trotz der Kälte weit geöffneten Fenstern. All dies konnte nur eines bedeuten: Die Urzeln zogen wieder durch die Stadt.

Auf den Tag genau vor sechs Jahren, am 5. Februar 2006, wurde der alte Brauch des Urzelnumzuges in Agnetheln wiederbelebt. Damals zogen ganze 18 Menschen durch das Städtchen. Heuer waren es über zehnmal so viel – 185 große und kleine Urzeln nahmen an der Parade teil. Die meisten kamen aus der Stadt, doch gab es nicht wenige, die aus andern Ortschaften des Harbachtals, aus Hermannstadt oder gar aus Deutschland angereist waren. Das Alter der Umzugsteilnehmer ist ebenfalls breit gefächert. Die heranwachsende Urzeln-Generation bewies, dass sie nicht weniger laut sein kann als die Älteren. Beim Urzelnball am Sonntagabend wurden 30 neue Mitglieder in die Zunft aufgenommen.

Der imposanteste Teil des Urzelnlaufs ist die Parade, die außerhalb der Stadt beginnt und bis zum Rathaus zieht und im 17. Jahrhundert ursprünglich „Mummenschanz der Zünfte“ genannt wurde. Verschiedene Figuren im Zug erinnern an die Zünfte der Stadt. Angeführt wird der Umzug vom Hauptmann mit zwei „Schutzengeln“, welche früher der Schusterzunft angehörten. Die Schneiderzunft repräsentieren das Schneiderrösschen und ein Mummerl, die bei jedem Halt des Festzuges einen Tanz aufführen. Der Bär und Bärentreiber vertreten die Kürschnerzunft und die Reifenschwinger die Fassbinderzunft. Nach den Festansprachen beim Rathaus, die mit zahlreichen „Hiräii“-Rufen bestätigt wurden, stimmten alle das „Siebenbürgen“-Lied auf Deutsch und Rumänisch an.

Damit nahm der offizielle Teil des Laufs sein Ende. Die Urzeln zerstreuten sich in der Stadt. In kleineren Gruppen besuchten sie ihre Familien, wo sie mit Krapfen und Wein bewirtet wurden und einige Lieder sangen. Bis zum späten Abend knallten die Peitschen in Agnetheln.

Zunftmeister Bogdan Pătru, der mit seinen Schülern die Tradition des Urzelnlaufs vor sechs Jahren wieder ins Leben gerufen hat, hält das Weiterbestehen des Brauchs in Agnetheln für gesichert. „Die Anzahl der Zunftmitglieder steigt kontinuierlich. Vielleicht laufen irgendwann genau so viele Urzeln, wie vor der Auswanderung der Sachsen“, sprach er die Hoffnung aus.

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