Die jüngste und erfolgreichste Enzyklopädie der Welt

Seit 15 Jahren benutzen Millionen von Menschen das elektronische Nachschlagewerk Wikipedia

Freitag, 22. Januar 2016

Die Schüler und Studenten lieben sie: Wikipedia ist eines der Web 2.0-Wunder, der erste Treffer, wenn man ein Schlagwort googelt. Und sie hat ein schönes Pickel- und Prickelalter, die „sweet 15“, erreicht. Ein Moment der Bilanz und ein Augenblick, in dem man sich so manche Überlegungen über die Zukunft der Enzyklopädien machen sollte. Bereits 1995 hatte kein geringerer als Umberto Eco, mit der eindrucksvollen Visitenkarte eines Semiotikers, Literaten und Kommunikationswissenschaftlers, in einem Interview gegenüber dem amerikanischen Kommunikationswissenschaftler Patrick Coppock, ausgesagt, er würde als erstes auf die Printausgaben der Enzyklopädien verzichten. Sie nehmen viel Platz in der Bibliothek ein und müssten oft genug erneuert werden, deshalb könnte ganz gut in diesem Fall das Internet zum Einsatz kommen. Wie recht er hatte, erwies sich wenige Jahre später: 2001 schlug Wikipedias glückliche Geburtsstunde und 2012 kündigte Britannica, die Enzyklopädie, die glanzvolle 244 Jahre lang gedruckt wurde, ihre Print-Existenz auf. Zuletzt ließ sich das 32-bändige Werk nicht mehr verkaufen. Wer sich aus der alten neuen Quelle informieren will, macht das heute über www.britannica. com.

Nun ist der Leser, der etwa mit „Brehms Tierleben“ aus Omas Bibliothek aufgewachsen war und geschichtliche Kenntnisse etwa von den französischen Enzyklopädisten hatte, ein bisschen pikiert gewesen, als urplötzlich die Website auftauchte, die die Demokratisierung der Enzyklopädien proklamierte. Nicht nur der freie, kostenlose und schnelle Zugang zu dem Wissen war damit geschaffen, sondern auch der Inhalt sollte nicht mehr von einer Elite produziert, sondern ebenso von Leuten, die sich aus welchem Grund auch immer mit den Themen befassten – schließlich wirbt „die freie Enzyklopädie“ eben mit diesem Schlagwort schon im Titel. Gegenseitige Kontrolle, das Recht, in den Text einzugreifen, der fast immer als unfertig gelten sollte, auch wenn er kein „Stub“ (auf gut Deutsch „Stumpf“) mehr war, sollten garantieren, dass die Information korrekt sei.

Nun gibt es Meinungen für und gegen diese Praxis. Zuerst kam der Aufschrei von den Professoren. Wikipedia sollte schnellstens verbannt werden, Studenten hätten sich an andere Informationsquellen zu halten. Und trotzdem „sündigen“ auch Professoren manchmal gern mit einem Blick auf die Website, denn sie ist schnell und einfach zu bedienen. Trotzdem galt es nun, den Studenten den richtigen Umgang mit den Informationsquellen beizubringen, und das wird ihnen dann Seminarstunde für Seminarstunde auch eingepaukt, damit es ja „kleben“ bleibt: Oder man handhabt es wie Professor Hans Bernd Brosius von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der einen Dekalog für Absolventen an seinem Lehrstuhl auf der Webseite anführt: Schon das erste Gebot bezieht sich auf den Usus der neuen, mit dem Internet aufgewachsenen Generationen, zu recherchieren: „Literaturrecherche hört NICHT bei der Recherche nach Monografien im OPAC (und schon gar nicht in google oder wikipedia) und darauf folgendem Schneeballsystem auf“. „Schon gar nicht“, das heißt, wenn man akademisch korrekt vorgehen will.

Wikipedia sieht sich selbst als Baustelle an, deshalb ist Mitmachen großgeschrieben, in der linken Leiste wird dafür geworben und genau erklärt, wie man freier Mitarbeiter wird. „Man“ heißt jedermann. Da kommen auch schon die Reaktionen, denn einer tut es freiwillig, aus Enthusiasmus für ein Thema, ein anderer könnte es aber auch aus Interesse tun, um gewisse Tendenzen, Personen oder Meinungen hervorzuheben. Währenddessen stecken hinter „Britannica“ etwa viele, sehr viele kluge Expertenköpfe, wobei der Akzent auf das Wort „Experte“ fällt: Auch diese Enzyklopädie sucht laufend Mitarbeiter und versucht ständig institutionelle Partnerschaften in die Wege zu leiten. Unter den Partnern sind Universitäten, Gesellschaften und Stiftungen, die mit der „Crème de la Crème“ des akademischen Bereichs zu tun haben. „Britannica“ ist stolz, dass zu ihrem Inhalt bisher über 100 Nobelpreisträger, vier Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sowie unzählige Gewinner des Pulitzer-Preises beigetragen haben.

Obwohl aber „Britannica“ auch eine Gratisversion zur Verfügung stellt und ein breites, aufgefächertes Angebot hat (so eine Version für Kinder, eine für Studenten usw.), ist der erste Treffer, den man bei einer Schlagwortsuche auf Google landet, doch wikipedia. Das macht viel aus. Nicht „alles“, aber viel. Trotz des Publikumserfolgs hat „Wikipedia“ seit einiger Zeit mit finanziellen Problemen zu kämpfen und versucht, die Nutzer zu einer geringen Spende zu bewegen. Nachdem der Nutzer nun aber gewohnt war, den Inhalt gratis zu genießen, ist es schwierig gegen diese Mentalität des Gratis-Konsums zu kämpfen. Noch sind die Publika einigermaßen aufgeteilt: Auf britannica.com stöbern Schüler, Studenten und Akademiker, auf wikipedia gehen alle. Sprachkenntnisse spielen ebenfalls eine Rolle: Britannica hilft nur den Nutzern mit Englischkenntnissen, wikipedia ist mehrsprachig. Nur die Zukunft wird zeigen, welche Enzyklopädien im Internet überleben werden, ein „Kampf der Titanen“ ist angesagt. Wenn er zur Steigerung der inhaltlichen Qualität führen soll, kann man dem eigentlich als Nutzer nur zufrieden entgegenschauen.

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