„Die junge Generation stellt unsere Zukunft dar“

ADZ-Gespräch mit Michael Szellner, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Arad

Mittwoch, 12. Februar 2014

Foto: Zoltán Pázmány

Seit 2006 leitet Michael Szellner das Demokratische Forum der Deutschen in Arad (DFDA). Szellner, der als Physiker am deutschen Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeum unterrichtet, wurde im November vergangenen Jahres erneut zum Forumsvorsitzenden gewählt. Die Umsetzung zahlreicher begonnener Projekte und die Lösung einiger Anliegen der deutschen Gemeinschaft in Arad möchte Michael Szellner in seiner neuen Amtszeit durchführen. Worum es dabei geht, das erfuhr Raluca Nelepcu in folgendem Gespräch mit dem Arader Forumsvorsitzenden.

Sie sind Ende 2013 erneut zum Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Arad  gewählt worden. Was nehmen Sie sich für diese Amtszeit vor?

Im neuen Mandat möchte ich zwei Dinge zu einem guten Ende bringen. Zum einen möchte ich die Projekte, die wir im Mandat der letzten zwei Jahre angefangen haben, zu Ende führen. Es geht vor allem um die Fertigstellung der Renovierung unseres Sitzes. Es wurden hier viele Arbeiten durchgeführt und das bei laufender Aktivität. Das ist in etwa so, wie wenn man einen lebenden Menschen einem chirurgischen Eingriff unterziehen soll und dieser soll dabei seine Arbeit verrichten und auch nicht leiden. Das ist ein bisschen schwer zu machen, aber es hat sich gezeigt, dass es irgendwie möglich war.
Außerdem möchten wir unseren Kollegen aus Sanktanna helfen, zumindest den kleinen Sitz der Nutzung zuzuführen. Es geht dabei um das Kulturhaus Lambert-Steiner, das ehemalige Bauernvereinshaus in Sanktanna. Nach langen Prozeduren, die fast elf Jahre gedauert haben, ist es uns gelungen, endlich das Kulturhaus zurückzuerhalten. Und das ist in einem sehr ramponierten Zustand, weil es während des kommunistischen Regimes stark vernachlässigt wurde. Es müssen sehr viele Arbeiten durchgeführt werden und diese sind mit sehr hohen Kosten verbunden. Wir können das aus eigenen Mitteln gar nicht tragen. Darum sind wir auf Hilfe angewiesen. Wir hoffen, sowohl Zuwendungen zu erhalten, wie auch vielleicht von Privatpersonen oder von Mitgliedern eine entsprechende Hilfe, um ähnlich wie mit unserem Sitz in Arad in sehr viel Eigenleistung die Renovierung durchzuführen.

Desgleichen möchten wir unsere Tätigkeit im kommenden Mandat neu definieren und dementsprechend umgestalten. Die Gesellschaft der deutschen Bevölkerung hat sich in den letzten 24 Jahren sehr stark verändert. Wir haben ganz andere Prioritäten heute. Es hat ein Generationswechsel stattgefunden, viele von den älteren Leuten, die damals noch von den Traumata der Deportation geprägt waren, von den Eigenheiten des kommunistischen Regimes, sind leider mittlerweile gestorben. Wir haben eine Generation mittleren Alters, die zahlenmäßig viel zu klein geworden ist. Wir haben aber auch eine jüngere Generation von Kindern und Jugendlichen, die viel stärker in der Mehrheitsbevölkerung integriert sind, die sich aber trotzdem zu ihren deutschen Wurzeln oder zu ihrer deutschen Kulturzugehörigkeit bekennen und die auch unsere Traditionen und unser Brauchtum weiterführen. Diese Generation stellt unsere Zukunft dar. Es ist der Grund, weshalb wir unsere Tätigkeiten noch intensiver in Zusammenarbeit mit der Jugendorganisation „Banat-JA“ durchführen – das ist de facto die Jugendorganisation der deutschen Bevölkerung in Arad. Wir sind stolz und froh, dass es sie gibt und dass sie uns nicht im Regen hat stehen lassen. Die Jugendorganisation in Arad ist vielleicht die dienstälteste – wir werden in diesem Winter auch nach angelsächsichem Recht volljährig, denn die Banat-JA feiert das 23. Jahr ihres Bestehens.

Ein Großteil der Jugendlichen aus der Banat-JA kommt vom deutschen Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeum, aber nicht nur, und gerade das ist das Schönste, dass wir auch aus anderen Strukturen der Stadt unsere Mitglieder zusammengeführt haben. Wir hoffen, dass wir noch ein langes Bestehen in dieser neuen Art haben werden.

Vor einigen Jahren musste die deutsche Schule in ein neues Gebäude umziehen, weil das alte an die katholische Kirche rückerstattet wurde und die Miete viel zu hoch war. Mit welchen Problemen muss sich die deutsche Gemeinschaft aktuell auseinandersetzen?

Ein neuer Umzug könnte bevorstehen. Das Forstlyzeum steht vor einer Umstrukturierung und es ist gut möglich, dass es wegen Schülermangel mit zwei weiteren Lyzeen zusammengelegt wird. Unter diesen Umständen könnte das Bürgermeisteramt erneut befinden, dass die Schule umziehen soll, um eben das Gebäude des Forstlyzeums zu besetzen, das früher der Palast der Adelsfamilie von Neuarad war – der Familie Nopcsa-Zselinsky-Pallavicini. Das ist kein Problem, sondern eher eine Aufgabe oder ein Abenteuer, denn ein solcher Umzug ist mit recht vielen Abenteuern verbunden.
Desgleichen haben wir vor etwa 14 Jahren eine Liste von etwa 15 Immobilien bei der Regierungskommission für Immobilienrückerstattung angemeldet. Allerdings haben wir riesige Probleme beim Auffinden der Unterlagen. Wir sollen und müssen nachweisen, dass diese Gebäude in der Tat der deutschen Gemeinschaft gehört haben. Solche Unterlagen wurden in den 50er und in den 60er Jahren von der damaligen Securitate durch nächtliche Durchsuchungen in den Häusern der damaligen Eigentümer enteignet.

Absichtlich wurden die Archive Ende der 60er Jahre an der Bevölkerung unbekannte Plätze verlegt. Wir haben zufällig erfahren, dass sich etwa ein Drittel der Archive aus Arad in Lugosch befindet und die anderen zwei Drittel an anderen Orten bzw. sogar in einem anderen Verwaltungskreis. Nach der aktuellen Gesetzgebung ist es sehr schwierig, an die Archive heranzukommen, denn man kann nicht nachweisen, dass man da hingehört. Wir sind praktisch in einer Pattsituation, wir können unser Recht nicht geltend machen und der Staat besteht darauf, dass wir eben diese Beweise vorlegen. Wahrscheinlich sind sich die Behörden der Tatsache bewusst, dass wir nicht in der Lage sind, es ausreichend zu tun. Das kann eigentlich nur eine politische Entscheidung sein, um uns in dieser Sache zu helfen. Wir hoffen auch auf die Unterstützung unseres Parlamentariers sowie auf Verhandlungen mit anderen lokalen Parlamentariern, soweit ihr Interesse besteht, eine deutsche Gemeinschaft hier zu haben, die auch ihre Eigentumsverhältnisse geklärt hat.

Wie ist es denn um den deutschsprachigen Unterricht in den kleineren Ortschaften im Kreis Arad bestellt?

In den kleinen Ortschaften gibt es noch deutschsprachigen Unterricht in Sanktanna, weil es da die größte deutsche Gemeinschaft gibt – zwischen 300 und 400 Personen. Dann gibt es noch deutschsprachige Klassen bis zur Gymnasialabteilung, also bis zur achten Klasse. So hat es in den früheren Jahren eine Simultanklasse in Semlak gegeben, leider wurde diese wie auch jene in Glogowatz/Vladimirescu aufgelöst, da weniger als sechs Kinder in der Klasse geblieben sind. Diese Kinder kommen nun nach Arad in die deutsche Schule. In Arad selbst gibt es noch zwei weitere Schulen, an denen Deutsch als Muttersprache unterrichtet wird, nämlich in der 21-er (Aurel Vlaicu) Schule mit den Klassen 1-4 und in der Allgemeinschule Nr. 1, der Mihai-Eminescu-Schule. Ein Teil dieser Schüler kommt ab der fünften Klasse nach Neuarad ins Adam-Müller-Guttenbrunn und ein Teil bleibt hier bis zum Lyzeumsabschluss.

Wie hoch ist denn das Interesse der Bevölkerung am Erlernen der deutschen Sprache?

Das Interesse ist mal gefallen, mal gestiegen, aber die Schwankungen waren sehr klein – eher durch administrative Maßnahmen bestimmt. Zurzeit haben wir erneut 1280 Schüler, der Zuwachs von etwa 200 Schülern lässt sich aber so erklären, weil wir die Vorbereitungsklasse, die sogenannte Null-Klasse, sowie einen Kindergarten in unsere Struktur aufgenommen haben. Wir haben auch einen fünften Klassenzug, der für die Mehrheitsbevölkerung bestimmt ist, nämlich die Schüler der ehemaligen 20-er Schule. Diesen Schülern bieten wir im Lyzeum Englisch intensiv an und Deutsch als Zweitsprache. Eine Studie aus den 1990er und 2000er Jahren, die etwa 14 Jahre lang an unserer Schule durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass das Erlernen der Sprachen Englisch und Deutsch im Parallelstudium sehr effizient ist. Wir verwenden dabei eine Technik, die von dem Schweizerisch-Kanadischen Philologen Louis Pimsleur entwickelt wurde und die besagt, dass das parallele Erlernen von verwandten Sprachen viel effizienter als das Erlernen einer einzigen Sprache ist. Wir haben im Laufe der Jahre exzellente Ergebnisse erzielt und deswegen bestehen wir auch weiterhin auf dieser Klasse. Der Abgeordnete Ovidiu Ganţ hat sich mehrmals für den Erhalt dieser Klasse eingesetzt. Ich kann schlussfolgern, dass das Interesse für Deutsch gegeben ist, die Eltern wählen das nicht nur aus kulturellem Interesse, sondern auch aus wirtschaftlichen Interessen.

Wie ist denn das Image der deutschen Gemeinschaft bei der Mehrheitsbevölkerung?

Es muss gesagt werden, dass die Mehrheitsbevölkerung in Arad kaum noch die stabile Mehrheitsbevölkerung ist, welche ihre Wurzeln hier hat. Es gibt eine Studie vom Einwohnermeldeamt – der frühere Leiter, Ion Ganda, hat diese durchgeführt, bevor er sich zurückgezogen hat – die besagt, dass nur in etwa 38 Prozent der Arader auch ihre Eltern und Großeltern in Arad oder im Umkreis von 30-40 Kilometern haben. Die meisten sind Leute, die mit der Berufsmigration gekommen sind – einige ziehen auch weiter, vor allem seit wir die Freihandelszone Arad haben, die massiv Arbeitskräfte angezogen hat. So kommt es, dass eigentlich nur wenige Einheimische mit der deutschen Kultur aufgewachsen sind.

Das ist der Grund, weshalb wir immer auf unsere Identität pochen müssen, weil auf der Straße viele noch fragen: „Da´ ăştia cine mai sunt şi ce vor, de unde au venit?“ Sie begreifen nicht, dass wir seit drei Jahrhunderten hier sind und dazugehören und dass die Stadt so ist, weil die deutsche Bevölkerung mit angepackt hat. Aus diesem Grunde werden wir oft als Fremde im eigenen Land aufgefasst, weil die Leute selber fremd sind, die hierher gekommen sind. Das ist eine paradoxe Situation. Der einzige Weg, sie zu bewältigen, ist eben das, was wir tun. Das heißt, in der Öffentlichkeit Präsenz zeigen, den Leuten etwas Interessantes und Farbenfrohes anbieten. Unsere Trachtenpaare treten ja in der Neuarader Kirchweihtracht auf, die rosa ist, und werden auch als rosaroter Panther betrachtet – vielleicht stimmt es auch (lächelt). Das kann man nicht übersehen und das kann man auch nicht vergessen. Aber es ist Tag für Tag eine Herausforderung, ansonsten wird man vergessen und vielleicht auch mit Füßen getreten. Das lassen wir nicht zu. Wir wollen unsere Existenz hier weiter haben und hoffen, dass unsere Maßnahmen dies auch ermöglichen werden.

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