Die „Karawane der Berufe“

Eine neue Initiative des Deutschen Wirtschaftsklubs Kronstadt

Samstag, 15. November 2014

Werner Braun, Vorsitzender des Deutschen Wirtschaftsklubs Kronstadt
Foto: der Verfasser

Es gibt wohl kaum noch Kronstädter, die nicht von ihm gehört haben, dem DWK, wie er schon geläufig genannt wird: dem Deutschen Wirtschaftsklub Kronstadt, wie seine Bezeichnung in extenso lautet. Ob auf beruflicher Linie oder als Besucher des Oktoberfestes, die alljährliche Veranstaltung, die Tausende Besucher anzieht. Ebenso kennt man aber auch die Berufsschule Kronstadt, die berufliche Ausbildungsstätte, die schon landesweit Schule gemacht hat. Dabei ist die Auftrittsweise des DWK gar nicht aufdringlich, wie auch der eigenen Homepage zu entnehmen ist: „Unser Verein ist ein Interessenverband der Investoren aus dem deutschsprachigen Raum in Rumänien. Neben der Förderung des Handels der Herkunftsländer mit Rumänien verfolgt der DWK soziale und kulturelle Ziele. Dies spiegelt sich auch in den vielfältigen Veranstaltungen, die vom DWK durchgeführt werden, wider. An erster Stelle stehen jedoch die Stärkung der Wirtschaft und der regelmäßige Erfahrungsaustausch der Mitgliedsunternehmen“.
Zu dem Thema „Stärkung der Wirtschaft“ erklärte uns Werner Braun, Vorsitzender des DWK, ausführlich über eine neue Initiative zum Heranziehen von Kindern in das duale Ausbildungssystem. Die des öfteren vorkommende Bezeichnung „Kinder“ soll jedoch nicht irreführend sein: Gemeint sind Schüler der achten Klasse, die sich – unter Einbeziehung ihrer Eltern – für ihre weitere Ausbildung zu entscheiden haben.

Den Auslöser der neuen Initiative, die „Karawane der Berufe“, erläuterte uns Werner Braun wie folgt: „Selbst wenn wir mit unserer Berufsschule Erfolg haben – die ersten Absolventen haben ihre berufliche Laufbahn begonnen, wir hatten dieses Jahr sechs Anwärter auf einen Platz, usw. – so macht eine Schwalbe allein noch keinen Frühling. Es ist nämlich so, dass wir ein, zwei, drei Schulen in der Stadt haben, doch um das ganze System zu ändern, reicht es nicht. Es besteht noch Gegendruck von Institutionen, die am liebsten die Technischen Kollegien beibehalten möchten und das macht es nicht leicht, eine Parallelstruktur für duale Ausbildung aufzubauen. Was wir also machen müssen, ist diese dualen Ausbildungsschulen flächendeckend im Land einzurichten. Uns drückt der Schuh, weil die Wirtschaft, die Unternehmen mehr ausgebildete Fachkräfte wollen und weil wir weitere Änderungen und Anpassungen brauchen. Wir wollen Unterstützung bei der Gesetzesanpassung und bei der Erstellung des Lehrplanes; es benötigt eine Umstellung auch bei den Lehrkräften, die sich neu orientieren und anpassen müssen. Nur so kann das im Unterricht verfolgte Ziel auch erreicht werden.“

Für die Umsetzung der Initiative wurden mehrere Schneisen angepeilt, und zwar durch eine Arbeitsgruppe, an der sich Kronstadt/Braşov, Hermannstadt/Sibiu, Mühlbach/Sebeş (wegen des Standorts Daimler) und Temeswar/Timişoara beteiligen und die sich aus einer Gruppe für den Lehrplan, aus einer für „Train the Trainer“ und einer für Marketing zusammensetzt. Vor allem letzter Gruppe wird eine große Bedeutung beigemessen. Wiederum Werner Braun: „Es benötigt viel Arbeit, um die Dinge bekannt zu machen, Werbung in den Reihen der Eltern und Schüler aber auch der Unternehmer ist notwendig. Denn zumindest hier in Kronstadt hat sich etwas Merkwürdiges ergeben. Wir haben eine Berufsschule mit fünf Fächern, wobei es viele andere, nicht abgedeckte gibt und für welche Bedarf besteht. Eine zweite Schule, nicht als Konkurrenz gegenüber uns, sondern als Ergänzung für andere Berufe, ist noch nicht gegründet oder eingerichtet worden. Ich hätte erwartet, dass so etwas schon eintritt, für Automechaniker, Friseure oder Bäcker, wo eben Bedarf besteht. Oder Holzverarbeitung, um ein naheliegendes Beispiel zu geben. Wieso gibt es noch keine Initiativen in dieser Richtung?“

Ziel der Arbeitsgruppe ist es, das schon bestehende duale Ausbildungssystem zu verbessern und anzupassen, eben in den genannten vier Standorten, was natürlich das System durch Erweiterung in Industriehochburgen viel sichtbarer macht. An dieser Stelle kommt nun die Initiative der Berufskarawane ins Spiel, indem Eltern und Schülern die berufliche Ausbildung in und für lokale Unternehmen als reelle und erfolgreiche Alternative näher gebracht wird. Eine existenzsichernde Alternative, mit freier Option für spätere Fortsetzung im Hochschulwesen in Unternehmen vor Ort, von denen manchmal Einwohner aus direkter Nähe nicht viel wissen.
Das Konzept der Karawane ist dabei bestechend einfach: „Wir haben uns um einen Bus, den größten auffindbaren Transporter, bemüht, den wir mit etwa zehn komplett ausgestatteten Arbeitsplätzen vollpacken und mit dem wir durch den ganzen Kreis Kronstadt unterwegs sein werden. Wir fangen in Zărneşti an, dann folgt Rosenau/Râşnov und so weiter durch den ganzen Kreis Kronstadt/Braşov. Dann kommen wir zurück nach Kronstadt, wo wir am 24. November sein werden und wo ein offizieller Programmpunkt stattfinden wird. Dann wird uns auch Seine Exzellenz, der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Werner Hans Lauk, einen Besuch abstatten. Das freut uns ganz besonders, denn die Botschaft der Bundesrepublik hat dieses Projekt bedeutend mitfinanziert.“

Der eigentliche Ablauf besteht in einer Vorführung der etwa zehn Berufe an jedem der angepeilten Standorte, in je einer Partnerschule, welche durch das Schulamt vermittelt wurde. Die Arbeitsplätze werden in den Sportsälen der Schulen aufgestellt und die Schüler und Eltern, assistiert von den Fachkräften der Firmen, werden eingeladen, selbst Hand anzulegen. „Dabei sein werden alle lokalen Firmen, die Mitglieder des Wirtschaftsklubs sind, um sich selbst vorzustellen und ihr Angebot in Form einer Zukunftsplanung des Facharbeiterbedarfs zu unterbreiten. Eine kleine Messe von einigen Stunden, einem Tag oder nur einem Nachmittag, bei der die Firmen den Eltern und Kindern ihre Anforderungen für die nächsten Jahre vorstellen. Wie viele Facharbeiter für CNC gesteuerte Maschinen oder wie viele für Mechatronik oder andere Bereiche benötigt werden.  Dadurch können die Schüler sehen, dass ihnen eine Fachausbildung, ein gesicherter Arbeitsplatz bei der einen oder anderen Firma gewährleistet wird. In der Heimatstadt, an Arbeitsplätzen mit modernen Einrichtungen, gesunden Arbeitsbedingungen. Dadurch überbringen wir die Information auf anschauliche Weise, denn die Besucher sehen mit eigenen Augen, wie ein moderner Arbeitsplatz aussieht, aber auch welche Arbeiten verrichtet werden und welches die Anforderungen sind.

Nochmals mit Betonung: Vielen ist unklar oder unbekannt, welche Möglichkeiten es vor Ort gibt, und das wollen wir gezielt und vor Ort ändern. Ich glaube, wir erzielen damit mehr, als wenn die Kinder einfach durch eine Messe durchlaufen und sich bloß umgucken, denn es werden interaktive Vorführungen sein, also „hands-on“-Stände, z.B. für Elektriker, wo die Kinder selbst Hand anlegen werden, aber auch andere. Die Kinder werden Schachfiguren aus Holz an der Drehbank erstellen können oder andere ähnliche Dinge, um selbst ihre Fertigkeiten entdecken zu können. Das ist für uns von Bedeutung, ein interaktives Gespräch zu haben, an jedem der Arbeitsplätze. Was noch für uns sehr wichtig ist: Unsere Partner, die Schulämter,  die von uns und über Herr Stelian Fedorca, Staatsekretär im Bildungsministerium, Einladungen für Schüler bekommen haben, die sie weitergeleitet haben. Herr Fedorca ist zuständig für das duale Ausbildungssystem und hat uns immer voll unterstützt, so auch jetzt. Die Einladungen sind für die Schüler, zusammen mit ihren Eltern, sodass die Auswirkung der Karawane maximiert wird.

Ab nächstem  Jahr tritt nämlich eine neue Regelung des Schulwesens in Kraft, eine Regelung, die es möglich macht, nach der achten Klasse eine Entscheidung zu treffen, ob man eben den weiteren Klassen bis zum Abitur folgt, ob man auf ein technisches Kollegium geht oder ob man sich für das duale Ausbildungssystem entscheidet. Dabei haben natürlich die Eltern eine sehr wichtige Rolle und durch die Berufskarawane wollen wir die Wahl erleichtern.
In den vorherigen Jahren hat man uns oft nachgesagt, dass wir immer die Schüler nehmen oder bekommen, die nicht zu Höherem taugen und die eben in die duale Ausbildung gesteckt werden. Wir haben mittlerweile bewiesen, dass es keinesfalls die Schüler sind, die nichts taugen, sondern der Fehler beim System liegt , welches verbessert werden muss. Unser Ziel ist, solche Ergebnisse zu haben wie beim deutschen Ausbildungswesen, wo etwa ein Drittel der Facharbeiter Abitur haben, aber ihre Lehre vorher gemacht haben“.

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