Die kupferzeitliche Siedlung bei Pietrele

Archäologin Dr. Agathe Reingruber bietet aufschlussreiche Details über Grabungen eines internationalen Teams

Freitag, 19. September 2014

Dr. Agathe Reingruber zusammen mit dem Historiker Thomas Şindilariu vor ihrem Vortrag beim Kronstädter Forum. Foto: Dieter Drotleff

Trotz Sommerpause fanden sich zahlreiche Zuhörer im Rahmen der Vortragsreihe des Kronstädter Forums im Festsaal am Nachmittag des 25. August ein. Sie wollten sich nicht den angekündigten Vortrag „Die kupferzeitliche Siedlung Măgura Gorgana bei Pietrele (Kreis Giurgiu) und das älteste Gold der Menschheit“ entgehen lassen. Zudem  ist die Berliner Referentin und Archäologin Dr. Agathe Reingruber eine gebürtige Kronstädterin. Auch hatte „Der Spiegel“ im Herbst des Vorjahres (Nr. 44/28.10.2013) einen ausführlichen Bericht über die bei Pietrele seit 2004 vorgenommenen Grabungen veröffentlicht,  in dem mehrere Male die nun zu Besuch in Kronstadt weilende Forscherin mit ihren fachlichen Erkenntnissen erwähnt wird.

Vor zehn Jahren nahm Dr. Agathe Reingruber das Angebot von der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin an, eine Grabung nahe der rumänischen Ortschaft Pietrele mitzuorganisieren. Seither weilt sie jeden Sommer da, von Juli bis September vor Schulbeginn, weil die Archäologen ihr Lager in der Schule der Ortschaft aufschlagen, diese dann wegen Schulbeginn aber räumen müssen. Gemeinsam mit anderen rund 50 Forschern, Doktoranden und Studenten setzt sie jährlich die Grabungen bei Măgura Gorgana fort, die immer wieder neue Überraschungen und Erkenntnisse bieten.

Geboren wurde Agathe Reingruber 1969 in Kronstadt, besuchte da die Honterusschule, ist aber in Heldsdorf aufgewachsen. Nach dem Bakk hat sie von 1987 bis 1989 als Grundschullehrerin in dieser Burzenländer Gemeinde gewirkt. 1990 folgte ihre Einbürgerung in Deutschland, anschließend das Studium der Ur- und Frühgeschichte, klassischen Archäologie und Kunstgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Ebenda war sie von 1998 bis 2003 Doktorandin. Ihre Dissertation erfolgte im  Fach Ur- und Frühgeschichte  mit der Arbeit „Die Argissa-Magula: Das frühe und das beginnende mittlere Neolithikum im Lichte transägäischer Beziehungen“. Seither ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Archäologischen Institut Berlin. Sie blickt auf mehrere Forschungsaufenthalte in Bulgarien, der Türkei, Griechenland zurück und   beherrscht mehrere Fremdsprachen: Englisch, Neugriechisch, Rumänisch, Türkisch.   

Die gebotenen Bildinformationen und ihre wissenschaftlichen Auslegungen führten die Teilnehmer an dem Vortrag in die Zeit um 6500 v. Ch. anhand der Funde bestehend aus Keramik, Objekten aus Kupfer, Steinwerkzeugen, Speisereste, Reste von Skeletten. Rund 1800 Gefäße konnten vollständig restauriert und an die Rumänische Akademie übergeben werden.

Anschließend an den Vortrag antwortete Dr. Agathe Reingruber auf einige weitere Fragen, die wir ihr stellten. Wann haben in Pietrele die Arbeiten eigentlich begonnen?, wollten wir wissen. „Das Ganze ging 2002 los. Damals war ich noch Doktorandin in Heidelberg. Mein damaliger Assistent, Prof. Dr. Svend Hansen, sprach mich an, ob man nicht in Rumänien ein Projekt durchführen kann.“
„Er wusste, ich komme von da, kenne die Sprache. Er hatte auch einen Partner in Dr. Alexandru Vulpe von der Akademie in Bukarest ins Auge gefasst der auch einmal DAAD-Stipendiat in Heidelberg war. Dann kam die Überlegung, ein Projekt ins Leben zu rufen, diese kupferzeitlichen Tells (aufgeschichtete Hügel), so der Fachbegriff,  genau zu analysieren: Wann wurden diese bewohnt, wie entwickelte sich die soziale Lage. So kam die Überlegung, diesen Tells Schichte für Schichte nachzugehen. Denn die hiesige Besonderheit ist, die Bewohner haben die Häuser nicht neben einander, sondern nach Jahrhunderten, übereinander  gebaut.“

In Rumänien gibt es noch weitere Grabungsorte. War diese die brisanteste weil sie als Objekt des Projektes ausgesucht wurde? „Wir haben sie zur brisantesten gemacht! Diese Tells werden seit hundert Jahren ausgegraben. Man hat gedacht, dieser Tell ist die Siedlung und man hat sich nur darauf konzentriert. Man hat außer der Keramik, Lehm, Knochen aber auch Kupfer- und Goldfunde zutage gebracht. Was machen wir mit diesen, war die Frage. Bis 1990 waren die Archäologen dabei, die Stratigrafie zu klären. Wie verhält sich die Keramik, denn diese ist für uns Archäologen der wichtigste Teil einer ganzen Chronologie weil man so sehen kann, wie sich die Stilrichtungen verändern.“

Auch wollten wir wissen, wer der Auftraggeber dieses Grabungen ist? „Es ist ein Gemeinschaftsprojekt. Der Auftraggeber ist die Rumänische Akademie. Wir müssen jedes Jahr die Grabungslizenz beantragen. Die Finanzierung wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Deutsche Archäologische Institut gesichert. Wir haben zweimal je fünf Jahre gearbeitet und haben beantragt, noch weitere drei Jahre zu graben da wir noch nicht den Boden des Tell erreicht haben.“ Schließlich, wie läuft die Zusammenarbeit mit den rumänischen Fachleuten? „Sehr gut. Wir kennen uns jetzt schon seit sehr vielen Jahren, auch Herrn Vulpe, auch von seinen Arbeiten her. Er unterstützt uns sehr viel, auch mit der Grabungslizenz, und besucht uns, trotz seines fortgeschrittenen Alters, jedes Mal“.

Das Ende der Tell-Siedlungen wird um 4250 v.Ch. datiert. Dieses geschah  durch kriegerische Einwirkungen, klimatische Faktoren, kultureller Wandel, soziale Ursachen u.a.
Vergleiche bot Dr. Agathe Reingruber im Rahmen ihres Vortrags, zwischen den Grabungen von Pietrele und Varna, auch an Funden wie Vorratsgefäße, Krüge, Jagdwaffen, Mahlsteine. Ein besonders schönes Exemplar, das sie anhand einer Illustration vorstellte, ist ein Gefäß von 1,20 m Höhe. In den Siedlungen wurde auch Goldschmuck gefunden, wie beispielsweise Ringanhänger. Das älteste Gold in Europa stammt ca. von 4250 v.Ch. Woher das Gold allerdings herrührte, ist noch nicht bekannt.

Langsam gehen die Forscher der Frage entgegen: Wann ist der Tell entstanden? Bis zum Abschluss des Projektes hoffen die Forscher die letzte Kulturschicht erreicht zu haben. Die hier erzielten Ergebnisse sind von besonderer Bedeutung für die Erforschung der  Entwicklung der Menschheit, der Bildung der ersten Klassengesellschaft.

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