Die lokale Identität anerkennen und fördern

Gespräch mit der Soziologin Dr. Angela Dobrescu, Projektmanagerin bei GIL Corona

Mittwoch, 08. Mai 2013

Dr. Angela Dobrescu
Foto: Ralf Sudrigian

Dr. Angela Dobrescu ist eine in den Kronstädter Schulen und Museen gut bekannte Person. Es sind nun bald 13 Jahre, in denen sie über den Verein „Grupul de iniţiativă locală Corona“ (GIL Corona) den Schülern die Geschichte und die Kultur ihrer Stadt näher bringt, aber auch Lehrern und Museumsmitarbeitern neue Wege und Mittel in der Bewältigung dieser Aufgabe vorschlägt. Die Soziologin hat bereits in ihrer Doktorarbeit den Themenbereich Management des Kulturerbes, Tourismus und Identität einer Kommune behandelt. In dem in Kronstadt mit dem ADZ-Journalisten Ralf Sudrigian geführten Gespräch stellt Dr. Dobrescu den Verein GIL Corona vor, der den erwähnten Themenbereich mit Erziehung und Schulunterricht verbindet.

Für was steht der Name GIL Corona?

Obwohl inzwischen der Name Corona von vielen verwendet wird, ist er für unsere lokale Initiativgruppe in dem Bereich, in dem wir tätig sind, und zwar Erziehung und Kulturerbe, zu einem Markenzeichen geworden. GIL Corona steht für Qualität der Erziehungs- und Bildungsprogramme, die wir anbieten. Durch viel Arbeit und durch einen innovativen Geist konnte unsere kleine Mitarbeitergruppe Anerkennung gewinnen. Wir können unsere Identität als Nichtregierungsorganisation, was unser Profil und unsere Größe betrifft, mit einem Labor vergleichen, wo experimentiert wird und wo man vielleicht bereits manchen behördlichen Organisationsformen einen Schritt voraus ist. Wir machen uns Gedanken, wie wir die Dinge in unserem Tätigkeitsbereich verbessern können. Unsere Schlussfolgerungen legen wir den Behörden vor, mit denen wir zusammenarbeiten. Sie können dann das fortführen, was sie als Verbesserung betrachten. Es besteht ja bekanntlich ein großer Bedarf an Fachwissen in der institutionellen Reform.

Hat GIL Corona bisher die selbst gesteckten Ziele erreichen können? Wie ist das Feedback seitens der Behörden?

Was wir uns vornehmen, sind Änderungen, die nicht von heute auf morgen erkennbar sind und die in kleinen Schritten erfolgen. Die Gesellschaft an und für sich ändert sich schwer. Wir müssen realistisch bleiben und Geduld haben. Aber Ergebnisse können schon bemerkt werden.

Vielleicht auch in der Einführung der Schulprojektwoche?

Das ist schwer zu sagen, denn für viele bleibt diese Art der Erziehung nur eine Formsache. Aber es ist ein Schritt vorwärts. Es gibt bestimmt auch Klassen, die ohne diese Projektwoche nicht die Gelegenheit hätten, die Schule zu verlassen, gemeinsam als Klasse etwas zu unternehmen und sich so besser kennenzulernen. Ideal wäre es, für solche Aktivitäten nicht eigens eine Woche im Schulkalender festzulegen, sondern in dieser Hinsicht flexibler zu sein.

Wie wird der Verein finanziert?

Es gibt gewisse Fonds, die für unseren Tätigkeitsbereich vorgesehen sind. Sie kommen von verschiedenen Ländern, nicht direkt von der Europäischen Union, z. B. über British Council, die Botschaft Hollands oder die Regierungen Norwegens, Islands, Liechtensteins. Hinzu kommen rumänische Regierungsgelder, aber auch finanzielle Unterstützung seitens des Kreisrates im Falle der museumspädagogischen Aktivitäten.

Warum ist Erziehung der Schwerpunkt der Tätigkeit Ihres Vereins?

Wir glauben, die Erziehung muss verstärkt in die Gesellschaft eingegliedert werden. Deshalb nehmen wir uns vor, die Schule stärker in ihr Umfeld einzubinden.

Wird im rumänischen Bildungswesen nicht bereits viel zu viel experimentiert?

Man sollte zwischen einer Mikro- und einer Makroebene unterscheiden. Meine Studien erlauben es mir, falls das erwünscht ist, mich über Belange der öffentlichen Politiken zu äußern und mich auch darin einzubinden. Das geschieht in der Regel auf Landesebene. Solche Angebote kamen für mich eher vom Kulturministerium und vom Bildungsministerium und weniger von den Stadt- und Kreisbehörden. Das ist also die Tätigkeit im Bereich Erziehungs- und Kulturpolitik, wo ich als Sachverständige Stellung nehme. Was GIL Corona betrifft, so sind unsere Experimente ganz anderer Natur. Es geht um die Einführung von Unterrichtsmethoden, wie sie auch anderswo angewandt werden, aber angepasst an die hiesigen Nutznießer. Alles ist also hauptsächlich auf unsere Schüler bezogen. Unsere Ziele in der Erziehung müssen von öffentlichem Nutzen sein. Wir glauben, dass zumindest zu diesem Zeitpunkt mehr Wert auf die Bildung als Bürger gelegt werden muss als auf Fachkenntnisse, die ja allerdings auch das allgemeine Wissen erweitern. Das heißt, in erster Linie Verantwortung übernehmen. Es heißt auch eine Konvergenz zwischen der Strategie der Eltern und jener der Schule. Es setzt ebenfalls eine gewisse Bindung an die Stadt voraus, die die Jugendlichen stärker zu einer Mitgestaltung motivieren soll.

Die Förderung einer lokalen Identität wurde von GIL Corona auch durch museumspädagogische Arbeit verfolgt.

Wir verfolgen damit zwei Sachen: Zum Einen wollten wir den Schülern angenehme, interessante Museumsbesuche anbieten. Wir traten als Bindeglied auf zwischen jenen, die die historischen, künstlerischen, ethnografischen Kenntnisse hatten – also das Museumspersonal – und jenen, die über  pädagogische Kenntnisse verfügten – die Lehrkräfte. Wir waren unter den ersten, die Fachhefte herausbrachten über didaktische Tätigkeiten in Museen. Zusammen mit dem Kreisrat Kronstadt haben wir eine Werbekampagne für die Kronstädter Museen unternommen, an der sich alle fünf Museen beteiligt haben (Geschichtsmuseum, Kunstmuseum, Volkskundemuseum, Casa Mureşenilor, Museum der ersten rumänischsprachigen Schule).

Ist heute im Zeitalter der Globalisierung die lokale Identität noch wichtig?

Darauf antworten wir durch unsere Lektionen im Ştefan-Baciu-Haus. Der Dichter und Hochschulleher Ştefan Baciu ist, trotz seinem Wirken und Leben fern der Heimat, bis zu seinem Lebensende sehr eng seiner Heimatstadt Kronstadt verbunden geblieben. Auch sein Beispiel zeigt:   Eine gediegene Erziehung setzt voraus, dass du die Orte gut kennst, wo du aufgewachsen bist; die Kultur der Heimat ist ein Teil von dir, der Nährboden für das spätere Leben. Die Bindung an deinen Geburtsort wirkt sich positiv aus auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Im Baciu-Haus stellten Sie auch die neue Heimat des Dichters, das ferne Hawaii, vor – lokale Identität und exotische Plätze schließen sich also nicht aus!

Keineswegs. Ein erweiterter Horizont schafft Neugierde, Öffnung, eine positive Einstellung gegenüber den anderen. Und das müssen wir lernen. Das ist sehr wichtig, beginnend mit dem Fremden neben uns und mit dem Touristen, der uns besucht und aus einem anderen Kulturraum kommt.

Wie konnten Sie das Interesse für die lokale Identität wecken?

Wir stellten uns die Herausforderung, mit unerwarteten und neuartigen Lösungen zu überraschen. Wir wollten sicher sein, dass somit das Interesse der Schüler gewonnen wird. Auf keinen Fall wollten wir Schulweisheit wiederkäuen; im Gegenteil, wir wollten sie ergänzen. Außerdem gibt es auch eine zweisprachige, rumänisch und deutsche Buchreihe, ausgehend von der Heimatgeschichte. Es sind Erzählungen für Kinder, die Hauptgestalten agieren in einem bestimmten historischen Kontext (z. B. im Kronstadt des 19. Jahrhunderts oder in Weidenbach zur Zeit des Besuchs von Kaiser Franz Joseph). Es wird leicht verständlich erzählt, sodass die Kinder beim Lesen auch Geschichtskenntnisse mitbekommen, ohne zu merken, dass sie dabei indirekt spielerisch auch etwas lernen.

Wie steht es mit den Zukunftsprojekten?

Wir hängen sehr an unser Kinderbücherreihe, die ausnehmend gut angekommen ist. Es geht nicht allein um die Herausgabe von Büchern, sondern auch um pädagogische Schritte, die sich auf diese Büchlein stützen. Zunächst geht es um Konzeption und Dokumentation der Texte, aber das Schwergewicht fällt auf die Möglichkeiten, die diese Texte durch das Näherbringen der Geschichte vorschlagen. Außerdem gilt unsere Aufmerksamkeit auch den Lehrkräften. Sie haben die Gelegenheit, bei interessanten Veranstaltungen mitzuarbeiten, es gibt neue Themen für sie und wir freuen uns über ein gutes Feedback seitens der Lehrer.

Wer arbeitet bei GIL mit?

Wir arbeiten projektbezogen. Das auch weil wir keine Finanzierung außerhalb der Projektarbeiten sichern können. Dabei nützen wir das Fachwissen unserer Mitarbeiter strikt im Rahmen unserer Projekte. Es gibt in unserem Umfeld Kerngruppen von Experten. Wenn wir mehr oder weniger informell zusammenkommen, sprechen wir über Themen, die uns als interessant erscheinen, und wandeln sie in Projekte um. Wenn das Projekt eine Finanzierung erhält, werden diese Fachleute Mitglieder des Corona-Teams.

Gibt es auch Freiwillige?

Die meisten von uns arbeiten bei vielen Projekten freiwillig mit. Selbst bei Bezahlung ist der Arbeitsaufwand weitaus höher als die Stundenanzahl, die berechnet wird. Und das tun wir, weil es wichtig ist, dass sich das, was wir anregen, auch tatsächlich ereignet.

Also gibt es eine Bereitschaft für freiwilligen Einsatz?

Sicherlich. Aber ich möchte auf etwas Wichtiges hinweisen: Die notwendige Anerkennung, die den Fachleuten und ihrer Expertise entgegengebracht werden sollte. Es kann nicht ausschließlich eine freiwillige Beteiligung seitens der Experten geben. Letztendlich tun sie ihre Arbeit auch, um ihre Existenz zu sichern. Es muss ein Gleichgewicht gesichert werden – die Kommune muss den Wert dieser Arbeit schätzen, vor allem weil es sich manchmal auch um Neuland handelt. Zum Beispiel bei der Stärkung einer Kommune. Nicht alle verstehen, wie wichtig es ist, dass eine Gemeinde wirklich als solche wirken kann. Standpunkte sollten sich ergänzen; eine Zusammenarbeit sollte angestrebt werden, um Ideen umsetzen zu können. Diese Entwicklung einer Kommune setzt oft voraus, einschließlich im Westen, dass es Personen gibt, die als Vermittler in der Gemeinschaft agieren. Sie sind für sozialen Dialog qualifiziert und sind in der Lage, Prioritäten festzulegen, Bedürfnisse zu identifizieren, Entwürfe zu planen. Solche Kompetenzen finden wir ja in der Geschäftswelt, wo sie sehr gut entlohnt werden, aber auch in der Zivilgesellschaft, in NGO, wo sie weniger gut bezahlt aber trotzdem entlohnt werden sollten.

Apropo lokale Identität: Womit kann sich Kronstadt wirklich rühmen?

Ich könnte Ihnen sagen: Als Kronstädter lieben wir unsere Stadt, so wie sie ist. Je nach Kontext können wir bestimmte Werte und Stärken der Stadt hervorheben. Sehr wichtig ist, dass das, was als repräsentativ gilt, von der Kommune als Identität auch übernommen wird. Da muss dann auch Kohärenz zu einem gewissen Image bewiesen werden. Wir können uns nicht als Kulturstadt betrachten, wenn unser Kulturangebot sehr spärlich dasteht. In Kronstadt ist es auch schwerer, die Bevölkerung für Neuigkeiten im Kulturbereich zu interessieren. Es ist letztendlich auch ein Mangel an Erziehung betreffend Kulturrezeption. Das müssen wir mit spezifischen Programmen ausgleichen. Was das Kulturerbe der nationalen Minderheiten betrifft, so wird dieses von GIL Corona besonders geachtet, weil es ein Mehrwert für Kronstadts Kulturprofil bedeutet. Das muss aber nicht nur nach außen hin gefördert werden. Wichtig ist, sich auch ge-genseitig kennenzulernen: Einerseits sollen die Minderheiten sich vorstellen, Bereitschaft zur Öffnung zeigen; andererseits soll die Mehrheitsbevölkerung sich den Minderheiten nähern, mehr über ihre Geschichte, ihre Traditionen aber auch über ihr gegenwärtiges Leben erfahren.

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