Die märchenhafte Welt des Theaters

Simona Vintilă wandelt tragisches Ende in Happyend um

Mittwoch, 04. Dezember 2013

Schauspielerin Simona Vintilă machte den Übergang zur Regie. Foto: DSTT

Ein kleines Mädchen wandert barfuß und traurig durch die weihnachtlich geschmückten Straßen und versucht, Schwefelhölzer zu verkaufen. Es friert so sehr, dass es ein erstes Streichholz anzünden muss. Im Lichtschein des Hölzchens fühlt sie sich, als würde sie an einem warmen Ofen sitzen, doch dies hält nur solange an, bis das Streichholz verlischt. Nach und nach zündet das Mädchen auch die weiteren Streichhölzer an und gleitet so in immer reichhaltigere Träume. Schließlich begegnet es seiner Großmutter und bittet diese, es in den Himmel mitzunehmen. So lautet eine kurze Zusammenfassung des Märchens von Hans Christian Andersen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Das Deutsche Staatstheater Temeswar (DSTT) bietet am 8. Dezember die gleichnamige Premiere in der Bühnenfassung und Regie von Simona Vintilă, die im Studiosaal des Ungarischen „Csiky Gergely“-Staatstheaters Temeswar/Timişoara gezeigt wird. Doch Simona Vintil²s Inszenierung hat, zum Unterschied zu Andersens Märchen, ein Happyend. Mehr dazu erfahren Sie aus einem Gespräch mit Simona Vintilă, geführt von der BZ-Redakteurin Andreea Oance.

Simona Vintilă, Sie kommen nun als Regisseurin mit einem weiteren Märchenstück vor das Temeswarer Publikum. Was bewegte Sie dazu?

Das, was ich jetzt mache, ist kein Märchen und auch keine Erzählung. Meine Inszenierung ist eine Wiederspiegelung einer gegenwärtigen Problematik – die Armut, die weltweit existiert und sowohl von den Kindern der 1. bis 4. Klasse, als auch von Erwachsenen wahrgenommen werden kann. Meine Theaterstücke wenden sich gewöhnlich nicht ausschließlich an Kinder. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ nähert sich nur von der Thematik her einer Weihnachtsgeschichte. Was mir am besten gefällt, ist, dass Hans Christian Andersens Werk allgemein gültig ist. Er dachte nicht einmal daran, dass in einigen hundert Jahren wir immer noch über die Armut von Kindern reden würden. Wir verstehen heute dieses Thema anders. Und gerade das passt gut zu mir, nicht nur, dass das Mädchen Schwefelhölzer verkaufen muss, um ihr Dasein zu verdienen, sondern sie kommt auch aus einer Familie mit Problemen, und dem begegnen wir oft auch heutzutage. Das Schönste an meiner Geschichte, die nach der Geschichte von Andersen geschrieben wurde, ist, dass es kein tragisches Ende für das Mädchen gibt. Ganz im Gegenteil, es wird ein schönes Ende geben. Wenn zu viel Schlimmes und Schlechtes auf der Welt passiert, gibt es trotzdem noch eine Hoffnung. Ich fordere die Zuschauer auf, das Theaterstück zu sehen, um das Gleichgewicht, das Gute, das folgen wird, zu entdecken – das Gleichgewicht, das ich gefunden habe.

Ihr Märchen hat also kein tragisches Ende... Wodurch unterscheidet sich noch diese Inszenierung von den anderen Märchen, die auf die Bühne des DSTT gebracht wurden?

„Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist ein Märchen, das ich in meiner Kindheit mehrmals gelesen habe und ich habe immer wieder gelitten, weil das Mädchen am Ende stirbt. Viele Leute vermeiden es gerade deswegen, das Märchen zu lesen, verfilmt oder inszeniert zu sehen. So dachte ich: Das Ende des Märchens ist typisch für Andersen, der als Mensch depressiv und alkoholsüchtig war. Doch ich wollte jenseits von dieser Problematik sehen und entdeckte, dass es eigentlich am Ende um Hoffnung geht. Das Kind stirbt eigentlich nicht. Wir stellen uns mehrmals als Menschen vor, dass uns letztendlich Gott retten wird, dass es ein neues Leben nach dem Tod gibt, wenn wir uns in einer gewissen Art benehmen. Warum soll es in diesem Märchen für Kinder auch kein neues Leben geben? In meiner Inszenierung kommen das Mädchen und die Großmutter aus einer Welt der Engel und sie wollen uns nur eines vermitteln: Das Leben ist nicht so, wie wir es uns vorstellen, es endet nicht mit Leiden. Es kann auch gut enden, wir müssen aber die Hoffnung nie aufgeben. Gerade das möchte ich sowohl meinen kleinen, als auch den großen Zuschauern vermitteln. Ich werde nicht eine klassische Erzählung vorstellen, so wie ich es bis jetzt in den Märcheninszenierungen gemacht habe. Ich möchte die Leute überraschen, so dass sie, wenn sie den Theatersaal betreten, nicht gleich in die Geschichte eintauchen, die Zuschauer werden darin schrittweise begleitet. Und ich habe so viel wie möglich versucht, dass sie nicht von diesem Märchen traumatisiert werden.

Inwiefern kann man Theater für Kinder noch attraktiv machen? Die Konkurrenz ist groß: Zeichentrick- und Animationsfilme, Fernsehprogramme, alle befriedigen heutzutage die Neugierde und Phantasie der Kinder. Bleibt noch was für die Kunst übrig?

Es stimmt. Die Kinder haben heutzutage ein sehr großes Angebot und der Vergleich ist gar nicht leicht, denn das Internet, die Kinowelt usw. bedeuten sowohl eine komplexe Technik, als auch eine ganz andere Sprache. Theater bedeutet aber eine ganz andere Welt, eine lebendige Sprache. Es ist wahr, dass zu solchen Märcheninszenierungen Kinder aus Kindergärten und Schulen gebracht werden. Diese Kinder betreten den Theatersaal etwas zurückgezogen, doch in dem Augenblick, wenn sie im Märchen mitten drin sind, geraten sie in Kontakt mit den Leuten – das kann zum Beispiel im Falle eines Filmes nicht passieren. So lange dieses einzigartige Erlebnis noch existiert, existiert auch das Theater.

Wenn man den Erfolg Ihrer Märcheninszenierungen betrachtet, welche sind die Erwartungen an die neue Inszenierung?

Noch habe ich keine Erwartungen. Ich habe mir erlaubt, den Text in einer anderen Art und Weise zu inszenieren. Ich wollte einfach kein Rezept, kein Gericht verfolgen. Man hat mich als Regisseurin von Kindertheaterstücken vorgestellt und mir ist so eine Art Stempel aufgesetzt worden. Bis jetzt habe ich die jeweiligen Märchen Schritt für Schritt verfolgt und ich habe alles so gemacht, um das Herz der Kinder zu berühren. Ich habe mir nun erlaubt, das Herz der Kinder zu vernachlässigen, wenn ich das so sagen darf, und möchte sie als Zuschauer herausfordern. Ich weiß noch nicht, welche die Reaktionen sein werden. Ich bin auch sehr gespannt, was heraus kommt. Ich wünsche mir nur, dass dieses Märchen gut gespielt wird und beim Publikum gut ankommt. Ich möchte, wie gesagt, dieses Rezept von Musical- und Märcheninszenierungen nicht mehr verfolgen und möchte einfach meinen Instinkten folgen.

Dem Rezept „Kinderstücke von Simona Vintilă“ wurde aber durch die Aufführung „Fette Männer im Rock“ widersprochen. Gibt es auch andere solche Projekte, die Sie demnächst umsetzen möchten?

Ich war nie froh mit meiner Bezeichnung als Regisseurin von Kinderstücken. Mir macht es aber auch nicht aus, denn ganz im Gegenteil, ich liebe diese Art von Theater, wo man sich als Schauspieler idealistisch benehmen kann. Doch ich bin nicht nur das. Ich habe auch Stücke für Erwachsene geschrieben. „Fette Männer im Rock“ war das erste Stück. Eigentlich war „Sound of Music“ meine erste Inszenierung, doch dieses Musical kann sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern angesehen werden. Doch „Fette Männer“ war eine ganz andere Richtung. Diese Aufführung hatte auch sehr großen Erfolg unter jungen Leuten, auch wenn es ein Thema war, wovor sich die Leute hüten: der junge Mann, der zum Tier wird, der zum Kannibalen wird, der homosexuell ist – all das bildet ein hässliches Thema für unsere Gegenwart. Es wäre interessant, wenn das Stück erneut aufgenommen wird. Für mich war „Fette Männer“ ein Vorgänger für andere Produktionen. Ich habe angefangen zu schreiben und möchte nun auch zu meinen Texten die Regie machen.

Ich habe für das Arader Theater das Spiel „Blessed“ geschrieben. Es ist ein Theaterstück, das über die Alzheimer-Krankheit spricht. Dies ist auch ein Thema, wovor sich die Leute fern halten wollen. Viele Leute können es sich gar nicht vorstellen, dass genauso wie andere Organe, auch unser Gehirn erkranken kann. Mir ist es passiert – meine Mutter hat Alzheimer in einem mittleren bis fortgeschrittenen Stadium. Für sie habe ich dieses Stück geschrieben, aber auch für alle Menschen, die in Kontakt mit dieser Krankheit gekommen sind.

Ich habe auch einen weiteren Text für Kinder geschrieben. Das Spiel heißt „Go.Dot“. Es handelt von zwei Kindern, die aus zwei verschiedenen Welten kommen. Der eine ist reich, der andere ist arm - eine Art „Prinz und Bettler“ unserer Zeiten. Ich bin also einfach eine Regisseurin. Nicht nur eine Regisseurin für Kinderstücke.

Wie soll nun Ihre Zukunft als Regisseurin aussehen?

Viele der Stücke, die ich erwähnt habe, sind für ein weiteres Projekt von mir geplant. Ich plane, ein selbständiges Theater zu gründen. Dieses Theater wird junge Schauspieler zusammenbringen – Schauspieler, die mit Leidenschaft aufführen. Das Ensemble existiert schon, wir haben jedoch keine Räumlichkeiten. Es hat auch noch keinen Namen. Es wird aber pünktlich zur ersten Aufführung einen haben. Diese könnte schon Ende Januar stattfinden. Dies wird auch das erste Projekt eines selbständiges Theaters geleitet von Simona Vintilă sein.

Sie sind ja Schauspielerin. Wie sind Sie eigentlich zur Regie gekommen? Wie war der Übergang?

Der Übergang war sehr schwer für mich. Dies ist auch eine schmerzhafte Frage. Ich habe mich als Schauspielerin engagiert. Ich kann mich als Produkt von Ildiko Zamfirescu bezeichnen. Das habe ich studiert und das habe ich viele Jahre gemacht. Ich habe meinen Beruf sehr geliebt. Doch es kam die Zeit, als ich bemerkte, dass ich nicht mehr den Kriterien des Theaters entspreche. Das Repertoire des DSTT hatte sich so entwickelt und geändert, dass es sich nur selten noch Rollen für mich fanden. Man sagte mir, dass ich eine solche Art von Auftreten habe, die besondere Rollen beansprucht. Ich war damit nicht zufrieden. So musste ich einsehen, dass mein Platz nicht mehr unter den Schauspielern war, auch wenn das DSTT weiterhin meine Familie bleibt.

Der Übergang war nicht plötzlich. Ich habe zuerst mit den Märcheninszenierungen „Die Schöne und das Biest“ und „Schneewittchen“ angefangen - es gefiel mir sehr, hinter der Bühne zu stehen. So begann ich mein Regiestudium in Neumarkt/Târgu Mureş. Dann folgten weitere Stücke und ich entdeckte, dass ich mich in dieser Position sehr gut wiederfinde. Dass ich jetzt nicht mehr als Schauspielerin arbeite, wurde durch meine Arbeit für Bühnenfassung ersetzt. Seit 2011 bin ich nun freiberuflich tätig. Das war eine weitere schwere Entscheidung. Auch wenn ich nun die Freiheit habe, zu schaffen und zu schreiben, denn ich habe die Vorführung auf der Bühne verloren. Auch wenn ich jetzt einen anderen Beruf habe, bleibe ich für immer Schauspielerin. 

  

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