Die meisten rumänischen Minister sind Bukarester

Wie reich ist der neue Premier Mihai Răzvan Ungureanu?

Samstag, 03. März 2012

Interims-Premierminister Mihai Răzvan Ungureanu ist laut Nachberechnungen der Medien reicher als Ex-Premier Emil Boc. Laut deren Vermögenserklärungen wird das Vermögen von Emil Boc auf 135.000 Euro geschätzt (Berechnungen von Mitte 2011, zu den damals gültigen Schätzwerten von Grund und Boden sowie Immobilien). Ungureanu besitzt drei Grundstücke, zwei bebaubare und ein landwirtschaftliches, sowie zwei Immobilien. 
Insgesamt wird das Vermögen des Ex-Auslandsgeheimdienstchefs und jetzigen Premierministers (bzw. des möglichen künftigen Staatschefs) auf fast 450.000 Euro geschätzt.

Die umstrittene Villa

Laut Vermögenserklärung besitzt Ungureanu im Weiler Sotrile, Gemeinde Nistoreşti, ein bebaubares Grundstück von 5000 Quadratmetern. Der Verkaufswert solcher Grundstücke in Nistoreşti liegt bei rund vier Euro/qm. Näher zu Bukarest, in Voluntari, besitzt Ungureanu ein weiteres Grundstück, auf dem auch seine Bukarester Villa steht. Mitte 2011 kostete hier ein Quadratmeter Baugrund 126 Euro, inzwischen ist sein Wert laut Immobilienmaklern auf rund 110 Euro/qm gefallen. Das Grundstück in Voluntari, da bereits aufgeschlossen, wird auf 46.500 Euro geschätzt. Das dritte Grundstück Ungureanus liegt bei Slobozia im Bărăgan, besteht aus zwei Hektar Ackerland und wird auf 40.000 Euro geschätzt. 
In Jassy/Iaşi, wo er herkommt, besitzt Mihai Răzvan Ungureanu ein Zwei-Zimmer-Appartement, dessen Verkaufswert bei 50.000 Euro angesetzt ist. In Bukarest hat er sich in der Nähe der Einflugschneise des stadtnahen Flughafens Băneasa eine Villa bauen lassen, deren Wert auf 250.000 Euro geschätzt wird. Bezüglich dieser Villa – und weiterer Villen (meist von Prominenten), die in ihrem Umfeld stehen – gibt es seit Jahren Proteste der Flughafenbehörden von Băneasa, weil die Immobilien für eine Einflugschneise der Flugzeuge zu hoch gebaut wurden, was die Flugsicherheit beeinträchtigt. Diverse Bukarester Zeitungen wärmen das Thema periodisch auf – gelegentlich war auch von Abrisszwang die Rede, ohne allerdings über ein zeitweiliges Trüben der Wässer hinauszukommen.

Ungureanu besitzt keinen Eigenwagen, verfügt aber, über mehrere Banken gestreut, über Konten, wo laut Eigenangaben rund 20.500 Euro gelagert sind. Hingegen steht in seiner Vermögenserklärung unter dem bei rumänischen Politikern klassischen Kapitel „Schulden“: 100.000 Euro.
Als Leiter der Auslandsaufklärung hatte Ungureanu einen Monatslohn von 5512 Lei netto (was einem Jahreslohn von über 66.000 Lei entspricht) und Netto-Zusatzeinkommen aus dem Universitätsunterricht von 28.574 Lei (Stand: 2010). Damit kam er umgerechnet auf ein Netto-Jahreseinkommen von 22.300 Euro. Angegeben hat der Buchautor Ungureanu auch Einkommen aus Autorenrechten: 1963 Lei im Jahr 2010. Alles zusammengerechnet beträgt das Vermögen des amtierenden Premiers fast 450.000 Euro.

In Bukarest werden Minister geboren

Anlässlich der Einsetzung der Interims-Regierung Ungureanu vor ein paar Wochen haben diverse Medien eine Bilanz der Herkunftsgebiete der Minister gemacht, die seit 1990 Rumänien im Rahmen diverser Regierungen geführt haben. Diese ist insofern aufschlussreich, als – einmal mehr – die Dominanz von Bukarest in der rumänischen Politik – auch als Geburtsort von Spitzenpolitikern – unterstrichen wird (daher vielleicht auch die Stärken und Schwächen dieser Politik...).

Erste Bemerkung: Durch die neuen Minister – bei manchen Parteien der Regierungskoalition: die alten – hat sich die Landkarte von deren Herkunftsgebieten kaum verändert. Weiterhin geben die Walachei und Siebenbürgen als Heimatsgebiete der Minister den Ton an. Von der ersten Regierung nach der Wende (Kabinett Petre Roman: 26. Dezember 1989 – 28. Juni 1990) und bis zum amtierenden Kabinett Mihai Răzvan Ungureanu hatte Rumänien in 22 Jahren 15 Regierungen und 242 Minister und Premierminister (eine der Regeln: In jeder Regierung wurde die Zahl der Ministerien geändert). 

Viele der 242 Minister oder Premierminister haben sukzessive oder mit Unterbrechungen in mehreren Ministerien gedient, tauchen aber in der Statistik n als Person ur ein einziges Mal auf. Bei 14 Ministern der Anfangsperiode, nach der Wende, ist die regionale Herkunft schleierhaft geblieben (vorrangig bei jenen, die schon unter Ceauşescu gedient haben), andere (beispielsweise Gheorghe Caranfil, Minister der Chemieindustrie 1980-82 und in der Regierung Petre Roman, Nicolae Militaru, Verteidigungsminister unter Petre Roman und Stellvertreter des Verteidigungsministers unter Ceauşescu) haben ihre Herkunft absichtlich oder aus damals geltenden Gründen des Berufsgeheimnisses nicht angegeben. Das gilt vor allem für die reaktivierte alte Nomenklatura. Aber auch beim umstrittenen Ex-Kommunikationsminister Sorin Pantiş, bei Vlad Roşca oder Silvia Ciornei – die erste authentische Rechts-Regierung Rumäniens (1996-2000) unter Victor Ciorbea hatte mehrere Minister, deren Geburtsorte nur schwer auszumachen sind. 

64 der 242 Minister, die Rumänien seit 1989 regiert haben, kommen aus Bukarest. Gerechnet an der Tatsache, dass in Bukarest rund zehn Prozent der Bevölkerung Rumäniens leben, ist dieser Prozentsatz von 25 Prozent aller Minister enorm.
Es folgen die politisch auffällige – weil nicht selten wendehalsige, aber durch die Babeş-Bólyai-Universität mit ihren 1500 Professoren herausragende – Region Klausenburg mit 13 Ministern und einem Premierminister (Emil Boc) und der ansonsten kaum auffällige Verwaltungskreis Hunedoara mit neun Ministern. 

Beeinflusst der Spiritus Loci Regierungen?

Fünf Minister der vergangenen 22 Jahre sind außerhalb der heutigen Grenzen Rumäniens geboren, unter ihnen Ex-Premier und Wirtschaftsminister Nicolae Văcăroiu (er stammt aus Cetatea Albă/Bugeac in der Ukraine) oder Nicolae M. Nicolae (aus Silistra/Bulgarien).
Anbei (auch zur Erinnerung) einige der Minister, die in Bukarest geboren sind: Petre Roman, Adrian Năstase, Andrei Pleşu, Adrian Severin, Valeriu Stoica, Ulm Spineanu, Călin Popescu-Tăriceanu, Alexandru Athanasiu, Andrei Marga, Ion Caramitru, Mircea Cinteză, Ion-Victor Bruckner, Teodor Baconschi, Bogdan Olteanu, Constantin Dudu-Ionescu u. a. Aus Klausenburg stammen Grigore Zanc, Petre Sălcudeanu, Gavril Dejeu, Ioan Oltean, Ioan Rus, Mona Muscă, Emil Boc oder der gegenwärtige Bildungs-, Forschungs- und Jugendminister Cătălin Ovidiu Baba. Hunedoara ist Heimat der Ex-Minister Teodor Meleşcanu, Gheorghe Barbu, Iuliu Winkler, Károly Borbély, Gheorghe Pogea oder Monica Iacob-Ridzi. Acht Minister stammen aus dem Verwaltungskreis Prahova, unter ihnen Mircea Coşea, Dan Ioan Popescu, Remus Opriş, je sieben aus den Verwaltungskreisen Kronstadt (darunter Marcian Bleahu, Daniela Bartoş, Gheorghe Ialomiţeanu und Ludovic Orban) und Temesch (Mihai Sora, Doru Ioan Tărăcilă, Iosif Ştefan Drăgulescu, Anton Anton) und je sechs aus Alba und Sălaj (unter ihnen Valeriu Tabără, Virgil Măgureanu, Victor Ciorbea, Mircea Miclea, Mihail Hârdău, Dacian Cioloş, Lucian Bode). 

Das Banater Bergland hat als Geburtsort von Ministern eigentlich nicht viel zu den Regierungen nach der Wende beigetragen, außer dem vielfachen Minister Sorin Frunzăverde (mehrmals Verteidigung, auch Umwelt, Tourismus), dem umstrittenen Geheimdienstspezialisten Ioan Talpoş, Hildegard Puwak und Landwirtschaftsminister Ilie Sârbu, während Arad – trotz (Wahl-)Verwandtschaftsbeziehungen zu „Zeus“, Staatschef Traian Băsescu – bislang bloß in jüngster Zeit mit Ministern zum Staatsaufbau in Bukarest beigetragen hat: Daniel Funeriu und Claudia Boghicevici. Verwaltungskreise wie Argeş (Ion Ariton), Covasna (Márkó Béla), Giurgiu (Eugen Nicolăescu), Ialomiţa (Alexandru Lăpuşan) und Tulcea (Crin Antonescu) haben bisher nur mit je einem Minister in Bukarest gedient. Neunzehn Verwaltungskreise fungieren auf der Liste, wo zwischen einem und drei Minister der Regierungen zwischen 1989-2012 geboren sind. Von den 13 Verwaltungskreisen, in denen vier und mehr Minister zur Welt kamen, liegen vier in der Moldau, zwei im Banat und einer ist die Marmarosch/Maramureş. Alle anderen liegen in Siebenbürgen und in der historischen Walachei.

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