Die Musik Richard Wagners im Banat (II)

Eine Rezeptionsgeschichte zum 200. Geburtstag des Komponisten

Samstag, 09. November 2013

Ankündigung der Tannhäuser-Premiere in Temeswar (1866)

Handschrift Apolonia Schwefelbergs mit einer Sopran-Arie (um 1850)

Tannhäuser in Temeswar

„Das Ereignis des Tages, den Gesprächsstoff sowohl der musikalischen Kreise als auch den der Laien bildet die am 13. d. Mts. stattgehabte erste Aufführung der vorgenannten Oper. Der Meinungskampf, der gleich beim Erscheinen der ersten Schöpfung Wagners in allen musikalischen Kreisen entbrannte und bis auf den heutigen Tag nicht ausgetragen ist, ward nun auch uns nähergerückt, und obzwar es niemand geben wird, der nach einmaligem Anhören einer Wagnerschen Oper von sich wird sagen können, er habe sie verstanden, so gibt doch schon eine einmalige Aufführung der Anhaltspunkte gar viele, um in dem Meinungskampfe über Verwerflichkeit oder Vorzüglichkeit Wagnerscher Musik einige Orientierung zu gewinnen.“ Mit dieser langen Einleitung beginnt die Kritik der Opernpremiere von Wagners „Tannhäuser“ im Feuilleton der „Temesvarer Zeitung“ vom 18. Januar 1866.

Die Uraufführung dieser romantischen Oper in drei Akten fand 1845 in Dresden statt und bis 1861 folgten weitere Ausarbeitungen der Partitur. Allerdings war dies nicht „die erste Schöpfung Wagners“, wie der Berichterstatter schreibt, davor entstanden bereits „Das Liebesverbot“ (1836), „Rienzi“ (1842) und „Der Fliegende Holländer“ (1843). Es war aber vermutlich die erste Wagneroper auf einer Temeswarer Bühne.

Und trotzdem hat man auch in Temeswar schon viel über Richard Wagner gelesen und debattiert. Der Begriff „Zukunftsmusik“ war geläufig und es bildeten sich auch in Banater Kulturkreisen schon Anhänger und Gegner dieser Musikbewegung. Der Schreiber dieses Zeitungsartikels wollte aber objektiv bleiben und hat sich die größte Mühe gegeben, keine der Gruppierungen zu beleidigen. Wagner wird auch als Dichter dargestellt, der bekanntlich seine Libretti (Operntexte) selbst schrieb. Doch dessen Musik wird viel mehr geschätzt als seine Dichtungen: „Man mag aber noch so streng mit Wagner ins Gericht gehen… so viel wird man auf alle Fälle zugeben müssen, dass Wagner ein hervorragendes, schöpferisches, großes musikalisches Talent sei, dessen Streben ein edles, dessen Erfolg, trotz aller Anfeindungen, ein unleugbar bedeutender ist.“

Die Interpreten wurden besonders hervorgehoben und ernteten großen Beifall. Direktor Eduard Reimann wurde wegen seines Mutes gelobt, es war ihm gelungen, auf einer so kleinen Bühne wie jene des Temeswarer Theaters ein solches Werk aufzuführen. Selbst Kapellmeister Fuchs wurde nach der Ouvertüre und nach allen Aktschlüssen hervorgerufen und lange applaudiert. Dieser musste sein Orchester mit 16 Mann verstärken, um der Partitur Wagners gerecht zu werden.

Apolonia Schwefelberg und Richard Wagner

In diesem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1866 wird auch die Sängerin Apolonia Schwefelberg genannt, die im Tannhäuser die Venus dargestellt hat und zu aller Zufriedenheit aufgetreten ist. Zwei Tage später, am 20. Januar 1866, brachte dieselbe Zeitung einen langen Artikel dieser Sängerin und Musikpädagogin, in welchem sie den Lesern dieses Werk Wagners näherbringt. Schwefelberg war eine geschulte Sängerin und setzte sich überzeugend für das Werk Wagners in Temeswar ein. Sie erhielt ihren ersten Musikunterricht von Domkapellmeister Moritz Pfeiffer, studierte danach in Wien bei Karl Binder und Giovanni Gentiluomo. Sie wurde als dramatische Sängerin durch Schindelmeister in Darmstadt gefördert, dann durch Anton Rubinstein in Moskau und schließlich durch Hofmusikdirektor Elsler in Berlin.

Dass sie in sehr vielen Opernvorstellungen europaweit aufgetreten ist, beweisen die zahlreichen handschriftlich erhaltenen Solostimmen aus ihrem Besitz, darunter Werke von L. Venzano, Bellini („Nachtwandlerin“), Flotow („Allessandro Stradella“), Verdi („Troubadour“, „Ernani“), Mozart („Don Juan“, „Zauberflöte“, „Der Schauspieldirektor“), Halevy („Die Musketiere der Königin“), Donizetti („Lucretia Borgia“), Rossini („Der Barbier von Sevilla“, „Wilhelm Tell“) und natürlich Opern von Richard Wagner. Für diesen Komponisten hat sie sich besonders eingesetzt, sie war eine Verteidigerin der sogenannten Zukunftsmusik, die von Richard Wagner und Franz Liszt ins Leben gerufen wurde. Alle ihre Handschriften (Abschriften) beendete sie mit M.G. („Mit Gott“).

Apolonia Schwefelberg ist auch in Königsberg als Opernsolistin aufgetreten, wie die Widmung einer Partitur des Opernsängers Sigmund Jäger vom 25. August 1861 es beweist: „Für seine liebe Kollegin Appolline (sic!) Schwefelberg instrumentiert, von Sigmund Jäger, Opernsänger, Königsberg den 25.8.1862“. Sie veröffentlichte in der „Temesvarer Zeitung“ mehrere Artikel zur Musikgeschichte, so am 8. März 1866 den Artikel „Humoristische Streiflichter auf die Entstehung und Entwicklung der Musik“. In ihrem Nachlass wurden außerdem noch zwei wertvolle Handschriften entdeckt: eine Klavierschule und eine Gesangschule. Beide Lehrwerke wurden von ihr selbst für ihren Unterricht zusammengestellt, den sie in Temeswar ab Monat April 1866 nach Beendigung der Opernspielzeit im Haus „Zur goldenen Taube“ in der Theater-Gasse erteilt hat.

Den Grund, weshalb Direktor Reimann gerade den „Tannhäuser“ an der Temeswarer Oper gebracht hat, kennen wir nicht. Das Publikum wurde bereits 1858 in den Feuilletons der „Temesvarer Zeitung“ auf die „Lohengrin“-Premiere an der Wiener Hofoper aufmerksam gemacht, wie auch auf die Premiere des „Tannhäusers“ 1857 auf der Bühne des Josephstädter Theaters. Auch hier wurde Wagner als Librettist und Dramaturg beklagt: „Wäre Richard Wagner einfach als Compositeur vor die Welt getreten, so befände er sich ohne Zweifel in einer weit günstigeren Position.“ Besonders seine theoretischen Schriften wurden negativ bewertet, so auch sein Buch „Das Judentum in der Musik“. Diese Einstellung des Publikums Wagner gegenüber konnte man auch im damaligen „Klein-Wien“, also in Temeswar, verfolgen: Hätte er sich doch lieber nur mit der Musik beschäftigt.

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