Die Musik Richard Wagners im Banat (V)

Eine Rezeptionsgeschichte zum 200. Geburtstag des Komponisten

Samstag, 30. November 2013

Programm des Wagner-Konzertes in Steierdorf (1933)

Solistenstimme aus „Lohengrin“ mit ungarischem Text (Städtisches Museum Arad, um 1860)

Der Steierdorfer Männergesangverein (1938)

Fritz Pauck (lange Jahre Bürgermeister von Karansebesch) leitete 1933 das Sinfonieorchester der Gesellschaft der Musikfreunde im Rahmen des Wagner-Gedenkkonzertes in Temeswar.

„Lohengrin“ in Arad

Die Musiksammlung des Arader Museums beherbergt einige interessante Dokumente zur Rezeption von Wagners Opern in dieser Stadt. Die Partitur von Wagners „Lohengrin“ ist vermutlich ein Erstdruck dieses Werkes, enthält die Widmung an Franz Liszt wie auch ein beachtliches Vorwort, eigentlich Dankesworte des Komponisten an seinen Freund, der sein Werk in Weimar aus der Taufe gehoben hat. Damals (1852) befand sich Richard Wagner im Exil und Franz Liszt hat als Hofkapellmeister diese Oper mit seinem Ensemble einstudiert wie auch die Premiere geleitet.

Die handschriftlichen Eintragungen in ungarischer Sprache geben die Namen der Darsteller bekannt, die bei den Aufführungen in Arad (20. Februar 1903) und Temeswar (10. März 1906) mitgewirkt haben. Dabei handelt es sich um eine ungarische Operntruppe, die von Árpád Orbán geleitet wurde. Das handschriftlich erhaltene Aufführungsmaterial wurde um 1860 zusammengetragen und wurde vermutlich auch bei der Premiere in Temeswar verwendet.

Allerdings wurden diesmal die deutschen Texte der Gesangstimmen der Solisten und des Chores mit dem ungarischen Text überklebt. Nur so konnte man diese Oper einem breiteren Publikum im damaligen Ungarn bekannt machen. Es ist auch anzunehmen, dass Karl Huber von Budapest aus dem damaligen Arader Opernensemble dieses Aufführungsmaterial zukommen ließ. Da es sowohl in Arad wie auch in Temeswar damals kein institutionalisiertes und ständiges Opernensemble gab, traten abwechselnd Theaterensembles auf, die in ihren Reihen auch Sängerinnen und Sänger hatten, mit denen man sich an Operetten und Opern wagen konnte. Die Wagner-Opern stellten allerdings zusätzlich größere Ansprüche an die Sänger und an das Orchester. Dieses musste gewöhnlich mit Musikern der örtlichen Militärkapelle und Laien verstärkt werden. Dazu kommt noch das Problem der zu kleinen Bühne und des zu engen Orchestergrabens im alten Arader Theater. Obzwar man in dessen Mauern zahlreiche Opern von Donizetti, Bellini, Verdi, Halevy aufgeführt hat, wurde das ganze Personal bei der Aufführung von Wagners „Lohengrin“ vor neue, gewaltige Aufgaben gestellt.

Gleichzeitig kam noch eine andere Schwierigkeit dazu: Wie wird dieses germanische Motiv Wagners beim ungarischen Publikum ankommen und wie wird sich das Arader Publikum überhaupt mit dieser „Zukunftsmusik“ auseinandersetzen, wie es z. B. in Temeswar der Fall war? Die Zeitungschroniken beweisen, dass der Erfolg „Lohengrins“ in Arad nur durchschnittlich war. Man kehrte nach einigen Aufführungen wieder zum alten Repertoire zurück, zu Verdi, Bellini und Donizetti.

Das Musikarchiv des Arader Museums beherbergt noch weitere interessante Dokumente zur Wagner-Rezeption jener Zeit. So besuchte ein Arader Bürger die Aufführung des „Parsifals“ im Rahmen der Bayreuther Opernfestspiele des Jahres 1894. Zwei weitere Konzertprogramme wurden aus dem Grand Etablissement Posthof des Kurortes Karlsbad mitgebracht und stammen aus den Jahren 1905 und 1906. Hier fand am 12. Juni 1905 ein Wagner-Liszt-Konzert mit der Kurkapelle statt (Leitung Martin Spörr) und am 13. August 1906 ein Richard-Wagner-Konzert (Leitung August Püringer).

Gedenkkonzerte zu Wagners 50. Todestag

Durch die Folgen des Trianon-Vertrags nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus im Deutschen Reich begann man auch im Banat und in Siebenbürgen, die Musik und die theoretischen Schriften Wagners in den Dienst dieser Politik zu stellen. Bereits 1933 fanden anlässlich des 50. Todestags Richard Wagners zahlreiche Veranstaltungen und Konzerte statt. So auch jenes groß angekündigte Konzert des Banater Deutschen Kulturvereins vom 5. April 1933 in Temeswar. Nach der Wagner-Gedächtnisfeier in der Banatia wurde nun in der Oper ein riesiges Konzert organisiert, das dem „unsterblichen Meister deutscher Tonkunst“ gewidmet war, um das „deutsche Wesen“ und „deutsche Gefühl“ erstarken zu lassen.

Dem damaligen Berichterstatter zufolge, der kein anderer war als der bedeutende Musikkritiker Gabriel Sarkány (1878-1965), wurde es auch Zeit, in dieser „chaotischen Zeit der Ideale und Ideologien“ die Geister zu erhellen und zu erheben. Durch den vollbesetzten Opernraum erklangen, nach Bayreuther Art, die Fanfarensignale, die die Feierlichkeiten noch mehr artikulierten. Fritz Pauck (1886-1965) dirigierte das Sinfonieorchester der Gesellschaft der Musikfreunde, wobei das Vorspiel zu den „Meistersingern“ und der „Karfreitagszauber“ aus dem „Parsival“ vorgetragen wurden.

Auch die Solisten dieses feierlichen Konzertabends gehörten zu den Besten, die das Banat zu bieten hatte: der aus Lugosch stammende Opernsänger Georg Dippon, der viele Konzerte gemeinsam mit seinem Landsmann Traian Gros²vescu gegeben hat, die Sopranistin Wilma Müller (1900-1989), die ihre Gesangsstudien in Leipzig vollendet hat, und nicht zuletzt Josef Brandeisz, der Konzertmeister des Orchesters. Die Chöre aus dem „Lohengrin“ wurden durch den Banater Deutschen Sängerbund vorgetragen.

Prof. Hans Eck (1899-1965), der in den Reihen des Banater Deutschtums der Zwischenkriegszeit eine primäre Rolle gespielt hat, hielt eine Ansprache, wobei er nicht nur auf biografische Daten des Komponisten eingegangen ist, sondern auch auf seine kulturpolitische Bedeutung in jener Zeit: „Prof. Eck hob die Bedeutung Richard Wagners mit Hinweis auf das Erwachen des deutschen nationalen Gefühls hervor und schloss mit den ehernen Worten des Schusterpoeten Hans Sachs über die Ehrung deutscher Meister und der heiligen deutschen Kunst.“ Den Erneuerungsgedanken in Wagners Vision der „Zukunftsmusik“ von der Mitte des 19. Jahrhunderts hat er geschickt umgedeutet und als Aktualität im „jungen Deutschland“ präsentiert. Heute wissen wir, wohin diese falsch verstandene und manipulierte Kulturpolitik im damaligen wie heutigen multiethnischen Temeswar geführt hat.

Doch dieses Wagner-Konzert war nicht nur für das Temeswarer Deutschtum ein wichtiges Ereignis. Auch die ungarischen und rumänischen Tageszeitungen brachten ähnliche Berichte und stimmten tönend in die Gedankenwelt des entfachten deutschen Nationalsozialimus ein.
In der „Temesvarer Zeitung“ vom 5. April 1933 veröffentlichte Gabriel Sarkány eine umfangreiche Würdigung Richard Wagners: „Richard Wagner. Zur 50. Wiederkehr seines Todestages“. Nicht nur dessen biografische Daten werden genau wiedergegeben, sondern auch die Problematik der Zukunftsmusik Wagners, die Kämpfe zwischen seinen Anhängern und den Gegnern und die in der Zwischenzeit bereits zur Allgemeinbildung gewordenen Mythen über sein turbulentes Leben und seine Reformen der Oper. Auf allen Opernbühnen der Welt werde der „Napoleon der deutschen Musik“ gefeiert und die Wagner-Abende, durch die seine Werke auch in kleineren Städten bekannt gemacht werden können, gewinnen an Zugkraft. Sarkánys Würdigung ist gut dokumentiert und enthält viele Einzelheiten, die der Autor durch seine persönlichen Erfahrungen in Bayreuth sammeln konnte.

Nach Temeswarer Vorbild feierte auch der Steierdorfer Männergesangverein im Herbst des gleichen Jahres das Wagner-Jubiläum mit einem großen Gedenkkonzert im Vereinslokal des Gasthauses Nuss. Dafür war die komplette Bergmannskapelle angetreten. Das Orchester – diesmal als Sinfonieorchester besetzt – spielte das Vorspiel zum „Fliegenden Holländer“, eine Fantasie aus Opernmotiven Wagners und begleitet die Chöre und Solisten. Auch hier fand eine feierliche Ansprache statt, gehalten von Lehrer Ernest Kraushaar. Natürlich durften der Pilgerchor aus dem „Tannhäuser“ und der Begrüßungschor aus dem „Lohengrin“ nicht fehlen.
Die solistischen Einlagen wurden von Ludwig Chladny (Tenor) und dem Dirigenten Sandner (Klavier) vorgetragen. Den Männerchor leitete Johann Babiak.

Ein Höhepunkt des Temeswarer Musiklebens der Zwischenkriegszeit bildeten die Aufführungen von Wagners „Fliegendem Holländer“ und „Die Walküre“ durch das Ensemble der Wiener Staatsoper im Jahre 1928. Die deutschen, rumänischen und ungarischen Zeitungsberichte wetteiferten in der Huldigung der Interpreten: Alfred Lieger, Laurenz Corvinus, Ada Hecht, Franz Zwonic, Hilde Solinger, Adolf Wand, Gustav Fussperg, Albin von Rittersheim, Heinrich Pacher, Magda Schnelle u. a. Einen ähnlichen Erfolg auf der Temeswarer Opernbühne konnte nur noch das Opernensemble aus Klausenburg/Cluj mit mehreren Vorstellungen in den Jahren 1932-1938 buchen. Unter der Leitung des Dirigenten Jean Bobescu und des Chorleiters Hermann Klee hat man mehrmals den „Tannhäuser“ mit einem riesigen Erfolg aufgeführt.

Obzwar all diese Konzerte damals einen ausgeprägten kulturpolitischen Charakter hatten, mussten sich die Chöre, Orchester und Solisten vor allem mit dem musikalischen Werk Richard Wagners auseinandersetzen, was die musikalische Qualität der Aufführungen steigerte.

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