Die Mutter

Mittwoch, 01. April 2015

Der Deportation entkam sie. Ein Glück, dass die zweite Tochter Gerda im Januar ’45 noch ein Baby war und gestillt wurde. So musste Anneliese Herbert aus Heltau nicht mit nach Russland. Peter aber, ihr Mann, wurde mit vielen anderen Heltauern ausgehoben und nach Dnepropetrowsk verschleppt. Sie sollte ihn nie wieder sehen. Was für eine Ehe: Hochzeit im Juni ’41, da war er rumänischer Soldat. Den Krieg machte er unter anderem in Transnistrien mit. Das hat ihn vor der Deportation nicht bewahrt. Die beiden Töchter wuchsen ohne den Vater auf und haben keine bewusste Erinnerung an den studierten Pharmazeuten, der einmal die väterliche Apotheke im Zentrum von Heltau übernehmen und weiterführen hätte sollen. Die Mutter aber, die 91 Jahre alt wurde, hat ihre Töchter durch schwere und schwerste Zeiten getragen und steht in der Erinnerung der älteren wie ein Schutzschild gegen alle Widrigkeiten vor ihnen.

Das Warten, wenn Transporte mit Rückkehrern eintrafen! Heltauer hielten auch in der Verbannung zusammen und versuchten, Nachrichten zu überbringen. So hatte Anneliese 1948 gehört: „Peter ist heimgefahren.” Zu jedem Transport ist sie gelaufen, immer wieder. Erst als die Nachricht deutlicher wurde, und es hieß, zu seinem himmlischen Vater heimgefahren, musste sie aufgeben. Eine Strickweste, einige wenige Papiere, haben Heimkehrer ihr noch gebracht. Zwei Tage lang hat sie das Haus von oben bis unten geputzt, mit unheimlichem Eifer. Dann hieß es, nach vorne sehen. Aber was die Zukunft ihr brachte, das riss auch die vitale junge Ärztin fast zu Boden. Der Bruder war ’44 als Zweiundzwanzigjähriger gefallen. Bevor die Apotheke im Juni ’48 enteignet wurde, verstarb nach schwerer Krankheit Schwiegervater Julius. So mussten sie auch die Wohnung über der Apotheke verlassen, wo sie als Drei-Generationen-Familie untergekommen waren.

Die Tochter erinnert sich an die Schlafstelle unter dem Klavier, die sie mit der jüngeren Schwester teilte. Beide haben dann Musik studiert. Die Mutter, nacheinander Ärztin in einer Fabrik, im örtlichen Krankenhaus, in Râmnicu Vâlcea, in Hermannstadt auf der Neugeborenenstation, hat in jedem Herbst einen Kredit aufgenommen, um dem Wunsch der Töchter nach einer Musikausbildung in Klausenburg gerecht zu werden. Wenn er abgestottert war, wurde ein weiterer Kredit fällig. Jahre lang. Mit Arbeit hat Anneliese kompensiert, was das Schicksal ihr nicht gegönnt hat. Und hat sich Freiräume ertrotzt. In jedem Sommer verschwand sie für eine Woche allein, wanderte ins Gebirge. Die zweite Woche gehörte den Töchtern und der Großmutter. Man suchte Erholung ebenfalls auf Touren durch die Karpaten.

Ein Gedicht hat sich in der Familie erhalten: „Meinen Kameraden“, gedichtet von Peter Herbert 1947, in Russland. Auf seine Art fasste Peter eine Antwort auf die quälende Frage Warum? in Worte. „...Nein, lieber Bruder, Gott hört nicht/auf dein verzweifeltes Gestammel./Nicht heller strahlet dir sein Licht/ wenn du ihm vorwirfst Not und Mangel.“ Die Verse lesen sich, als wären sie von Anneliese verfasst, der Frau, die sich durch nichts unterkriegen ließ. Die beiden hätten in einem gemeinsamen Leben, das ihnen nicht vergönnt war, gut zueinander gepasst. „...Nur wer beherzt entgegentritt/ den Schlägen, die das Schicksal bietet/....der wird am Ende dankend sagen:/ nur weil ich tapfer mich bewahrt/ hat Gott geholfen. Nicht mein Klagen/ hat mir die Kraft dazu bewahrt.“

Peter Herbert verstarb am 28. Januar ’48 in Dnepropetrowsk. Er war einer der ersten, die ein eigenes Grab bekamen. Ob es noch zu finden wäre? Die Tochter Ilse reiste als Künstlerin noch zu kommunistischen Zeiten zweimal in die Gegend. Aber da war keine Rede davon, die Konzertorte  Kiew und Odessa zu verlassen. Und heute: Wer traut sich in die kriegsgebeutelte Ukraine, einfach so?

Einmal war es ihr nicht erlaubt, in Bukarest weiterzustudieren. Im Lebenslauf musste sie angeben: Vater, im Januar ’45 deportiert, in Russland gestorben. Das war für die kommunistischen Beamten ein Grund, das Aufbaustudium nicht zu genehmigen. Jetzt meint das Schicksal es auch nicht immer gut. Warum kann die Familie, Tochter, Enkel, Urenkel, die doch die halbe Welt bereist haben, nicht in die Gegend fahren, in der sich Peter Herberts Grab befindet?    

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