Die neue Landkarte

Sonntag, 20. April 2014

Symbolfoto: sxc.hu

Vor zwei Wochen habe ich mir eine neue Weltkarte gekauft, Größe XXL. Die alte Landkarte war mit den Jahren etwas verblasst, und man konnte die ameisengroßen Namen einiger Orte gar nicht mehr lesen. Ich hängte meine bunte Akquisition stolz in meinem Arbeitszimmer neben die Tür, und wenn ich den Raum verließ, warf ich jedes Mal einen flüchtigen Blick darauf und hatte dabei das tolle Gefühl, des Weiteren nicht in den schmalen Durchgangsflur, sondern in die große weite Welt einzutauchen. Die Landkarte hat zwar 51,30 Euro gekostet, aber die Investition hat sich voll und ganz gelohnt, dachte ich.
Nun hatte ich aber Pech. Kürzlich hat Putin eine Rede im Kreml gehalten, entdeckte, dass die Ukraine russisch ist, und nun sieht meine neue Landkarte ziemlich alt aus.
Ich wohne in Düsseldorf und mein Freund Florin Lăzărescu wohnt in Iaşi. Florin ist 39 Jahre alt und von Beruf Schriftsteller. Iaşi befindet sich im Osten Rumäniens, nicht weit von der ukrainischen Grenze. Gestern habe ich mit Florin telefoniert, weil ich gerade dabei bin, eins seiner Bücher zu lesen, aber Florin hatte keine Lust über Bücher zu reden, er wollte mir eine verrückte aber wahre Geschichte erzählen, deren Protagonisten er selbst und seine Großmutter sind.

„Meine Großmutter ist 89“ , erzählte Florin, „sie lebt in einem Dorf in der Nähe von Iaşi, am Fluss Pruth, der einen Teil der Grenze Rumäniens zu der Republik Moldau und zu der Ukraine ausmacht. Im letzten Oktober hatte sie ein irres Erlebnis. Sie machte sich wie gewöhnlich auf dem Hof zu schaffen, fütterte die Hühner, die Gänse und den Hund, dann begab sie sich auf die Straße und begann, den Graben vor dem Haustor zu reinigen. Mit den vielen trockenen Blättern sammelte sie versehentlich auch zwei leere Spraydosen ein, und später, als sie den Müll im Garten verbrennen wollte, warf sie sie samt Blättern ins Feuer. Als die Spraydosen eine nach der anderen explodierten, befand sich meine Großmutter gerade am Gartenzaun. Sie warf sich automatisch ins Gras und kroch bäuchlings hinter den großen Nussbaum. Durch den überraschenden Doppelknall hatte sie einen riesigen Zeitsprung vollzogen, wähnte sich nun im Zweiten Weltkrieg, und meinte, die Russen würden das Dorf bombardieren. Nun, durch diesen Krim-Konflikt fällt mir immer wieder diese Geschichte ein“, erzählte Florin weiter. „Putins Lust, die Grenzen neu zu markieren, jagt mir ziemliche Angst ein. Was, wenn sein Markierstift immer stumpfer wird, und ich eines Tages in Russland aufwache?“

Ich sagte Florin, dass es ja auch noch die NATO gäbe und Rumänien Teil der EU sei, und ihm daher nichts passieren könne. „Blablabla“, antwortete Florin skeptisch und er fügte hinzu: „Weißt du, was mir in der letzten Nacht passiert ist? In meinem Badezimmer ist ein Rohr geplatzt, und ich sprang in Panik aus dem Bett, in der Annahme, die Russen seien hier eingefallen.“ Florin ist offensichtlich ganz der Enkel seiner Großmutter, und Blut ist kein Wasser. Darüber sollte man mal ernsthaft nachdenken. Aber dafür habe ich jetzt keine Zeit, ich muss mir dringend eine neue Landkarte kaufen.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 23.04 2014, 04:39
leere Spraydosen gehören in die Sondermüll-Entsorgung und auf keinen Fall ins Lagerfeuer. Und im Zweiten Weltkrieg haben nicht die Russen ganz überraschend Rumänien angegriffen, sondern Rumänien hat ohne Vorwarnung am 22. Juni 1941 gemeinsam mit Hitler die Sowjetunion angegriffen.

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