Die Panik beim Verlust des Mobiltelefons

Dienstag, 19. Juli 2016

Gestern wollte ich mich mit Perikles Monioudis treffen, einem Schweizer Schriftsteller aus Zürich. Perikles ist griechischen Ursprungs, verfügt wie sein vielgerühmter athenischer Namensvetter vor zweitausendfünfhundert Jahren über großartige rhetorische Qualitäten, hat neulich einen Roman über das Leben und die Karriere des unvergessenen Hollywood-Stars Fred Astaire geschrieben, und nun hatte man ihn ins Literaturhaus Köln eingeladen, um dort sein Buch vorzustellen. Und da Köln nur einen Katzensprung von Düsseldorf, wo ich wohne, entfernt liegt, hatten wir vereinbart, uns im Schatten des Kölner Doms zu treffen, mittags, um 12 Uhr.

Um ungefähr halb neun möchte ich mein Handy aufladen und finde es nicht. Das heißt, ich kann es langfristig, mindestens zwei Stunden lang, nirgendwo auftreiben. Ich stelle die ganze Wohnung auf den Kopf, suche in den Taschen meiner sämtlichen Hosen und Jacken, sogar derer, die ich seit Monaten gar nicht mehr anhatte, in allen Einkaufs- und Sporttaschen, in sämtlichen Schubladen, in allen vorhandenen Regalen, einmal und noch einmal. Das Handy: Fehlanzeige. Ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Hunderte von Kontaktdaten, einmalige Fotos, wichtige Notizen, Videoclips sind gerade dabei, den Bach runterzugehen, und ich schaue ihnen hilflos und verzweifelt hinterher. Ich stelle Vermutungen an, entwickle Verschwörungstheorien (war es nicht vielleicht der Nachbar, der mich immer so komisch ansieht?), ich rufe von meinem Festnetztelefon in den letztlich besuchten Cafés an und bei Bekannten und Freunden: Ist mein Smartphone nicht vielleicht bei dir? Es wird mir von allen Seiten herzliches Beileid ausgesprochen: Sorry, leider nicht. Selbstverständlich rufe ich auch mich selbst auf dem Smartphone vom Festnetz an, so gelang es mir nämlich vor einer Woche, das Handy im Wäschekorb aufzuspüren, in der rechten Jeanstasche. Aber diesmal: Nothing. Knapp vor elf schreibe ich Perikles vom Notebook, was mir widerfahren ist, und dass ich mich unter diesen Umständen und mit dieser Laune leider nicht mehr nach Köln aufmachen könne, wozu auch ihm noch den Tag versauen.

Ohne Wasser kann der Mensch nicht länger als elf, zwölf Tage überleben, ohne Sauerstoff stellt sich der klinische Tod nach höchstens zehn Minuten ein, und ohne Smartphone noch wesentlich schneller. Ich beginne also im Internet fieberhaft nach einem neuen Handy zu stöbern, frustriert bis zum Anschlag, und nach nur drei Minuten bestelle ich mir das gleiche Gerät. Dann beschließe ich, ins Hallenbad zu gehen und ein paar Runden zu schwimmen, um nicht völlig durchzudrehen.
Aber bevor ich die Wohnung verlasse, schaue ich nochmal rapide in allen Bücherregalen nach (und entdecke dort eine Reihe von tollen Büchern, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie besitze), in allen Schubladen und Schublädchen, abermals im Wäschekorb und sogar im Mülleimer. Nichts. Ich suche auch in der grauen Sporttasche, bereits zum dritten Mal, und das Handy ist plötzlich da! Es hat sich ganz armselig in die Dunkelheit des hintersten Winkels zurückgezogen, stumm wie ein schüchternes Fischlein, mit ausgeschaltetem Ton. Die ersten beiden Male hatte ich bloß mit den Fingerspitzen die Tasche durchkämmt, wohl wissend, dass es sich dort sowieso nicht befinden konnte. Und vielleicht hatte es sich dort auch überhaupt nicht befunden, womöglich hatte sich ein guter Geist letztlich meiner erbarmt, und es von der Stelle, wo es tatsächlich lag in die Sporttasche wandern lassen.

Es gibt manchmal Sachen… Ich schreibe Perikles, diesmal vom wiedergefundenen Smartphone, dass ich mein Smartphone wiedergefunden hätte, aber dass es jetzt leider zu spät sei, um nach Köln zu fahren, da er ja in weniger als zwei Stunden nach Zürich zurückkehren müsse. Dann storniere ich die Bestellung für das neue Smartphone und fahre mit dem Fahrrad ins Schwimmbad, wo ich feststelle, dass ich meine Badehose zu Hause vergessen habe.
Ich habe kürzlich eine lange Liste von psychologischen Besonderheiten im Internet gelesen. Eine davon ist, dass wir 30 Prozent der Zeit mit den Gedanken nicht bei der Sache sind, doch ich würde diesen Prozentsatz wesentlich höher ansetzen. Eine andere in dieser Liste erwähnte psychologische Merkwürdigkeit besagt, dass „der Verlust des Mobiltelefons den Menschen in einen Panikzustand versetzt, den er lediglich in akut lebensbedrohlichen Situationen empfindet.“ Dies kann ich voll und ganz bestätigen.

Und eine andere Besonderheit, aber nicht psychologischer, sondern kultureller, sozialer und standesamtlicher Art, ist, dass Perikles Monioudis mit Dana Grigorcea, einer Schweizer Schriftstellerin aus Bukarest, verheiratet ist, und dass diese, so wie ihr Mann gestern, nächste Woche nach Deutschland kommen wird. Nicht nach Köln, sondern nach Düsseldorf, um ihren letzten Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ in der Stadtbibliothek vorzustellen. Wenn ich mein Smartphone rechtzeitig finde, werden wir uns bestimmt treffen.

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