Die richtige Aussprache kommt nicht immer von selbst

Wenn Logopäden nachhelfen müssen

Sonntag, 15. Februar 2015

Die Erstklässlerinnen Diana und Dalia üben die richtige Aussprache vor dem Spiegel.

Maria D. musste nach einem Schlaganfall erst wieder mühsam sprechen lernen.
Fotos: Vlad Popa

Eines der Merkmale kleiner Kinder, die das Kindergartenalter erreicht und sich einen elementaren Wortschatz angeeignet haben, ist, dass sie gerne unaufhörlich plappern. Sie unterhalten sich mit ihren Kuscheltieren oder Freunden, spinnen Geschichten und Dialoge oder müssen ihren Geschwistern und Eltern unbedingt und sofort irgendeine angeblich lebenswichtige Information vermitteln. Bei den allermeisten Kindern gelingt dieser Prozess der Aneignung der Sprache und Aussprache auf Anhieb, bei manchen kann es ein paar Monate dauern, bis sie das hierzulande spezifische „gerollte R“, das „S“ oder das „L“ gemeistert haben - und einigen will es beim besten Willen nicht gelingen.

Die Ursachen für Sprachstörungen sind zahlreich und unterschiedlich. Sie können angeboren sein oder sich bereits im Laufe der Schwangerschaft vorprägen, zum Beispiel, wenn sich die zukünftige Mutter in der Anfangsphase erkältet oder einer unangemessenen medikamentösen Behandlung unterzogen wird. Es kann auch passieren, dass beim Kind infolge einer Erkältung eine Mittelohrentzündung oder die typische Bade-Otitis auftreten. In diesen Fällen kommt es häufig zu Gehörstörungen, Schwerhörigkeit oder sogar Taubheit. Bei einer nur einseitigen Taubheit kann der Spracherwerb bei Kindern normal verlaufen, wobei das Richtungshören allerdings nicht mehr möglich ist.

Bei einer beidseitigen Taubheit ist das normale Erlernen einer Sprache erheblich erschwert und kann zu sozialer Benachteiligung führen. Wenn das Kind nicht gut genug hört, versteht es oft auch nicht, was man von ihm will oder was man ihm mitzuteilen versucht. Dadurch kommt es zu Lernschwierigkeiten im Kindergarten und später in der Schule, weil die Kleinen angestrengt versuchen, den Informationsfluss zu entziffern und gleichzeitig mit dem Lernprozess der guthörigen Kinder mithalten müssen, die darin wesentlich schneller und besser sind als sie.
Es gibt allerdings auch Kinder, bei denen die Sprachstörungen nichts mit Gehörschädigungen zu tun haben.

Das Kind verfügt über ein normales Hörvermögen, es spricht aber trotzdem „komisch“ oder „so süß“, wie manche Eltern es verharmlosen. Langfristig kann falsche Aussprache zu ernsthaften Sprachstörungen führen. Hierfür können, zum Beispiel, ein zu hoher Gaumen, eine eingeschränkte Beweglichkeit der Lippen oder Zungenmuskulatur, Nasalität oder Zahnfehlstellungen die Ursache sein. Trotz einer möglichen medizinischen Behandlung bleiben jedoch die Sprachstörungen, die dann korrigiert werden müssen.

Idealerweise entdecken die Eltern Hörprobleme frühzeitig und schalten einen Arzt oder Logopäden ein, bevor das Kind das Kindergartenalter erreicht. Denjenigen, die es bis dahin übersehen oder nicht verstanden haben, klopft spätestens dann eine Erzieherin oder der im rumänischen Schulsystem angestellte Sprachtherapeut auf die Schulter. Hier tritt für gewöhnlich der Sprachtherapeut oder der Logopäde ins Spiel und es heißt, mit der Sprachtherapie anzufangen, regelmäßig und hartnäckig damit weiterzumachen und nur nicht die Geduld zu verlieren. Glückliche Fälle sind jene, in denen dem Kind schnell bewusst wird, welcher Laut ihm fehlt, oder dass es für das richtige „S“ nur seine Zungenspitze hinter die untere Zahnreihe legen muss und nicht wie bisher zwischen die Zähne. In diesen Fällen ist das Problem in nur einer Stunde beseitigt und das Kind spricht richtig. Bei anderen Kindern kann die logopädische Behandlung aber auch Jahre dauern.

Alltag eines Logopäden

Paula P. ist Logopädin und arbeitet seit ihrem Hochschulabschluss in diesem Bereich. Ihren Abschluss im Fachbereich Psychopädagogik machte sie an der Babe{-Bolyai-Universität in Klausenburg/Cluj Napoca Mitte der 70-er Jahre. Wie es zu den Zeiten des Kommunismus üblich war, wurden ihr und ihrem Mann, ebenfalls Psychologe, nach dem Studium zwei Stellen in einer Sonderschule im weit entfernten Neustadt/Baia Mare zugeordnet, wo beide mit psychisch behinderten Kindern arbeiteten. Nach ihrem Umzug nach Hermannstadt/Sibiu Mitte der 80-er Jahre setzte Paula P. ihre logopädische Tätigkeit in der Sonderschule Nr. 2 für hörgeschädigte Kinder fort, machte anschließend in der Sonderschule Nr. 1 weiter und blickt nun, nach Antritt ihres Ruhestandes, auf eine 34-jährige Karriere zurück, in welcher sie mit Hunderten Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat.

„Tanti Paula“, wie sie von ihren Patienten genannt wird, hat aber selbst im Ruhestand noch keine Ruhe und will sie auch nicht. Zurzeit behandelt sie zehn Kinder mindestens drei Mal pro Woche. Die regelmäßigen Therapiestunden sind unerlässlich und es bedarf mindestens drei Sitzungen pro Woche. Im Idealfall sollten die Übungen aber täglich durchgeführt werden, entweder mit dem Therapeuten oder mit Familienmitgliedern. Zum einen muss die richtige Aussprache mit der Zeit routiniert erfolgen, andererseits gehen ansonsten bei Kindern das Interesse und die Motivation schnell verloren, wenn zwischen den Sitzungen zu viel Zeit vergeht.

Die Logopädiestunde

Am Tisch sitzen Paula P. für die nächste Stunde zwei Mädchen gegenüber, die achtjährigen Zwillingsschwestern Diana und Dalia. Die Erstklässlerinnen wohnen in einer Ortschaft bei Hermannstadt, gehen hier zur Schule und kommen drei Mal die Woche zur Sprachtherapie. Rundherum liegen Hefte, Kinderbücher und Fachliteratur. Die Mädchen haben vor sich einen dreiteiligen mobilen Spiegel stehen. Ihre Übungen sprechen sie vor diesem Spiegel, verfolgen dabei die Position ihrer Lippen und versuchen, die Zunge so zu halten, dass die gewünschten Laute ertönen. Mal funktioniert es, mal bedarf es einer bestimmten Dosis an Hartnäckigkeit. Heute ist der Buchstabe „R“ dran und anhand eines Tierbuches nehmen sie alle Tiere, deren Namen mit „R“ beginnen oder den Buchstaben beinhalten, durch. Die Mädchen plappern der Logopädin aber nicht nur einfach die Tiernamen nach. Man bespricht, wo sie leben, was sie fressen, wie sie aussehen und warum - und es dauert nicht allzulange, bis das Gespräch von den Tieren zur Grammatik wechselt und die Zusammensetzung verschiedener Wörter untersucht wird.

Nachdem sich die Zwillinge verabschiedet haben, macht sich Paula P. auf den Weg zu einem Hausbesuch. Diesmal ist es eine Erwachsene. Maria D. ist 52 Jahre alt und hat vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Infolge dessen ist sie teilweise gelähmt und auch ein erheblicher Teil ihres Sprachvermögens hat darunter gelitten. „Vor zwei Jahren, als wir mit der Behandlung begonnen haben, brachte sie nur vereinzelte Laute hervor, konnte elementare Übungen - wie zum Beispiel ihre Zunge herausstrecken -nicht meistern. Heute kann sie wieder beinahe fließend lesen“ erklärt die Sprachtherapeutin. Die Übungen verbindet sie mit viel Humor, Gesprächsthemen aus dem Alltag, mitunter sogar Liedern, und schafft somit eine entspannte Atmosphäre, bei welcher die Sprachübungen Spaß machen.


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Einige Ratschläge für Eltern:

Lassen Sie das Hörvermögen Ihres Kindes so früh wie möglich durch Fachleute prüfen - entweder in einer Artzpraxis oder in einer Sonderschule für hörgeschädigte Kinder, die für gewöhnlich über die notwendige Ausstattung verfügt.

Lassen Sie Ihr Kind nicht stundenlang vor dem Fernseher sitzen oder alleine spielen. Die Kleinen sprechen dabei entweder gar nicht oder entwickeln eine eigene Sprache, die oft zu Sprachstörungen führt.

Die Sprache wird von kleinauf erlernt. Es ist nie zu früh dazu, mit ihrem Kind zu sprechen. Wichtig ist nur, dass es sich an die Laute und die Rhythmik der Sprache gewöhnt, die es mit der Zeit anfangen wird, nachzuahmen.

Sprechen Sie nicht für ihr Kind. Ermutigen Sie es, so oft und so richtig wie möglich zu sprechen. Vermeiden Sie dabei Verniedlichungen und sprechen Sie in ganzen Sätzen.

Seien Sie konsequent. Korrigieren Sie die Aussprache Ihres Kindes, sowohl was Laute als auch Wortschatz und Satzbau anbelangt.

Sollten Sie alleine nicht zurechtkommen oder zum Beispiel wegen Ihres Arbeitsprogramms nicht über die notwendigen Zeitressourcen verfügen, ziehen Sie einen Logopäden zu rate - und das lieber früher als später. Es ist viel einfacher, einen Sprachfehler zu korrigieren, als Laute oder die richtige Aussprache von Null aufzubauen und außerdem nimmt es viel weniger Zeit in Anspruch.

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