Die Rolle der Donauschwaben 1868 - 1948 im rumänischen und serbischen Banat

Mariana Hausleitner räumt mit Tabuthemen auf

Donnerstag, 27. August 2015

Donauschwaben nennt man jene Deutschen, die im 18. Jahrhundert von der Habsburger Monarchie an der mittleren Donau, im damaligen Südungarn angesiedelt wurden. Der Name „Donauschwaben“ wurde erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt, hat sich dann aber als Sammelbezeichnung für diese Auslandsdeutschen durchgesetzt. Zu den Donauschwaben gehören die Banater und die Sathmarer Schwaben, die Donauschwaben aus dem einstigen Jugoslawien sowie die Ungarndeutschen. Das Siedlungsgebiet der Donauschwaben liegt im heutigen Rumänien, Serbien, Ungarn und Kroatien.

Über die Geschichte der Donauschwaben wurde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs viel geschrieben. Dennoch weiß die breite Öffentlichkeit nur wenig über sie. Das liegt in erster Linie daran, dass die meisten Publikationen aus donauschwäbischer Perspektive geschrieben wurden, also von Donauschwaben für Donauschwaben. Viele Autoren sind nicht nur Zeitzeugen der jüngeren Geschichte, sondern gleichzeitig Handelnde. Und genau darin liegt das Problem. Dadurch, dass sie Handelnde waren, waren sie versucht, bestimmte Kapitel auszublenden. Es sind – wen wundert es? – die weniger ruhmreichen Kapitel, also die Nazi-Verstrickungen nicht nur mancher Autoren, sondern auch eines Teils dieser deutschen Minderheit. Es wäre unredlich und unehrlich, allen Autoren und überhaupt allen Donauschwaben zu unterstellen, sie seien Nazis gewesen. Wie in Deutschland gab es auch unter ihnen vier große Gruppen: begeisterte NS-Anhänger, Mitläufer, Gleichgültige und Gegner. Weil aber Nazi-Anhänger und -Mitläufer nicht zu dem Image passen, das sich die Donauschwaben nach 1945 zugelegt haben, nämlich das Image von Opfern der rumänischen, der ungarischen und der jugoslawischen Kommunisten, hat manch ein donauschwäbischer Autor die Zeit zwischen 1933 und 1945 übersprungen, beschönigt oder bestenfalls selektiv behandelt, im Sinne von „Wie selbstlose, verantwortungsbewusste Funktionäre versuchten, den Donauschwaben bei der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee zu helfen, was aber von Nazi-Funktionären ‚aus dem Reich‘ vereitelt wurde.“

Mit ihrem im Sommer 2014 erschienenen Buch „Die Donauschwaben 1868 – 1948 – Ihre Rolle im rumänischen und serbischen Banat“ räumt die Historikerin Mariana Hausleitner mit Tabuthemen auf. Natürlich behandelt sie die großen Themen, die man auch in Banater und donauschwäbischen Publikationen findet, beispielsweise die Madjarisierung, unter der die Donauschwaben in der ungarischen Zeit litten, die Dreiteilung des Banats nach dem Ersten Weltkrieg, die Enteignung und Entrechtung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, die Deportation in die Sowjetunion und in die rumänische B²r²gan-Steppe, die Internierung der Donauschwaben Jugoslawiens in Vernichtungslager. Die Autorin berichtet ausführlich über die donauschwäbische Presse und deren politische Ausrichtung. Ein wichtiges Thema sind in dem Buch die Beziehungen der Banater und Donauschwaben zu ihren ungarischen, rumänischen und serbischen Nachbarn.

Spannend wird es, wenn es um die Beziehungen zu den Juden geht. Da horcht man auf, wenn man liest, dass sich Banater und donauschwäbische NS-Funktionäre vehement dafür einsetzten, möglichst viel von den Gütern abzubekommen, die deportierten Juden abgenommen wurden. Solche Informationen findet man in donauschwäbischen Publikationen eher nicht. Ebenfalls sehr spannend zu lesen sind jene Kapitel, in denen es um die Auseinandersetzungen zwischen den donauschwäbischen Nazis und ihren drei wichtigsten Widersachern geht: den Sozialdemokraten, den Konservativen und der katholischen Kirche. Dieses Kapitel findet man in donauschwäbischen Publikationen selten.
Noch seltener anzutreffen ist ein besonders unangenehmes und schmerzhaftes Kapitel, nämlich die einstigen NS-Funktionäre, die bis in die 1960-er Jahre hinein wichtige Posten in donauschwäbischen Organisationen einschließlich der Landsmannschaften bekleideten. Die Autorin spricht das Thema nicht nur pauschal an, sondern nennt Namen. Franz Hamm aus dem serbischen Banat habe zum Beispiel ab 1946 in Würt-temberg Persilscheine „für alle inhaftierten Angehörigen der Waffen-SS aus Jugoslawien“ ausgestellt. 1947 habe er die Freilassung von 25.000 Deutschen aus Jugoslawien verlangt, „die noch in alliierten Internierungslagern festgehalten wurden. Zwar waren viele schwäbische Bauern tatsächlich nicht über die Funktion der SS-Divisionen informiert. Doch Hamm versuchte mit diesem Vorstoß auch die begeisterten Nationalsozialisten zu entlasten, welche die Rekrutierung vorangetrieben hatten.

Als er sich zusammen mit Josef Trischler im ungarischen Reichsrat 1943/44 für die Rekrutierung der Deutschen zur Waffen-SS eingesetzt hatte, verfügte er über gute Informationsmöglichkeiten.“ (Seiten 356, 357) Wie die Autorin weiter berichtet, gehörten Hamm und Trischler „zum engsten Führungskreis um den Volksgruppenführer Franz Anton Basch“. Über den in Zagreb geborenen Wissenschaftler Friedrich Valjavec, der in der Nazi-Zeit in Jugoslawien eine wichtige Rolle spielte, schreibt die Autorin: „Nach 1945 gehörte Valjavec zu den 24 Professoren in den Westzonen (Deutschlands – Red.), die aufgrund ihres nationalsozialistischen Engagements nicht mehr an den Hochschulen lehren durften. Erst 1958 wirkte er wieder als Professor an der Münchner Universität. Davor war er politisch sehr aktiv. Gemeinsam mit Franz Hamm gründete er 1950 den ‚Ostdeutschen Kulturrat‘. Seit 1951 arbeitete er auch im ‚Rat der Südostdeutschen‘ mit, dem Zusammenschluss der Landsmannschaften aus Jugoslawien, Rumänien, Ungarn und der Slowakei. Diesen hatte Josef Trischler gegründet. (…) Ein weiteres Mitglied im ‚Rat der Südostdeutschen‘ war Ferdinand Gasteiger, der einstige Stellvertreter des Volksgruppenführers im kroatischen Ustascha-Staat.“ (Seite 360)

In den Anfangsjahren der Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien spielte Hans Diplich eine wichtige Rolle. Ab 1949 war er ihr Geschäftsführer. Lange Zeit redigierte er die in München erscheinende „Banater Post“. In der NS-Zeit war er Leiter des Kulturamts in Großbetschkerek im serbischen Banat. Wie die Autorin schreibt, behinderten Diplich und andere „eine kritische Aufarbeitung der Kriegsjahre“. (Seite 361) Die Autorin nennt aber noch weitere NSDAP-Funktionäre, die „nach 1950 in den Landsmannschaften an vorderster Stelle in Erscheinung traten“, z. B. Hans Ewald Frauenhoffer, Kaspar Hügel, Josef Komanscheck, Josef Schmidt und Anton Valentin, über die sie schreibt: „Während sich die geflohenen Nationalsozialisten in Deutschland als Opfer der Kommunisten ausgaben, saßen diejenigen, die von ihnen marginalisiert worden waren wie Augustin Pacha und Franz Kräuter in kommunistischen Gefängnissen.“ Kräuter war konservativer Politiker und Gegner der Nationalsozialisten. Dem katholischen Bischof Pacha hatten die Nazis die Aufsicht über die konfessionellen Schulen entzogen, um dort ungehindert ihre Ideologie verbreiten zu können. „Der deutsche Sozialdemokrat Georg Hromadka war, wie bereits in den Kriegsjahren, Häftling in Rumänien, weil er sich gegen die Zwangsvereinigung der Sozialdemokratie mit der Kommunistischen Partei gewandt hatte.“ (Seite 370)

Dies sind nur einige wenige Beispiele aus der Fülle des Materials, das Mariana Hausleitner zusammengetragen hat. Insgesamt ist das Buch eine sehr spannende Lektüre, die man nur ungern aus der Hand legt. Es enthält darüber hinaus zahlreiche Fußnoten, mehrere Landkarten, eine umfangreiche Bibliografie sowie ein Personen- und Ortsregister.
Man kann nur hoffen, dass die Autorin irgendwann eine Fortsetzung herausgibt, in der es um die Geschichte der Donauschwaben ab 1948 geht. Auch sie verdient eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Denn: Wie mit der NS-Vergangenheit so haben sich die Banater Schwaben auch nie ernsthaft mit den KP- und Securitate-Verstrickungen ihrer Landsleute beschäftigt.

Wenn Mariana Hausleitners Buch eine Schwäche hat, dann nur die, dass der Leser nichts über die Autorin erfährt. Hier also die wichtigsten biografischen Angaben: Dr. Mariana Hausleitner ist Professorin für Geschichte. Sie wurde 1950 in Bukarest geboren und kam 1966 in die Bundesrepublik Deutschland. Bis 1972 lebte sie in München. Im dritten Semester wechselte sie nach Berlin, um bei Mathias Bernath, einem Banater Schwaben, südosteuropäische Geschichte zu studieren. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: ethnische Minderheiten in Südosteuropa, die Geschichte des Banats, Bessarabiens und der Bukowina, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, Kommunismus und Postkommunismus, Vergangenheitspolitik in Südosteuropa.

Mariana Hausleitner: „Die Donauschwaben 1868 - 1948 – Ihre Rolle im rumänischen und serbischen Banat“, Schriftenreihe des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen, Band 18, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2014, 417 Seiten; gebundene Ausgabe, 64 Euro

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