Die Sache mit Solschenizyn

Sonntag, 22. April 2012

1953, als ich 3 war, wollte ich Schlagersänger werden, wie Vico Torriani. Ich lebte damals in Rumänien, und meine Großeltern, bei denen ich zeitweise wohnte, hörten Abend für Abend Radio Wien, wo Vico Torriani seine neuesten Hits zum Besten gab. Ich war derart angetan von dieser Musik, dass ich vor dem grün leuchtenden magischen Auge des Grundig-Röhrenradios Stellung bezog und, einen Geigenspieler nachahmend, mit Torriani begeistert mitträllerte:

„Du schwarzer Zigeuner, du kennst meinen Schmerz,
Und wenn deine Geige weint, dann weint auch mein Herz.“
Ich kenne den Text auch heute noch auswendig, Indianerehrenwort, dass ich bei Google nicht abgeschrieben habe. Das Wort Herz reimte sich schon damals besser als jedes andere auf Schmerz, da hat sich in der Zwischenzeit überhaupt nichts Neues getan.

1956, als ich 6 war, wollte ich Busfahrer werden. Wir wohnten in unmittelbarer Nähe der Endstation, dort, wo die Busse um 180 Grad wendeten, um dieselbe Strecke wieder zurückzufahren. Dass man lediglich mit Hilfe eines Lenkrads durch kreisende Armbewegungen ein so riesiges Ding wie einen Bus innerhalb von wenigen Sekunden zu einem radikalen Richtungswechsel bringen konnte, erschien mir als ein großes Wunder. Ich beneidete den Busfahrer um sein Glück, und es versteht sich von selbst, dass ich von nichts anderem träumte, als genauso wie er hoch zu Bus an einem Lenkrad zu sitzen.

1958 als ich 8 war, fühlte ich mich jedoch plötzlich zu wesentlich Höherem berufen, und wollte unbedingt Pilot werden, um mit einem Flugzeug dahinzudüsen und langgezogene, linienförmige Kreidestreifen an die blaue Tafel des Himmels zu malen.
Und 1961, mit 11, griff ich bereits nach den Sternen, denn ich entschloss mich zu einer Kosmonauten-Karriere. Kosmonaut war die sowjetische Bezeichnung für Raumfahrer, und da Juri Gagarin 1961 als erster Mensch in den Weltall geflogen war, eiferte ich ihm enthusiastisch nach.

13 Jahre später, 1974, war ich jedoch weder Busfahrer, noch Pilot oder Kosmonaut geworden, sondern einfach nur Französischlehrer in Anina, einem grauen Provinzstädtchen im Banater Bergland, wo Hase und Fuchs sich Gute Nacht sagten und ewiger Stillstand herrschte. Es war ein aschgraues Bergarbeiter-Städtchen, wo die Gegenwarts- und auch die Zukunftsaussichten genauso schwarz waren wie die in den Minen gewonnene Steinkohle. Kein Wunder also, dass ich jetzt, wie schon früher als Kind, wieder davon träumte, in ein Flugzeug zu steigen, diesmal aber, um damit in die Lichterstadt Paris zu fliegen. Ich wäre freilich für mein Leben gerne sogar zu Fuß nach Paris gegangen, oder auch nach Rom oder gar nach Rommerskirchen. Egal, Hauptsache in den Westen.

Meinem akuten West-Fernweh widersetzte sich jedoch der rumänische Staat, der mich angeblich für den Aufbau des Kommunismus benötigte, als Französischlehrer am Arsch der Welt. Und nicht nur als Französischlehrer, man wollte mich zudem noch als Literaturübersetzer beschäftigen, obwohl ich in dieser Hinsicht über keinerlei Erfahrungen verfügte.

Wie kam ich zu dieser Ehre? Nun ja, ein Spitzel hatte der Securitate gemeldet, dass ich an dem Buch „Der Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn interessiert war. Solschenizyn saß damals in Russland im Gefängnis, weil er gewagt hatte, solche Werke wie diesen Roman über die Grausamkeiten des Kommunismus zu Papier zu bringen. „Der Archipel Gulag“ war im Osten verboten und gerade in Frankreich auf Französisch erschienen, und ich wollte das Buch von einem Bekannten namens Croitoru ausleihen, der es nicht lesen konnte, weil er kein Französisch verstand. Croitoru wohnte in meiner Nähe, und er war auf Umwegen in Besitz des Gulag-Archipels gelangt, wie er mir kürzlich in einem Café zugeflüstert hatte. Er hatte es vor ein paar Tagen von einem Bekannten bekommen, der es wiederum von einem Franzosen in Temeswar bekommen hatte, der es seinerseits nach Rumänien eingeschmuggelt hatte. Ich hatte schon des öfteren bei Radio Free Europe von diesem Buch gehört und brannte vor Neugier, es zu lesen.

Aber nun hatte ein Spitzel dem Gespräch im Café zwischen Croitoru und mir offensichtlich zugehört und mein Interesse für Solschenizyn der Securitate gemeldet, und da saß ich nun in einem Raum des Polizeigebäudes, und ein Securitate-Offizier saß mir gegenüber, sah mich an mit einem süßlichen Lächeln und stellte mir allerhand Fragen. Er duzte mich, was mich aber nicht überraschte. So war das eben mit den Securitate-Offizieren, wer war ich Normalsterblicher schon im Vergleich zu ihnen.

„Soso“, sagte der Securitate-Offizier. Er hatte grau-wässrige Augen, einen Stiernacken und einen hervorstehenden Bauch. „Du möchtest also „Archipel Gulag“ lesen. Ich habe gehört, dieser Mann würde ganz schlimme Dinge über uns schreiben.“
„Welcher Mann?!“, fragte ich und tat überrascht.
„Wie welcher Mann? Solschenizyn. Dieser Drecksack möchte, dass unser sozialistischer Staat vor die Hunde geht.“
„Was?!“, staunte ich. „Das höre ich jetzt zum ersten Mal. Danke, dass Sie es mir gesagt haben!“
„Also, pass jetzt gut auf!“, entgegnete der Offizier. „Ich mache dir einen fairen Vorschlag. Nimm dieses Buch von Croitoru und lies es! Und übersetze es für uns! Damit ist die Sache für uns gegessen.“
„Ich soll es lesen und übersetzen?!“
„Genau. Damit wir auch sehen, was dieser Typ über uns denkt.“
Das Buch hatte über 400 Seiten. Es war Alarmstufe eins, er meinte es wirklich ernst.
„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch!“, sagte ich. „Aber jetzt, wo Sie mir klargemacht haben, wer dieser Solschenizyn in Wahrheit ist, möchte ich mit diesem Buch nichts mehr zu tun haben. Der Archipel Gulag! So ein Mist!“
„Nimmst du mich etwa auf den Arm?“, sagte der Offizier. Er beugte sich ruckartig nach vorne, und sein Bauch stieß dabei heftig gegen die Tischkante.
„Nein, überhaupt nicht. Ich dachte, das wäre ein Buch über eine mir unbekannte Inselgruppe. Und ich habe mich schon immer für Geografie interessiert.“
„Machst du dich über mich lustig?“, schrie plötzlich der Offizier.
„Nein“, entgegnete ich höflich. „Wieso?“

Es ging noch einige Zeit auf diese Art weiter, man versuchte, mich mal sanft, mal weniger sanft einzuschüchtern. Doch um es kurz zu machen: Schließlich kam ich ziemlich billig davon, also nur mit der Angst. Man ließ mich irgendwann laufen, und akzeptierte volens nolens meine Ablehnung als Literaturübersetzer zu arbeiten.

Aber was ich damals unter heftigem Druck nicht durchführen wollte, das tue ich heute aus freien Stücken. Ich übersetze Romane. Natürlich nicht für die Securitate, sondern für deutsche Verlage, aus dem Rumänischen ins Deutsche. Das Problem dabei: Bücher, die in Rumänien spielen, will hier in Deutschland kaum jemand lesen, wenn nicht gerade Dracula der Protagonist ist. Wenn sie das Wort Rumänien hören, drehen sich die Verleger um und rennen meilenweit davon. Die Interessenten für die rumänische Literatur sind hierzulande derart rar, dass ich bisweilen den Eindruck habe, dass ich für die Katz arbeite. Irgendwie habe ich bei meiner Berufswahl wohl etwas falsch gemacht. Vielleicht hätte ich doch lieber Schlagersänger werden sollen, wie Vico Torriani. Denn bekanntlich ist die erste gefühlsmäßige Entscheidung fast immer die richtige.

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