Die Schriftstellerin als Flaneurin

Gespräch mit der Schriftstellerin Dana Grigorcea

Mittwoch, 02. März 2016

Foto: Aida Ivan

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, debütiert hat sie mit 17 in der Zeitschrift „Romania Literară“. Sie studierte Deutsche und Niederländische Philologie in Bukarest und Brüssel. Die Schriftstellerin lebt nach Aufenthalten in Belgien, Österreich und Deutschland mit ihrer Familie in Zürich. Ihr Roman „Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare“ erschien vor ungefähr fünf Jahren und wurde mit der Schweizer Literaturperle ausgezeichnet. Voriges Jahr erschien das Buch „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ im Dörlemann Verlag, Zürich. Für ihren zweiten Roman erhielt sie 2015 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2015 den 3sat-Preis. ADZ-Redakteurin Aida Ivan sprach mit der Schriftstellerin Dana Grigorcea, als sie an einem Literaturfestival in Bukarest teilgenommen hat.

Sie sind Absolventin der Fremdsprachenfakultät in Bukarest und leben jetzt in Zürich, wo Sie sich als Schriftstellerin betätigen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich habe mein zweites Masterstudium in Österreich gemacht, in Krems an der Donau bei Wien und dort habe ich einen Literaturklub besucht. Da haben Autoren aus ihren Werken gelesen, aus Manuskripten. Ich hatte auf Rumänisch debütiert, meine Kurzgeschichten waren in „Romania Literară“ erschienen, vorgestellt von Constantin Ţoiu. Da war ich 17, ich habe mit Tagebucheinträgen und Kurzgeschichten begonnen. Als ich in Österreich an die Reihe zu lesen kam, habe ich eigene Kurzgeschichten übersetzt. Während ich übersetzte, dachte ich, ich könnte die Geschichten direkt auf Deutsch schreiben, das habe ich dann gemacht. Ich finde, die deutsche Sprache entspricht mir sehr, ich liebe diese Biegsamkeit. Ich liebe, dass man das Verb am Ende setzt, dass man am Ende noch eine Doppeldeutigkeit reinbringen kann. Das nutze ich voll aus.

Dann habe ich im deutschsprachigen Raum gelebt. Es hat sich einfach so ergeben, dass ich ein Jobangebot aus Wien bekommen habe: Ich habe bei einer Tageszeitung in Wien gearbeitet, dann habe ich bei der Deutschen Welle in Bonn arbeiten dürfen, danach in Berlin. Ich bin im deutschsprachigen Raum geblieben und wollte schreiben. Es hätte keinen Sinn gemacht, auf Rumänisch zu schreiben, weil ich unbedingt auch Kontakt zu anderen Autoren und direkten Kontakt zur Leserschaft haben wollte. Dann habe ich meinen Mann im Literarischen Kolloquium in Berlin kennengelernt. Er hatte am Wannsee eine Lesung, er ist Schriftsteller, Perikles Monioudis heißt er. Wir haben ein Jahr zusammen in Berlin gelebt und danach hat er mich überzeugt, mit ihm nach Zürich zu ziehen. Ich wollte eigentlich nie weg aus Rumänien, ich bin ins Ausland gegangen und ich hatte einfach sehr spannende Jobangebote, die ich nicht ablehnen konnte. Es kamen viel mehr Angebote als aus Rumänien.

Sie waren sehr flexibel.

Ich wollte reisen und die Welt sehen und ich hatte diese Sehnsucht nach der Ferne auch meinen Eltern eingeimpft. Ich habe mich ein bisschen verpflichtet gefühlt, das alles zu sehen, was sie jahrelang nicht sehen durften. Mein Mann hat einen Literaturpreis in der Schweiz gewonnen und wir sind hingefahren, um das Geld auszugeben. Er hat in Zürich alle seine Künstlerfreunde zusammengetrommelt, es war Sommer, die Temperaturen sehr mediterran. Wir haben einen Schriftstellerfreund, der ein Boot besitzt, und wir sind immer mit dem Boot hinausgefahren, wir haben Champagner getrunken und Sonnenuntergänge genossen. Mein Mann hat gesagt: „Siehst du, das ist Zürich“. Und dann habe ich gesagt: „Ja, dann lass uns hier bleiben“.
Mein Mann ist einer der Gründer des Schweizer Literaturzirkelnetzes. Da treffen sich junge Autoren und lesen aus Manuskripten vor. Und da habe ich auch gelesen. Ich schrieb damals an „Baba Rada“. Das habe ich in Bonn angefangen, als ich bei der Deutschen Welle war. Ich hatte ein Bild gesehen, ich bin im Winter durch den Botanischen Garten gegangen und habe einen See gesehen, der zugefroren war, und die Seerosen darin waren schwarze Punkte. Dieses Bild war so klaustrophobisch, dass ich es los werden wollte, indem ich es aufschrieb.

Das war der Beginn meines ersten Romans, der im Donaudelta spielt. Es ist ein lustiger Roman über die Klaustrophobie, auch darüber, wie wir Fremde behandeln, was Fremdheit ist, über die Zeit. Es ist aus der Perspektive einer alten Frau erzählt. Da habe ich vorgelesen und ich habe Feedback von anderen Autoren bekommen. Dieses Feedback ist sehr wertvoll. Ich brauche Austausch mit anderen Autoren. Es diszipliniert mich auch, dieses Schreiben in einer Sprache, die nicht die meine ist. Weil ich immer aufpasse, wie ich mich ausdrücke, und es ist mir wichtig, dass ich wirklich auf Deutsch schreibe, nicht dass ich irgendwas auf Rumänisch formuliere, dass ich meine Poetik aus einer wörtlichen Übersetzung rumänischer Ausdrücke hole.

In Ihrem zweiten Roman benutzen Sie Ausdrücke, die auf Deutsch sind, aber irgendwie Rumänisch klingen, zum Beispiel bei den „Kolonnen“ am Römischen Platz oder am Romanischen Platz in Bukarest.
Das habe ich benutzt, eben. Es war auch eine Frage, wie ich das Gefühl vermittle, dass man sich woanders befindet. Es ist ein Stadtroman. Ich wollte unbedingt etwas anderes nach dem ersten Roman, der auf dem Land im Donaudelta spielt. Ich wollte einen Stadtroman schreiben, eine Stadt beschreiben, an die man sich erinnert, an die Ferne, eine Stadt, die man in anderen Städten zu erkennen glaubt, eine Stadt, die man idealisiert, die man aus den Erzählungen anderer kennt, aus den Erzählungen der Großeltern, wie es früher war. Dann kann man über diese Stadt auch von der Geschichte schreiben. Ich wollte auch eine Mentalitätsgeschichte schreiben. Ich wollte natürlich auch verorten, nicht nur Bukarest, sondern auch – die Kolonnen, und nicht die Säulen. Deswegen – die Mineriaden, das sind Brüche. Diese Übersetzungen von rumänischen Ausdrücken ins Deutsche – da sollte keine eigene Poetik aus der Plünderung der rumänischen Sprache vorgetäuscht werden, sondern es sollte wirklich eine deutsche Sprache sein. So mit kleinen Signalen: Das spielt in Rumänien, es ist da verortet.

Sie wollten immer einen Stadtroman schreiben? Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Beim Schreiben des ersten Romans habe ich mir vorgenommen, sobald ich fertig bin damit, schreibe ich etwas ganz anderes. Und ich will auch eine ganz andere Perspektive, weil im ersten Roman erzählt eine einfache, alte Frau, eine Großmutter. Man ist natürlich beschränkt in der Sprache, die Poetik entsteht mal anders, man hat einen kleineren Wortschatz. Im zweiten Roman erzählt eine Frau in meinem Alter, aus der gehobenen Gesellschaft. Es ist auch eine Ich-Perspektive, weil die Art, wie sie redet, eine Generation porträtieren will. Wie redet sie, worüber erzählt sie, was zieht sie in den Fokus, was lässt sie aus? Sie erzählt zum Beispiel über einen Bankraub – erzählt sie bis zum Schluss oder bricht sie ab? Wie wirken ihre Erzählungen? Wo fantasiert sie, wie ist ihr Wortschatz? Was nimmt sie wahr von einer Stadt? Sie ist eine Heimkehrerin, sie hat in Zürich gelebt, als Bänkerin gearbeitet, und jetzt ist sie zurückgekommen, nach Bukarest. Nach dem Bankraub wird sie beurlaubt und hat viel Zeit, durch die Stadt zu spazieren.

Sie sieht die Stadt mit einem frischen Blick. Sie erinnert sich, es sind mehrere Erzählperspektiven. Der Rhythmus ihrer Erinnerungen und ihrer Sprache überhaupt gibt ein Gefühl für den Rhythmus dieser Stadt. Was nimmt sie wahr, was nimmt sie nicht wahr, was bewegt sie, was ärgert sie, wie ethisch ist auch ihr Blick, weil sie erzählt auch von Banken, von der Bankenwelt, von Zürich. Ich gehe von einem Bild aus. Es ist ein Bild, das mich sehr bewegt und dann schreibe ich ganz lange an diesem Bild herum, bis ich die Worte finde, die dazu passen. Bei diesem zweiten Roman bin ich von einem Sturm ausgegangen. Wir sind auf der Siegerstraße in Bukarest, es blitzt und im Blitzlichtgewitter erscheint die Stadt. Sie wird zweidimensional und erscheint wie eine Kulisse in einem Fotostudio. Dann erzähl ich wie von jener Kulisse im Fotostudio. Eine Kulisse für eine Geschichte und für unsere Geschichte, für die Geschichte meiner Generation, die auch von den Erzählungen unserer Großeltern geprägt ist.

Der Roman hat auch autobiografische Elemente. Stimmt das?

Eine andere rumänische Schriftstellerin, Aglaia Veterani, hat mal auf diese Frage geantwortet. Sie sagt, auch die Fantasie ist autobiografisch. Und ich stimme dem voll zu. Ich finde, dass der erste Roman nicht minder autobiografisch ist als der zweite, weil ich schreibe  über das, was mich beschäftigt. In einer Art, die wirklich meine Signatur trägt, eine Sprache, die meine ist. In Formulierungen, zu denen ich stehe. Auch mein erstes Buch ist stark autobio-grafisch, aber es wurde nicht als ein autobiografisches Buch besprochen, weil es eben aus der Perspektive einer älteren Frau erzählt wird und sie weit von mir ist. Sie ist eine ganz einfache Frau und hat eine ganz andere Situation als die meine. Victoria ist leichter mit mir zu identifizieren, sie hat auch in der Schweiz gelebt, sie kommt zurück. Ich habe wirklich experimentiert, wie es ist, autobiografisch erkennbare Elemente einzubauen. Wie ist es, wenn man die eigene Straße als Handlungsort für den Roman wählt, wie ist es, wenn man Personen aus dem eigenen Umfeld benutzt? Das Lustige ist, dass eine Universitätsprofessorin, die ich hatte, mir geschrieben hat, dass sie den Roman sehr gemocht hat, aber der heißt doch so, der so, sie hat sie richtig erkannt. Im deutschsprachigen Raum sind sie eher Fiktion für alle.

Im ersten Buch zum Beispiel, da ist die Namensgebung wichtig, weil Figuren aus der rumänischen Literatur auftreten. Es gibt eine Agripina, es gibt einen Antim. Wenn man sich in der rumänischen Literatur auskennt, hat man seine Projektionen und ein Teil davon stimmt, ein Teil wird geändert – es endet anders, als man es erwartet. Das ist ein Spiel für mich, aber das war ein einsames Spiel, weil niemand es verstehen konnte. Es ärgert mich ja nicht, man spielt ja beim Schreiben und es soll ja mir Spaß machen. Ich habe natürlich auch ein bisschen alte Kollegen gegoogelt: Was wird aus den Leuten danach? Zu was werden sie, was macht diese Vergangenheit aus ihnen, inwiefern hat sie diese ganze Periode geprägt, wie schreiben sie sich eine neue Biografie, wie interpretieren sie Vergangenes neu? Man kann sich natürlich auch ein neues Leben schreiben, eine neue Biografie, man kann die Begebenheiten in einer anderen Ordnung erzählen und dann ergeben sie eine ganz andere Geschichte, und darum geht es. Zum Beispiel Codrin, der Nachbar, und was er später sagt. Wie hat er das wahrgenommen, was will er von all dem behalten? Was für eine Biografie will er haben?

Haben sie lange recherchiert? Sind Sie nach Bukarest gekommen?

Ich halte nichts von Recherchen für ein Buch, weil ich lange als Journalistin gearbeitet habe. Ich finde, die Literatur erlaubt einem mehr, der Wahrheit näher zu kommen, als der Journalismus. Man kann mit der Fantasie näher an die Dinge kommen. Als ich mit meinem ersten Roman fertig wurde, wurde ich von einem Autor gefragt: „Und, wie haben Sie recherchiert, waren Sie da?“ Ich habe ein bisschen Panik gekriegt und bin mit einer Freundin nach Sfântu Gheorghe gefahren, bin mit dem Manuskript nach Sulina gefahren und habe geguckt: Stimmt das, was ich beschreibe, stimmt es nicht? Ich habe mit dem Roman im Kopf herumgeschaut. Ja, das stimmt, das ist genauso wie in meinem Buch. Mit dem Schiff sind wir an einem Dorf vorbeigegangen, das Baba Rada hieß. Das war die Bestätigung, dass ich mein Manuskript abgeben konnte. Mit dem Bukarest-Roman ist es genauso, ich habe nicht das Bedürfnis gehabt zu kommen. Man hat ja diese Erinnerung an Orte, an Empfindungen, man hat das, was man immer sagen wollte. Ich finde, es ist nicht wichtig, dass alles mit der Realität abgeglichen wird. Ein Buch muss in sich stimmen.

Wie haben sie an dem Buch gearbeitet?

Ich habe zwei kleine Kinder und ich habe diesen Roman immer von Viertel nach neun bis Viertel vor 12 geschrieben, als meine Tochter Reitunterricht hatte. Ich bin in ein Café auf den Ponyhof gefahren und da habe ich geschrieben. Die ganze Woche konnte ich nicht schreiben, weil ich auch gearbeitet habe. In Zürich habe ich als Filmdozentin gearbeitet, und ich habe Filmästhetik unterrichtet, Bachelor-Arbeiten betreut, da hatte ich keine Zeit. Mein Kopf hat aber die ganze Zeit gearbeitet, an den Dienstagen konnte ich endlich in die Tasten hauen. Dann wollte ich nach Klagenfurt, zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gehen. Und ich habe das meiner Verlegerin  gesagt. „Wenn du im Sommer nach Klagenfurt fährst, dann muss das Buch im Herbst erscheinen“, hat sie gesagt. Dann hatte ich natürlich eine Deadline.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Buch fertig geschrieben haben?

Eineinhalb oder zwei Jahre, ich weiß es nicht so genau. Zahlen sind für mich nicht wichtig. Es sagt auch nichts über die Konzentration aus, mit der ich gearbeitet habe, weil ich wirklich so ein kleines Zeitfenster gehabt habe. Manchmal war meine Tochter krank und ist nicht mehr reiten gegangen. Es waren Ferien und in der Schweiz haben die Kinder viele Ferien. Dann musste ich Kinderprogramm machen.

Wie war es beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb?

Die Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb war ein wunderbares Erlebnis. Ich war so mitgenommen von der ganzen Atmosphäre, ich habe mich wie ein Gastgeber gefühlt. Ich finde es wichtig, ich war dabei, bei diesem großen Medienspektakel. Ich bin nicht hingegangen, um etwas zu gewinnen. Alle meine Schweizer Schriftstellerfreunde haben mich gewarnt. Die haben mir gesagt, „Geh nicht hin, die Schweizer gewinnen nie was“. Es berührt mich sehr. Ich muss sagen, seit ich in der Schweiz bin, gelte ich als Schweizer Autorin. Ab meinem zweiten Buch, bevor ich den Schweizer Pass hatte, war ich als Schweizer Autorin auf Buchmessen eingeladen. Ich wurde sehr rasch angenommen.

Betrachten Sie sich als eine Schweizer Autorin?

Ich war auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis, damals sind rassistische Artikel erschienen. Die Gewinnerin sollte einen Schweizer Namen haben, mein Roman wurde zur Migrationsliteratur gezählt. Es hat überhaupt nichts mit der Migrationsliteratur zu tun, im Gegenteil, meine Victoria ist eine Flaneurin und der Roman hat einen ganz anderen Geist. Ich habe nicht gesagt, ich bin Schweizer Autorin aus Rumänien oder rumänische Autorin, die auf Deutsch schreibt, ich wollte mich nicht so definieren. Mit solchen Vereinfachungen wollte ich als Autorin nichts zu tun haben.

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