Die Schulerau im 18. Jahrhundert unter Habsburgischer Herrschaft (IV)

Ein Nebenschauplatz der kriegerischen Auseinandersetzungen um die befestigte Stadt Kronstadt

Montag, 07. Mai 2012

Diese verpachteten ihrerseits nun die Flächen zu wesentlich höheren Preisen, wovon viele arme Familien mit Kindern betroffen waren, die sich von ihren kleinen, auf diesen Parzellen in der Schulerau weidenden Herden ernährten. Die Klagen der betroffenen rumänischen Familien und Pächter zogen weite Kreise, und da sich die Stadt als unnachgiebig erwies, reichten die Geschädigten bei einem der Besuche des Kaisers Joseph II. in Kronstadt ihre Klage beim Kaiser ein. Dieser hatte 1781, bei seinem letzten Besuch in Kronstadt, der Stadt verordnet, die Klagen der Rumänen zu untersuchen und, falls diesen Schaden entstanden war, sie angemessen zu entschädigen. Die Stadt war jedoch der Meinung, dass durch die anstehenden Maßnahmen den Pächtern kein Schaden entstanden war.

Eine weitere Forderung der Rumänen aus der Oberen Vorstadt war, ihnen die selbstständige, unabhängige Verwaltung der Oberen Vorstadt zu gewähren. Die Stadt genehmigte diese Maßnahme nicht, obwohl damals bekannt war, dass die Bevölkerung der Oberen Vorstadt diejenige der Inneren Stadt auf einer wesentlich kleineren Wohnfläche übertraf.

Nach dem Tod der Kaiserin Maria Theresia übernahm ihr Sohn Joseph II. die Regentschaft. Als typischer Repräsentant des „aufgeklärten Absolutismus“ hatte er eine ganze Reihe von grundlegenden Reformen für Siebenbürgen vorgesehen: das „Toleranzedikt“, das „Konvizitätsedikt“, die Reform der Ausbildung und Schulen, eine neue Wald- und Jagdordnung u.v.a. Der Reformeifer des Kaisers ging so weit, dass er für Siebenbürgen eine neue Verwaltungsordnung plante, wobei Kronstadt nicht mehr Distrikthauptstadt sein sollte. Die hauptsächlich betroffenen Siebenbürger Sachsen liefen entsetzt Sturm gegen diese eigentlich gut gemeinten Reformen des Kaisers, die ihre Existenz als privilegierte Minderheit zutiefst in Frage stellten.

Da unter Joseph II. auch der ehemals einflussreiche Vermittler zwischen den Sachsen und dem Kaiserhof in Wien, Baron von Brukenthal, in Ungnade ge-fallen und entlassen worden war, wurde ein Teil der umstrittensten Reformen erst durch den frühen Tod (1790) des Kaisers hinfällig.

In der Zwischenzeit fanden im Westen Europas epochale Ereignisse statt, die aber in Siebenbürgen, nicht zuletzt auch Dank der akribischen habsburgischen Zensur, vom Gros der Bevölkerung vorerst nicht wahrgenommen wurden.
Im Westen Europas ging schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts von England eine neue Geistesströmung, die Aufklärung, aus.

In Hermannstadt machte sich die Aufklärung durch den Druck und Vertrieb von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften durch die Hochmeistersche Druckerei und Buchhandlung bemerkbar. Sowohl in Hermannstadt als auch in Kronstadt wurden Lesestuben, die Vorgänger der heutigen öffentlichen Bibliotheken, gegründet. Unter den aufklärerischen Büchern und Schriften, die damals auf verborgenen Wegen nach Siebenbürgen einsickerten, befinden sich auch einige, welche von an europäischen, besonders deutschen, Universitäten unterrichtenden Professoren siebenbürgischer Herkunft und noch mit Wohnsitz in Siebenbürgen, durch die Zensur geschmuggelt wurden.
Der Heltauer Pfarrer Johann Filtsch gründete 1790 die „Siebenbürgische Quartalsschrift“, die dann durch den Verlag und die Druckerei Hochmeister in Hermannstadt über 10 Jahre lang verlegt wurde. In dieser Zeitschrift wurden erste, größtenteils von siebenbürgischen Autoren verfasste naturkundliche, geografische und volkskundliche Aufsätze veröffentlicht.

Das Gebiet der Schulerau und des Schulers werden erstmals in der Ausgabe dieser Zeitschrift aus dem Jahr 1793 beschrieben. (Ein Auszug dieses Aufsatzes wurde als Motto der ersten Folge dieser Aufsatzreihe vorangestellt.)
Die Aufklärung spielte für die gesamte den Menschen umgebende Natur eine besondere Rolle, weil durch ihre Ideen sich ein radikaler Wandel in der Wahrnehmung der Natur vollzog. Diese Wahrnehmung wurde nicht nur in hohem Maße von Aberglauben befreit, sondern führte auch zu der körperlichen und seelischen Erbauung des Betrachters. So begannen auch die Kronstädter Bürger am Ende des 18. Jahrhunderts die Berge in nächster Umgebung der Stadt mit einem neuen und besonderem Interesse zu genießen, indem sie immer öfter zu ihrem Vergnügen auf die Zinne oder in die Schulerau „spazieren“ gingen, genau so, wie es der Kronstädter Ratsherr Andreas Hegyes schon am Anfang des 18. Jahrhunderts praktiziert hatte.

Die „Josephinische Waldordnung“ wurde in Siebenbürgen am 30. Mai 1781 eingeführt. Sie enthielt eine Reihe von Vorschriften, die einer modernen, „aufgeklärten“ Ausbeutung des Waldes Genüge tragen sollte. Auch waren darin für Personen, die sich des Waldfrevels schuldig machten, harte Strafen vorgesehen. Vieles dieser durchaus modernen „Waldordnung“ konnte jedoch nicht in die Praxis umgesetzt werden, weil viele der Grundvoraussetzungen nicht vorhanden waren. Auch fehlten genaue Karten über die Baumbestände, Zufahrtswege für die Ausbeute des Holzes, geschultes Forstpersonal sowie das für die Durchführung dieser Maßnahmen erforderliche Geld.

Am 21. August 1786 wurde die kaiserliche Jagdordnung in Siebenbürgen eingeführt. Sie regelte nach österreichischem Muster die Jagdverpachtungen sowie die jährlichen Jagd-Erlaubniszeiten u.v.a.. Da die Jagd auch in Siebenbürgen nur Jägern aus der privilegierten oberen Schicht der Bevölkerung gestattet war, brachte die Josephinische Jagdordnung wenig Neuigkeiten. Eine Ausnahme waren die härteren Strafen für Wilderer, falls man ihrer habhaft wurde.

Im gleichen Jahr, 1786, entdeckte man bei den Salomonsfelsen eine Höhle, die aber damals noch kein besonderes Aufsehen erregte. Man vermutete, dass früher dort nach Eisenerz gegraben wurde.
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vollzog sich auch in Siebenbürgen im Allgemeinen und im Burzenland, und hier besonders in Kronstadt, der Übergang von den veralteten feudalen ständischen Strukturen zu modernen frühkapitalistischen Wirtschaftsmodellen, die in Zeiten ohne Kriege und Konflikte aus dem Westen Europas importiert wurden. Dennoch muss hervorgehoben werden, dass sich auch hier herausragende Persönlichkeiten fanden, die sich den neuen Herausforderungen mutig stellten.

Die sich schon im 18. Jahrhundert abzeichnende, von Kriegen verschonte Zeit hat, trotz einer rückständigen wirtschaftlichen und prekären finanziellen Lage, unter den Bürgern Kronstadts eine Stimmung des Aufbruches verbreitet. Das Gebiet der Schulerau und des Schulers wird in diese neue Phase wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung miteingebunden und wird schließlich im kommenden 19. Jahrhundert die Etappe der naturwissenschaftlich–touristischen Erschließung erreichen.

(Schluss)

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