Die Schweinerübe

Dienstag, 21. August 2012

Foto: sxc.hu

Oft liegt das Gute so nah, dass man förmlich drauftritt, während man sich auf der Suche danach die Augen ausschaut. So erging es uns mit der Schweinerübe...„nap porcesc“, wie die Knolle, die in Deutschland den klangvollen Namen Topinambur trägt, in Rumänien abfällig genannt wird, weil man sie vor dem Zweiten Weltkrieg an die Borstentiere verfütterte, wobei sie anschließend in Vergessenheit geriet. Für den Menschen hielt man sie damals für ungenießbar, ja sogar für schädlich.

In Westeuropa kann man Topinambur für teures Geld in Reformhäusern erstehen. Und dies, obwohl die mit der Sonnenblume verwandte Pflanze ohne jeglichen Aufwand in kürzester Zeit jeden Garten zuwuchert und als Draufgabe auch noch hübsch gelb blüht. Wenn man sie nicht rechtzeitig durch Aufessen daran hindert, denn tatsächlich ist die Wurzel in rohem wie gekochtem Zustand wohlschmeckend und bekömmlich. Im Winter kann sie in der Erde verbleiben, der Frost tut ihr nichts an, im Keller hingegen ist sie nicht lagerfähig. Bei Bedarf gräbt man die von der Form her dem Ingwer ähnelnde Wurzel einfach frisch aus. Jüngste Studien belegen, dass die Wunderknolle aufgrund ihres hohen Inulingehalts (nicht Insulin!) dazu beiträgt, den Cholesterinspiegel zu senken, hohen Blutdruck zu reduzieren, den Zuckerhaushalt zu regulieren und somit auch als Schlankheitsmittel gilt. Auch bei Verdauungsstörungen und Pilzinfektionen zeigt der Verzehr von Topinambur positive Wirkung. Doch auch die deutschen Bauern hatten das Würzelchen, das im 17. Jahrhundert von der Kartoffel verdrängt wurde, längst vom Speiseplan gestrichen. Als Lebensmittel verschmäht, kehrte Topinambur Jahrhunderte später siegreich als Medikament zurück – schweineteuer natürlich, die Rache der Schweinerübe!

Meine Suche nach der Schweinerübe in Rumänien begann auf dem Markt in Bistritz. Eine solche – geschweige denn Topinambur – kannte dort natürlich kein Schwein. Statt dessen wurden mir tausend Ratschläge geboten, was Schweine sonst gerne fressen. Nach etwa dreijährigem Suchen auf Märkten, bei Bauern und Kräuterweiblein geschah dann endlich das Wunder. Ein Mann aus Vălenii de Munte erkannte die beschriebene Pflanze und versprach, ein paar Exemplare zu beschaffen. Eine Woche später fuhren wir hoffnungsfroh nach Ploiești, wo wir uns – beide auf der Durchreise – auf einem Parkplatz trafen. Ein Säckchen mit erdigem Inhalt wechselte beinahe konspirativ den Besitzer. Der Inhalt entpuppte sich – oh Wunder – tatsächlich als das Gesuchte! Überglücklich machten sich mein Mann und ich mit dem Schatz auf den Heimweg, nicht einmal ein Strafzettel konnte unser Glück an diesem Tage trüben. Noch am selben Abend brachen wir enthusiastisch zu unserem Grundstück auf, fest entschlossen, es in Kürze in eine blühende Naturapotheke zu verwandeln.

Dort lief uns Fane über den Weg. „Wir haben hier eine ganz tolle Heilpflanze“, verkündete mein Mann strahlend und hielt dem Nachbarn das Säckchen vor die Nase: „Ich geb dir gerne ein paar für deinen Garten!“ Der Mann guckte auf die erdigen Dinger und zögerte. „Nimm, wir haben genug davon“, insistierte George großzügig und ich fügte hinzu: „Drei Jahre haben wir überall danach gesucht!“

Betreten sah uns Fane an. Dann zeigte er auf einen nahen Hügel. „Wisst ihr, wieso der Acker dort nicht bestellt ist?“ Vierfaches Achselzucken. „Ich zeigs euch“, meinte er und kletterte zu uns ins Auto.
Als er dort mit dem Spaten in den harten Boden stach, kam eng verflochtenes Wurzelwerk mit erdnussgroßen Knöllchen zum Vorschein. Das konnte doch nicht wahr sein: Topinambure – so dicht, dass sie sich gegenseitig am Wachstum behinderten! „Das Feld wurde aufgegeben, weil sich das Teufelszeug hier überall ausbreitet“, erklärte Fane und fügte hinzu: „Und keiner weiß, wie man es loswird. Nichtmal die chemische Keule wirkt.“
Ungläubig sahen wir uns an. Dann brachen wir in schallendes Gelächter aus. Wie im wirklichen Leben, so ist es auch mit der Schweinerübe: Sehnsüchtig wartet man auf etwas, sucht und müht sich ab, bis sich zum richtigen Zeitpunkt alle Knoten lösen und das Ersehnte einfach vom Himmel fällt.
Doch es kommt noch besser. Beim Kräutersammeln auf unserem eigenen Grundstück entdeckten wir kurz darauf ein merkwürdig vertrautes Blattwerk. „Weißt du, was das ist?“, fragte mein Mann mit ironischem Grinsen. So waren wir doch tatsächlich, ohne es zu ahnen, schon lange im Besitz der heiß ersehnten Pflanze gewesen...

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