Die Sporthallenblase und die Häuslebauer in Rezessionszeiten

Im Raum Klausenburg leben die fleißigsten Wohnungsbauer Rumäniens

Freitag, 09. März 2012

Zur Einweihung der neuen Schwimmhalle in Câmpina waren der damalige Premier Emil Boc (rechts) und Tourismusministerin Elena Udrea gekommen.

Unabhängig ihrer politischen Couleur haben alle Regierungen Rumäniens – angefangen mit der (in allem extrem zaghaften) Rechtsregierung von 1996-2000 über die linke Năstase-Regierung 2000-2004, die liberale Tăriceanu-Regierung 2004-2008 und jüngst die (nach Eigendefinition) Mitte-Rechts-Regierung Boc sich mit einem Fleiß, den wirkliche Prioritäten Rumäniens verdient hätten, dem Bau von Sport- und Freizeitsälen hingegeben.

Insgesamt haben diese vier Regierungen bis 2010 – so weit waren die Daten von den Statistikämtern erhältlich – 25.016 Milliarden Lei für Sporthallenbau ausgegeben. Das wären (bei dem von der Nationalbank Rumäniens – BNR – angegebenen Durchschnitts-Wechselkurs von 3,8 Lei/Euro in diesen 14 Jahren) über 6,57 Milliarden Euro.

Was der Sport- und Freizeit-Saalbau mit tatsächlichen Bedürfnissen dieses Landes zu tun hat, das müsste in erster Linie Ex-Regierungschef Adrian N²stase gefragt werden, der – angeblich aufgrund einer Wette mit dem Milliardär und Ex-Tennisprofi Ion Ţiriac – auf Deibel-komm-raus Sport- und Schwimmhallen bauen ließ, mehrere Hundert allein in seinem vierjährigen Mandat, wie es heißt.

Regierungen haben nichts dazu gelernt

Dass diese Hallen eher Kartonhäuschen ähneln – und auch genauso feste Wände haben (worüber die „beglückten“ Schulleiter ein Lied singen können) – und dass die Billigbauweise aufgrund einer grundsätzlich falschen Ausschreibungspolitik in diesen Hallen zuerst ihre Kehrseiten gezeigt hat, wen kümmert`s?

Es kümmert auch kaum jemand, dass im Übereifer des Hallenbaus diese auch hingestellt wurden, wo eine überalterte Bevölkerung in dünnbesiedelten Ortschaften ohne Siedlungswasserwirtschaft und ohne vernünftige Strom- bzw. Erdgasanschlüsse lebt, dass die Dachneigung die winterlichen Niederschlagsmenge nicht beachtet (wie viele Tonnen Nassschnee hält eine solche Dachkonstruktion aus?) oder dass es überhaupt nicht reicht, dass man die Nutzer der Hallen zwingt, ihre Schuhe beim Betreten zu wechseln, um den Hallenbelag/den Fußboden zu schonen, wenn dieser von minderer Qualität ist.

Sorgen erregt auch die Tatsache, dass alle Regierungen, die Geld in den Hallenbau gesteckt haben, praktisch nichts dazu gelernt haben. Und sie haben buchstäblich mit Haushaltsgeld um sich geschmissen.

Steile Ausgabenkurven im Budget

Die Rechtsregierungen von Victor Ciorbea und Radu Vasile waren noch ziemlich bescheiden. Etwas mehr als 32 Millionen Lei haben sie insgesamt zwischen 1996 und 2000 für Sport- und Freizeithallenbau ausgegeben, auch im Jahr 2000, als der Haushalt bereits 13,7 Millionen Lei dafür vorsah (die allerdings wahlenbedingt zur Hälfte von der siegreichen Năstase-Regierung ausgegeben wurden). Die (Haushalts-) Geldexplosion im Hallenbau setzte unter Adrian Năstase ein. 2001 waren es 36,6 Millionen Lei – also etwa gleich viel wie in allen vier vorherigen Jahren. 2002 waren es schon 53,7 Millionen Lei, dann 2003 das Dreifache (177,7 Millionen Lei) und 2004 nahezu eine weitere Verdoppelung: 326,3 Millionen Lei.

Im Jahr, als Năstases PSD infolge Wahlniederlage nicht mehr im Regierungsboot der PDL/PNL saß, 2005, gab es ernüchternde 99,6 Millionen Lei Haushaltsgeld für Sporthallenbau, um aber dann in der Regierung von Călin Popescu-Tăriceanu hochzuschnellen: 2006 – 204,1 Millionen Lei, 2007 – 236,2 Millionen Lei, 2008 – 401,6 Millionen Lei.

Als Emil Boc die Zügel des Regierungskarrens in die Hand nahm, hat er erst mal den Haushalt für den Sporthallenbau auf die bisher unbekannte und seither unerreichte Höhe von 523,3 Millionen Lei hochfahren müssen. Denn die zuständige Ministerin Elena Udrea (Ressort: Raumentwicklung und Tourismus) musste als vermeintliche Vorliebe des Staatschefs, wie es heißt, das höchste Budget aller Ministerien haben und auch im ganzen Land als finanzielle Wohltäterin auftreten können – und sei es auch nur bei der Einweihung neuer Sporthallen auf (im Wortsinn) grüner Wiese.

Sparen auf Kosten der Bürger

Das erste Sparjahr des ehemaligen Premiers Emil Boc, 2009, brachte zwar etwas Ernüchterung in die Euphorie des Sport- und Freizeithallenbaus in Rumänien (Budget: 398,3 Millionen Lei), aber im Verhältnis zu der von der Bevölkerung erwarteten Zustimmung zu schmerzlichen Sparzugeständnissen eigentlich wenig.

Wenn man‘s genau nimmt: Von einem wirklich sorgfältigen Umgang mit unseren Steuergeldern kann schwerlich die Rede sein, wenn allen Staatsangestellten ein Sparzwang von 25 Prozent (Lohnkürzungen) auferlegt wird, aber für Vorzeigeprojekte der Regierenden kaum Gelder gestrichen werden. Denn sicherlich sollte man das Rezept von John Maynard Keynes befolgen und gerade in Krisenzeiten Haushaltsgeld – sogar auf Pump! – ausgeben, um die Konjunktur wieder anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen, aber nicht unbedingt mit Sport- und Freizeithallen.

Die bringen zwar theoretisch, durch Sportausübung, mehr Gesundheit und also weniger Verluste im Wirtschaftsgeschehen und weniger Ausgaben im maroden Gesundheitsbetreuungssystem – aber uns ist kein einziges Projekt bekannt, wo tatsächlich die Hallen zur Förderung der Gesundheit der Ortsbewohner, also zur generellen Hebung des Gesundheitszustands der Bevölkerung, genutzt wurden.

Wohnbau von Rezession weniger betroffen als angenommen
Dem staatlich geförderten Hallenbau kann der Wohnungsbau gegenübergestellt werden. Da aber die Statistikämter überhaupt nicht über Wertangaben bezüglich des Wohnungsbaus verfügen, sondern nur über Stückzahlen und Wohnflächen, kann man nur eine ungefähre Gegenüberstellung machen, die trotzdem einigen Aufschluss gibt über Rumänien.

Insgesamt sind laut statistischer Übersicht zwischen 2000 und 2010 520.421 Wohnungen – Villen, Wohnhäuser, Mietwohnungen in Residenzvierteln usw. – gebaut worden. Den größten Wohnungsbestand hat Bukarest mit 795.397 Wohnungen (Stand: Ende 2011), gefolgt vom Verwaltungskreis Prahova (316.595 Wohnungen Ende 2010), während weniger als 100.000 Wohnungen in den Verwaltungskreisen Covasna (87.492), Tulcea (94.525) und S²laj (99.582) stehen.

In den letzten Jahren sind die meisten Wohnungen im Verwaltungskreis Klausenburg/Cluj gebaut worden (9645), wo die Gesamtzahl der Wohnungen 293.265 erreicht hat. Interessant ist, dass die Rezession (2008-2010) sich nicht so stark auf den Wohnungsbau ausgewirkt hat, wie man es erwartet hätte, und dass in den Rezessionsjahren in Rumänien immerhin 97.278 Wohnungen schlüsselfertig übergeben worden sind.

Bedenkt man noch, dass es sich um praktisch zwei volle Rezessionsjahre handelt, dann ist das beachtlich (der Baurhythmus war also in etwa derselbe wie vor der Rezession, von statistisch durchschnittlichen rund 50.000 Wohnungen pro Jahr) und stellt scheinbar die Hallenbaublase des Staates gar nicht in ein so schlechtes Licht. Wenn parallel nicht die Lohn- und Rentenkürzungen und die starre Sparpolitik des Staates gewesen wäre.

Arbeitsmigranten bauen daheim Wohnungen

Was den Baurhythmus in den Rezessionsjahren betrifft, so liegt Bukarest in dieser Statistik erst an fünfter Stelle unter den Verwaltungseinheiten Rumäniens. Auf Klausenburg folgt Ilfov – sozio-demografisch auch ein Beweis für die Stadtflucht der Bukarester – mit 8352 Neubauwohnungen, auf dem dritten Rang liegt Sutschawa/Suceava, ein Raum, wo es sehr viele im Ausland Arbeitende gibt, die ihr Erspartes in Häuserbau anlegen: 6973 Neubauten zwischen 2008 und 2010.

In der Spitzengruppe befinden sich nicht zufällig auch Jassy/Iaşi und Neamţ, wo eine ähnliche Situation bezüglich der Arbeitsmigranten und ihrer Häuslebauermentalität herrscht. Und auch Konstanza fällt in diese Kategorie mit 6275 schlüsselfertigen Wohnungen zwischen 2008 und 2010. Bukarest hat in dieser Zeitspanne nur 5002 fertige Wohnungen zustandegebracht, also um 3350 Wohnungen weniger als der die Hauptstadt umschließende Kreis Ilfov.

Die Statistik zeigt auch, dass das durchschnittliche Lohnniveau für den Häuserbau ziemlich irrelevant ist. Der Verwaltungskreis mit den niedrigsten durchschnittlichen Löhnen Rumäniens, Bihor, liegt im Häuserbau auf Rang 12 von 42 Verwaltungseinheiten. Und Giurgiu, die Donauregion mit der am schwächsten entwickelten Wirtschaft, liegt immerhin auf Rang 34 im Wohnungsbau.

Hingegen liegt ein aufstrebender Verwaltungskreis, der zudem noch in der Energiewirtschaft einen Spitzenplatz einnimmt – Mehedinţi mit den beiden Donau-Wasserkraftwerken und den Wärmekraftwerken in der Braunkohlenregion – im Wohnungsbau mit nur 193 schlüsselfertigen Wohnungen zwischen 2008 und 2010 an letzter Stelle.

Ein Nachweis mehr, dass man Statistiken zwar kennen, aber mit Vorsicht handhaben und deuten muss.

Kommentare zu diesem Artikel

Gerhard Gruen, 09.03 2012, 15:49
Sehr geehrte Damen und Herrn,
meiner Meinung nach liegen die "Waermekraftwerke in der Braunkohlenregion" im Kreis Gorj, nicht, wie Sie schreiben, im Kreis Mehedinti.
Mit freundlichen Gruessen
Gerhard Gruen

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