„Die Sprache ist ein Schatz“

ADZ-Gespräch mit der sathmarschwäbischen Kindergärtnerin Maria Pech über die Zweisprachigkeit

Mittwoch, 06. März 2019

Kindergärtnerin Maria Pech präsentiert ihre Arbeit über die Zweisprachigkeit. Foto: Gabriela Rist

Kürzlich beherbergte die Gemeindebibliothek „Viorel Sălăgean“ in Bildegg/Beltiug ein doppeltes kulturelles Ereignis. Die Kindergärtnerin Maria Pech stellte ihren Kolleginnen von den deutschen Kindergartenabteilungen im Kreis Sathmar/Satu Mare ihre Studie „Zweisprachigkeit im Kindergarten“ vor. An der Veranstaltung, die vom Gemeinderat Bildegg, der Gemeindebibliothek in Bildegg und vom Demokratischen Forum der Deutschen organisiert wurde, nahmen u. a. Leontina Ghit, Vorschulinspektorin im Kreis Sathmar, Johann Leitner, Vorsitzender des Kreisforums Sathmar, Ioan Bartók Gurzău, Bürgermeister der Gemeinde Bildegg, teil. Für die ADZ sprach Gabriela Rist mit der Kindergärtnerin Maria Pech über das Thema Zweisprachigkeit, insbesondere bei den Sathmahrer Schwaben.


Frau Pech, Sie stammen aus einer sathmarschwäbischen Familie der Gemeinde Bildegg und Sie haben das Pädagogische Lyzeum in Hermannstadt beendet. Wie kamen Sie nach Hermannstadt?

Ich gehöre noch zu der Schülergeneration der 60er, 70er Jahre. Zu der Zeit mangelte es im Sathmarland an deutschsprachigen ausgebildeten Lehrkräften bei den deutschen Abteilungen der Schulen. Deutsche Fachlehrer aus dem Banat, Siebenbürgen oder dem Zipserland, die damals daher versetzt worden sind, blieben nicht lange da, höchstens ein-zwei Jahre, und nachher zogen sie wieder zurück in die Nähe ihrer Heimatorte. So wurde natürlich die Kontinuität des Unterrichts nicht ganz gesichert. Aus diesem Grunde und um dieses Problem zu lösen, förderte das Kreisschulamt jährlich einige Schüler, die das Pädagogische Lyzeum in Hermannstadt/Sibiu für Erzieherinnen und Lehrerinnen für die deutschen Abteilungen besuchten. So kam ich 1973, nachdem ich die Aufnahmeprüfung in Großkarol/Carei für die deutsche Abteilung in Hermannstadt bestanden habe, nach Hermannstadt ins Pädagogische Lyzeum, noch mit anderen drei Schülerinnen aus dem Kreis Sathmar.

Im Laufe der Geschichte ging die Muttersprache bei den meisten Sathmarer Schwaben verloren. Beherrschten Sie schon damals die deutsche Sprache gut oder hatten Sie Schwierigkeiten bei Ihrer Ausbildung in Hermannstadt?

Im Vergleich zu unseren Schul- und Klassenkolleginnen, die aus den anderen Kreisen wie Kronstadt, Hermannstadt, Bistritz, Arad und Temeswar kamen, hatten wir aus der Sathmarer Gegend sehr schwache Deutschkenntnisse. Deswegen mussten wir uns besondere Mühe geben, um zusätzlich, selbstständig die deutsche Sprache zu erlernen und dazu noch viel Lehrstoff im Bereich Sprache und deutsche Literatur nachzuholen. Mein erstes Grammatikbuch und meinen Rechtschreibduden habe ich von Professor Stefan Schmied, gebürtiger Bildegger, der nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland ausgewandert ist, geschenkt bekommen. Er kannte die damalige Lage der deutschen Schulen im Sathmarland und da er auch ausgebildeter sathmarschwäbischer Lehrer war, wollte er mir helfen und schickte mir sofort per Post diese Bücher. Auch heute bin ich ihm noch sehr dankbar. Die Gedenktafel zu Ehren von Professor Stefan Schmied ist an der Fassade der Bildegger Gemeindebibliothek zu sehen. Sein Bild und seine Werke, die er über die Sathmarschwaben geschrieben hat, sind in der Bibliothek zu finden. Die Gemeindebibliothek befindet sich gerade im Hof seines ehemaligen Elternhauses.

Wie kamen Sie auf die Idee, über die Zweisprachigkeit im Kindergarten eine Studie zu schreiben?

Als Pädaschülerin habe ich mein pädagogisches Praktikum bei einer sehr begabten, fachlich gut ausgebildeten und erfahrenen Kindergärtnerin, Frau Gerlinde Schuller, im Kindergarten Nr. 1 im alten Stadtzentrum in Hermannstadt absolviert. Wie wir schon aus der Auswanderungsgeschichte der Rumäniendeutschen nach Deutschland in den 70er und 80er Jahren wissen, begann der Auswanderungsprozess in den von Sachsen und Banater Schwaben bewohnten Gebieten Rumäniens schon 10-15 Jahre früher als bei uns im Sathmarland. Als Folge dieses Vorgangs war die Anzahl der Kinder mit deutscher Muttersprache in diesen deutschen Gruppen immer kleiner geworden, dabei wuchs die Anzahl der Kinder mit rumänischer Muttersprache oder der Kinder, die aus Mischehen stammten. Diese Kinder beherrschten die deutsche Sprache nicht gut oder gar nicht. Für mich als Praktikantin war diese Kindergärtnerin, der ich zugeteilt war, mein Praktikum zu leisten, ein Vorbild im Beruf, mein guter Mentor. Bei ihr und von ihr habe ich gelernt, mit welchen Methoden und Mitteln man den Kindern die Sprache leichter beibringen kann. Im Jahr 1978 begann ich meinen Beruf auszuüben als Kindergärtnerin im Kindergarten Nr.19 in der deutschen Abteilung in Sathmar. Damals gab es nur drei deutsche Gruppen auf Stadtebene in ganz Sathmar und noch einige deutsche Gruppen in den schwäbischen Dörfern wie: Bildegg, Petriefeld/Petrești, Scheindorf/Sâi, Kriegsdorf/Hodod und Burlescht/Borlești. In dieser Zeitspanne machte sich die massive Auswanderung der Sathmarschwaben auch im Sathmarland sehr spürbar und es wuchs das Interesse der Eltern für die deutschsprachigen Kindergartengruppen.

Nach jedem Tagesablauf, als ich über die geleistete Arbeit reflektierte, war ich mit den Ergebnissen der Kinder, insbe-sondere was die Erweiterung des Wortschatzes und die Entwicklung der Sprachfertigkeit der Vorschulkinder anbelangt, nicht immer zufrieden. Ständig machte ich mir Gedanken darüber, wie ich den Kindern die deutsche Sprache leichter beibringen könnte, sodass sie in den ersten Kindergartenjahren einen passiven Wortschatz besitzen und nach Beendigung der großen Gruppe, beim Schuleintritt, einen aktivierten Wortschatz benützen, um auch, wenn nur teilweise, den Erfordernissen der Schule zu entsprechen.

Spielten Sie damals nicht mit dem Gedanken, selbst nach Deutschland auszuwandern?

Doch! Da unsere nahen Verwandten, unsere Familie, unsere Freunde schon alle nach Deutschland ausgewandert waren, zogen wir im Jahr 1988 mit der Familie nach Bildegg in unser Heimatdorf und kämpften mit dem Gedanken auszuwandern oder zu bleiben. Wir befanden uns „zwischen Bleiben und Gehen“ – wie einige unserer Mitmenschen entschieden wir uns fürs Bleiben. Nach der Wende zogen wir in unser Elternhaus und unsere beiden Töchter (7- und 9-jährig) besuchten weiter die deutsche Allgemeinschule in Bildegg. Nach sehr kurzer Zeit blieb die Bildegger Schule ohne deutschsprachige, ausgebildete Lehrerin, alle Lehrer waren nach Deutschland ausgewandert. Große Enttäuschung für uns! Auf die Bitte der damaligen Schulleitung habe ich die Lehrerinnenstelle für eine Simultanklasse (I-III) übernommen und arbeitete als Lehrerin von 1988 bis 1994. Inzwischen haben wir entschieden, in unserer Heimatdorfgemeinschaft weiterzuleben und im Herbst 1994 ließ ich mich in den Bildegger Kindergarten versetzen, wo ich weiter als Erzieherin wirkte.

Wie entwickelte sich der Unterricht nach der Wende in den deutschen Kindergartengruppen im Kreis Sathmar?

Nach der Wende wuchs das Interesse für den deutschen Unterricht in der Reihe der Bevölkerung Nordsiebenbürgens noch mehr und das Schulamt gründete viele Kindergartengruppen auf Kreisebene, sodass in den 90er Jahren und gleich nach 2000 die Anzahl der deutschen Gruppen auf 20 gestiegen war. Das Demokratische Forum der Deutschen in Sathmar und das Landesforum haben beschlossen, in Partnerschaft mit dem Kreisschulamt und mit dem Ministerium für Erziehung und Bildung durch das Departement für interethnische Beziehungen aus Bukarest junge Fachkräfte, Erzieherinnen und Lehrerinnen für diese freien Stellen in Form eines Fernstudiums mit Postlyzeal-Abschluss – am Anfang im Rahmen des Pädagogischen Lyzeums Hermannstadt, nachher im Rahmen des Lenau-Lyzeums Temeswar – auszubilden. Damals hat sich, in diesem Sinne, Herr Pater Wendelin Fuhrmann, Ehrenvorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Nordsiebenbürgen, sehr eingesetzt. Er sagte immer, ein Volk kann seine Kultur nur dann bewahren, wenn es seine Muttersprache besitzt und seine Sitten und Bräuche bewahrt und weiterpflegt. Da ich ausgebildete Kindergärtnerin für die deutsche Abteilung war und mit den Kindern gute Ergebnisse erzielte, hat mich das Kreisschulamt Sathmar 1995 beauftragt, meinen jungen Kolleginnen etwas aus meiner Berufserfahrung zu übermitteln und ernannte mich zur Methodikerin für Erzieherinnen der deutschen Abteilung. Eine Zeitlang bereitete ich Videofilme mit Beschäftigungen vor, die ich jährlich dreimal vor den Kolleginnen im Rahmen der pädagogischen Kreise vorspielte. Für unsere Fortbildung organisierte das Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart jährlich zwei Fortbildungsseminare durch das Fortbildungszentrum Mediasch/Mediaș, wobei wir von gut ausgebildeten Fachberaterin-nen koordiniert wurden. Dabei wurden wir oft vom Deutschen Forum unterstützt.

Kehren wir zu Ihrer Studie „Zweisprachigkeit im Kindergarten“ zurück: Zusätzlich haben Sie auch eine Sammlung für die Kindergärtnerinnen als praktische Hilfe erarbeitet.

Im Frühjahr des Jahres 2012 musste ich leider wegen einer schweren Krankheit meinen Beruf von einem Tag auf den anderen aufgeben. Aber es ist mir doch gelungen, nach der Beendung meines Studiums an der Westuniversität „Vasile Goldis“, Arad, Fachrichtung: Erziehungswissenschaft – Vorschul- und Grundschulpädagogik, zu diesem wichtigen Thema, die Zweisprachigkeit, das mich im Laufe meiner ganzen Karriere immer sehr beschäftigt hat, zu forschen und darüber eine Lizenzarbeit zu schreiben. Im Anhang zu dieser Studie habe ich eine Gedicht- und Liedersammlung in den zwei Sprachen Deutsch und Rumänisch zusammengestellt, wo ich Texte von Gedichten und Liedern übersetzt habe. Dieses Hilfsmaterial soll den Kindergärtnerinnen der deutschen Abteilung bei ihrer methodischen und praktischen Arbeit im Vorschulunterricht dienen.

Was ist Ihre Meinung über die Zweisprachigkeit? Würden Sie die Eltern ermutigen, ihre Kinder in einem zwei- oder mehrsprachigen Raum aufzuziehen?

Die Erziehungs- und Lehrpolitik der europäischen Länder fördert die Zweisprachigkeit, besonders in den letzten Jahrzehnten. In der Region Nord-Westrumänien geht das Interesse für die Aneignung einer zweiten Sprache und für die Zweisprachigkeit auch aus dem Wunsch der deutschen Minderheit hervor, ihre verlorene ethnische und linguistische Identität wiederzugewinnen. Die Behauptung und Beibehaltung der nationalen Minderheiten in Rumänien kann man vor allem durch Erziehung in der Muttersprache verwirklichen. In den Familien mit gemischter Ehe gelingt es nicht immer, die Muttersprachen beider Ehegatten beizubehalten, und so treten Assimilation oder die linguistische Substitution einer von den beiden Muttersprachen der Ehegatten ein, und die Eltern benötigen institutionelle Unterstützung für ihre Kinder, um sich die betreffende Sprache anzueignen. Wir sollen nicht vergessen: „Die Sprache ist ein Schatz…“ Das Kind, das in einem bilingualen Medium aufwächst und zwei Sprachen spricht, besitzt einen „Schatz“, der in seinem Leben für ihn sehr hilfreich wird sowohl auf persönlicher, als auch auf professioneller Ebene. Diesen „Schatz“ kann ihm niemand wegnehmen.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage des deutschsprachigen Unterrichts im Vorschulbereich im Kreis Sathmar?

Heute gibt es 20 deutsche Unterrichtsgruppen in den Kindergärten des Kreises Sathmar. Alle diese Gruppen sind von fachlich und sprachlich gut ausgebildeten Kindergärtnerinnen betreut. Die Kolleginnen haben alle Hochschulabschluss und die Mehrheit haben die Fachprüfungen im Bereich abgelegt. Sie waren immer und sind auch jetzt interessiert, das Neue im Bereich Vorschulpädagogik und Psychologie, so wie auch, was im Zusammenhang mit Sprecherziehung im Kindergarten steht, sich zu erwerben und in ihrer Tätigkeit anzuwenden. Auch sprechen alle Erzieherinnen heute schon ein gutes und schönes Deutsch, sie haben sich bemüht, selbstständig ihre Deutsch-Sprachkenntnisse zu verbessern. Dabei haben uns die vielen Fortbildungsseminare geholfen, die das Fortbildungszentrum Mediasch uns dargeboten hat. Sie haben gut ausgebildete Fachberaterinnen und Fachberater hierher geschickt, die uns in der Aneignung der deutschen Sprache sehr geholfen haben. Dafür sind wir Kindergärtnerinnen sehr dankbar.

 

Frau Pech, vielen Dank für das Gespräch!


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