„Die Stadt beginnt, sich kreativ zu entwickeln“

Laborazon – der erste Makerspace Kronstadts stellt sich vor

Donnerstag, 28. Mai 2015

Bei Laborazon wird Gruppenarbeit und Interaktivität gefördert
Foto: Laborazon

Ein Chip, der das Gehirn eines Roboters werden könnte. Das Skelett eines Regenschirms, an dem ein Spiegel und Bilder angebracht sind. Wenn man das Skelett dreht und in den Spiegel schaut, sieht man eine Animation. Ein Raumschiff aus mehreren zusammengeklebten Kartonschachteln. Eine Dunkelkammer, an deren Wand sich Schatten spiegeln. Ein Schlüsselloch, an dem eine Linse angebracht ist. Ein selbstgemachtes Vogelhaus, aus dem ein mp3-Zwitschern tönt.

Auf der N.D. Cocea-Straße in Kronstadt, in der Nähe des abgerissenen ehemaligen Hidromecanica-Werkes, entsteht Tag für Tag ein Stück Zukunft. Bei Nummer 12, in der zweiten Etage, in einem großen, hellen Raum mit hohen Decken und vielen Fenstern, befindet sich die Kreativwerkstatt Laborazon, der erste Makerspace Kronstadts.

Interaktivität wird gefördert

Ein Makerspace (auf Deutsch übersetzt: Machraum) stellt der Öffentlichkeit Technologie und Geräte zur Verfügung, mit denen die Besucher selbst kreativ werden können. Für viele Leute klingt dieser Begriff – wie auch Hub, Community, Arduino, Startup, Hackerspace oder 3D Printer – wie aus einem Science Fiction-Film. Für die Gründer von Laborazon gehören solche Begriffe zum Alltag.

„Während des Kommunismus war hier die Progresul-Konsumgenossenschaft. Man stellte Verpackungen für die Kraft-Schokoladenfabrik her. In den 90er Jahren hat man in diesen Räumen Möbel restauriert, danach hatte hier die Redaktion einer IT-Zeitschrift ihren Sitz. Das war gut für uns. Es gibt viele Steckdosen“, meint Alina Floroi, Leiterin von Laborazon. Die gebürtige Kronstädterin hat in Bukarest Journalismus und Audiovisuelle Produktion studiert. Nach einigen Jahren in der Werbebranche ist sie nach Kronstadt zurückgekommen. „Bukarest war mir zu laut und zu hektisch. Nach 10 Stunden im Büro und anderthalb Stunden auf dem Weg von der Arbeit nach Hause blieb kaum noch Zeit für etwas anderes. Kronstadt ist ruhiger, man findet hier mehr Schöpfungskraft“.

In ihrer Heimatstadt wollte sie eine eigene Firma eröffnen. „Ich wusste noch nicht genau, in welchem Bereich. Es sollte aber etwas sein, das mit Interaktivität, Gemeinschaft und Design zu tun hat“. Zusammen mit zwei Freunden, die nach einigen Jahren in Luxemburg, beziehungsweise Kopenhagen, auch nach Kronstadt zurückgekehrt waren, hat Alina einen Sommer lang überlegt, was sie machen soll. „Einer meiner Freunde ist von Technologie begeistert und hat immer behauptet, er wäre lieber 20 Jahre später geboren.

Die andere Freundin, Bauingenieurin von Beruf, war an der Verwertung von verschiedenen Materialien interessiert. So kamen wir auf die Idee, einen Makerspace zu gründen“. Im Sommer 2013 haben die drei ihre Idee im Rahmen mehrerer Events  (die meisten davon in der „M8“-Galerie auf der Klostergasse/Str. Mure{enilor) den Kronstädtern vorgestellt. Sie stießen auf große Begeisterung.

Der Fantasie werden keine Grenzen gesetzt

Die ersten Makerspaces waren eine Weiterentwicklung der Do-It-Yourself-Bewegung und entstanden bereits in den 50er Jahren. Sie dienten zur Vernetzung der Bürger. In Rumänien wurde der erste Makerspace, „Modulab“, vor sieben Jahren gegründet. Andere Makerspaces existieren in Klausenburg, Temeswar und Jassy. Auf Facebook gibt es die Gruppe „Frăţia Atelierelor“(deutsch: Die Bruderschaft der Werkstätten), wo alle miteinander vernetzt sind.
Mit einem 3D-Drucker arbeiten, verstehen , wie ein Roboter funktioniert oder selbst einen Küchentisch bauen – in einem Makerspace ist alles möglich, der Fantasie werden keine Grenzen gesetzt.

Laborazon ist ein Ort, wo die Besucher kreativ sein und ihr Talent in verschiedenen Bereichen testen können. Außerdem gibt es regelmäßig ein breites Angebot an Workshops. Man kann hier Videoschnitt lernen, an einem Multimedia-Labor teilnehmen, alte Fahrräder restaurieren oder einen Kreativitätskurs belegen. Dabei wird besonderer Wert gelegt auf das gemeinschaftliche Werken und das gegenseitige Helfen beim Ausprobieren von verschiedenen Techniken. „Unser Konzept ist einfach: Man kann kommen und hier etwas lernen. Danach kann man selbstständig werden. Alle, die eine Idee verwirklichen wollen und neugierig sind, neue Technologien kennenzulernen wollen, sind eingeladen, zu uns zu kommen“, meint Alina Floroi.

Im Herbst 2013 hat sie zusammen mit ihren Freunden ein Projekt geschrieben und eine Finanzierung für Startups gewonnen. Im April 2014 zogen sie in die Räume auf der N.D. Cocea-Straße.

Die Gemeinschaft ist wichtig

Wichtig bei einem Makerspace ist die Gemeinschaft, die sich hier bildet. Zu der Zielgruppe von Laborazon gehören Holzindustrie, IT-, Robotik- oder Produktdesign-Studierende, Elektronikbegeisterte, Künstler und Designer jeden Alters. „Es können auch Leute sein, die Hobbys haben und sich kreativ entwickeln wollen oder sich einfach dabei entspannen wollen“, meint Octavian Hrebenciuc, ein junger Architekt, der dem Laborazon-Team beigetreten ist. Eine Altersgrenze gibt es für die Aktivitäten der Kreativwerkstatt nicht. „Die Leute, die zu unseren Events kommen, sind zwischen 12 und 70 Jahre alt. Inzwischen haben wir über 1500 Fans auf Facebook. Das Prinzip funktioniert einfach: Leuten, denen es bei uns gefällt, sagen es auch in ihrem Bekanntenkreis weiter“, sagt Alina Floroi.

Das Thema der einjährigen Jubiläums-Party, die im April dieses Jahres stattgefunden hat, war „Science Fiction“. Die Gäste mussten sich wie im 22. Jahrhundert kleiden. Sie wurden von einem Roboter und einem Raumschiff aus Karton erwartet. Bunte LED-Scheinwerfer projizierten ihr Licht auf die mit Plastikfolie bedeckten Wände. „Es waren über 200 Leute bei der Party, darunter unsere Stammbesucher, ausländische Erasmus-Studenten, Touristen, Workshop-Teilnehmer oder lokale Künstler. Oft kommt es vor, dass uns jemand auf der Straße grüßt, und wir wissen, die Person war bei Laborazon“.

3D-Drucker und hochintelligente Mini-Rechner

In nur einem Jahr gab es bei Laborazon unzählige Events und Workshops, Leute gingen hier ein und aus. Die meistbesuchten Kurse waren die Arduino-Workshops. Arduino ist eine kleine Plattform, die wie ein Mini-Rechner funktioniert und verschiedene Objekte wie Motoren, LED-Lichter oder digitale Bildschirme kontrollieren kann. Die Platte kann durch Stimmsteuerung oder Bluetooth kontrolliert werden, kann ans Internet angeschlossen sein und kann zum Gehirn von Hobby- oder Industrierobotern werden.Aber nicht nur Arduino stieß auf Interesse und Begeisterung.

Es wurden Workshops für Möbelrestauration, Schneiderei, Herstellung von Deko-Objekten oder Fotografie organisiert. „Dann gibt es noch den Elektronik-Club, der schon 50 Mitglieder hat, bei dem man zum Beispiel einen Roboter baut, der mit Fotodioden arbeitet. Die Leute sollen lernen, eine gewisse Technik zu verwenden, um anschließend an eigenen Projekten arbeiten zu können“, sagt Magda Vieriu, Architektin und Mitglied des Laborazon-Teams.

Ein anderes sehr gut besuchtes Event war eine Vorstellung von 3D-Printing. Ein 3D-Ducker erstellt Spielzeug, Weihnachtsdekorationen oder Telefonschutzhüllen aus Kunststoff. Sie erhitzen das sogenannte Filament, eine Düse im beweglichen Druckkopf bringt das flüssige Material in dünnen Schichten in die gewünschte Form. In Zukunft wird Laborazon einen eigenen 3D-Drucker haben.

„Skyglo“ und „Snoglo“

Im letzten Jahr hat man in der Kreativwerkstatt auch eigene Produkte entwickelt. Der Stolz von Laborazon sind die Lampen „Skyglo“ und „Snoglo“. Es handelt sich um Würfel aus Holzfaserplatten, in denen sich eine Glühbirne befindet, die mit einem Stecker versehen ist. In die Würfel wurden Modelle eingeschnitzt. Wenn die Lampe angeht, werden die Modelle an die Wände projiziert. Im Fall von „Skyglo“ sind es verschiedene Himmelskonstellationen, bei „Snoglo“, eine Lampe in kleinerem Format, die zum Weihnachts-Hit wurde, sind es Schneeflocken.

„Die Snoglo-Lampe ist ein interessantes Geschenk. Es kann in einem kleinen Paket gesendet werden und derjenige, der es bekommt, wird sicherlich Spaß beim Zusammenstellen haben. Die Anleitungen haben wir auf Youtube gestellt“, erzählt Alina Floroi.

Laborazon finanziert sich aus den Teilnahmegebühren für die Workshops, Abos, Sponsoring, Spenden und Verkauf von Eigenprodukten. Ein Monatsabo kostet 80 Lei. Für diese Summe kann man jeden Tag kommen und an seinem Projekt arbeiten. Abonnenten erhalten eine 10-prozentige Ermäßigung bei den Kursen und Workshops.

Es werden Praktikanten gesucht

Die Kurse finden auch im Sommer statt. Auf dem Plan stehen Workshops zur Restauration von alten Nähmaschinen und  für Collagen, Kurse für investigativen Journalismus und eine Konferenz für visuelle Kommunikation. Außerdem haben Kinder die Möglichkeit zu lernen, wie man ein Vogelhaus baut oder wie man selbst ein T-Shirt bedruckt.
„Eines unserer wichtigsten Zukunftsprojekte wird das  „mobile Laborazon” sein. Mit einem Fahrrad werden wir durch die Stadt fahren und eine Schachtel mit Werkzeugen transportieren. Jeder, der Ideen hat und unsere Werkzeuge braucht, kann uns zu sich nach Hause bestellen. Mit diesem Fahrrad wollen wir ab Herbst auch in die Schulen gehen. Kinder und Jugendliche sind für uns eine wichtige Zielgruppe. Wir wollen ihre Kreativität fördern“, sagt Magda.

Momentan ist das Team auf der Suche nach Verstärkung und bietet zwei Praktikumsplätze in den Bereichen Kommunikation und Design an. Interessenten können ihre Lebensläufe an alina@laborazon.ro schicken.
Wenn man die Treppen von der zweiten Etage hinaufgeht, kommt man zuerst zu einem Raum, wo eine Schweizer Architektin, die voriges Jahr zu Besuch war, eine Dunkelkammer eingerichtet hat. Hier finden manchmal Experimente statt. Dann gelangt man auf eine Dachterrasse. Von hier hat man einen Blick auf die Stadt und kann auf einer Feuerwehrtreppe noch höher steigen. „Hier könnten wir in einer Sommernacht ein Picknick organisieren und Filme an die Wand projizieren“, meint Alina. Sie hat sich in ihrer Heimatstadt wieder eingelebt. „Viele meinen, in Kronstadt würde nichts passieren. Aber langsam fängt dieses an, sich zu ändern. Wir sind ein Beweis dafür, dass die Stadt beginnt, sich kreativ zu entwickeln.“

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