Die Stadt der sieben Winde

Ein Ausflug in Lenins Heimatstadt in der russischen Provinz

Freitag, 02. März 2012

Lenin-Statue inmitten der Eisskulpturen am Hauptplatz

Seit 1916 verbindet die „Imperator-Brücke“ die beiden Wolgaufer. Inzwischen gibt es eine neue 12 Kilometer lange Brücke.

Eines der Kunstmuseen der Stadt in einem 1914 gebauten Gebäude an der Wolgapromenade
Fotos: der Verfasser

Wer in Hermannstadt/Sibiu einen windigen Tag erlebt hat, stimmt oftmals ein Lied über die Unannehmlichkeiten des Hermannstädter Wetters an. Mich erinnert der verpönte Hermannstädter Wind an meine Heimatstadt. Über 2300 Kilometer Luftlinie trennen Hermannstadt in Siebenbürgen von Uljanowsk an der Wolga, in Russland. Zwischen den beiden Städten liegen nicht nur ein halbes Rumänien, die Ukraine und ein gutes Stück Russland, sondern auch Jahrhunderte der völlig unterschiedlichen kulturellen und politischen Entwicklung. Jedoch weist die Geschichte dieser Städte auch einige Gemeinsamkeiten auf.

Von Grenzburg zur Provinzmetropole

Rund 500 Jahre nachdem die deutschen Siedler sich am Hügel über dem Zibin niederließen, gründete 1648 der Woiwode Bogdan Hitrowo auf Befehl des Zaren Alexei Michailowitsch die Festung Sinbirsk am rechten Wolgaufer. Damals lag die nach dem Vorbild des altrussischen Kremls gebaute Stadt an der östlichen Grenze des Zarentums Russland. Mit der Eroberung von Ostsibirien und der Ausdehnung des Russischen Reiches verlor die Stadt ihre strategische Bedeutung und entwickelte sich als eine normale Provinzsiedlung. Dank der Lage an der Wolga begann die nun Simbirsk genannte Stadt an Bedeutung zuzunehmen und wurde im 19. Jahrhundert als wichtiger Handelsposten zu einer der reichsten Städte des Zarenreiches. Während des Kosakenaufstandes unter der Führung von Stepan Razin (1672) konnte die Festung den entscheidenden Angriff der Aufständischen abwehren und sie zum Rückzug zwingen. Dafür erhielt Simbirsk das erste Stadtwappen (siehe Foto).

1789 wurde in der Stadt das erste Leibeigenentheater gegründet, nur ein Jahr nachdem Martin von Hochmeister im Dicken Turm in Hermannstadt das erste Theater errichten ließ. Der verheerende Brand von 1864, der neun Tage wütete, vernichtete die meisten öffentlichen Gebäude – darunter die erste öffentliche Bibliothek – 12 Kirchen, ein Kloster und die schönsten privaten Häuser im Stadtkern. Die Anbindung an die Eisenbahn (1898; Hermannstadt 1872) brachte weiteren wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Das 1913 gebaute Kraftwerk brachte elektrisches Licht in die Stadt (Hermannstadt 1897). Die 1916 eröffnete Brücke über die Wolga führte in den Folgejahrzehnten zur Ausweitung der Stadt auf das linke Flussufer. Nach dem Tod des Anführers der Revolution von 1917, Wladimir Uljanow (Lenin), wurde die Stadt in Uljanowsk umbenannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden einige wichtige Produktionsstätten aus Moskau nach Uljanowsk evakuiert. Die bis dato letzte große Veränderung erlebte die Stadt 1970, als der 100. Geburtstag von Lenin gefeiert wurde. Seitdem bestimmen die Riesenbauten im Stil des sozialistischen Funktionalismus das Bild des Stadtzentrums.

Ein Spaziergang durch die Altstadt

Vom historischen Simbirsk ist in Uljanowsk trotz der Abrisswut der 1930er Jahre ein großer Teil erhalten geblieben. Auf der Gontscharow-Straße, dem wichtigsten Boulevard des Stadtzentrums, kann man zahlreiche Steinhäuser der Kaufleute und Adeligen bewundern. Die Architektur der vielen umliegenden Straßen wird hingegen von den ein- und zweistöckigen Holzbauten dominiert. Zwischen diesen erheben sich die so genannten „Stalinki“, fünfstöckige Wohnhäuser, die von den deutschen Kriegsgefangenen des Lagers 215 errichtet wurden. Die Promenade auf dem hohen, rechten Wolgaufer bietet nicht nur einen atemberaubenden Blick auf den breiten Fluss, sondern eine interessante Mischung an architektonischen Baustilen. Klassizistische Bauten verstecken sich hier zwischen den größenwahnsinnigen Riesenanlagen, die 1970 entstanden sind: der Lenin-Gedenkkomplex, die pädagogische Universität, das Gewerkschaftskulturhaus, eine Hotelanlage, die Gebietsverwaltung sowie Einkaufszentren. Irgendwann schmückten drei große Kirchen mit Parkanlagen diesen Zentrumsteil, doch wurden sie bald nach der Revolution abgerissen. An der unteren Ecke der Lenin-Straße erhebt sich der einzige Überlebende des Kirchensturms der dreißiger Jahre im Stadtzentrum: die evangelisch-lutherische Marienkirche. Die 1847 gebaute und 1913 erweiterte Kirche aus rotem Backstein trotzte allen Abrissversuchen: Sogar die Dynamitstangen konnten ihr nichts anhaben. Darum wurde sie zuerst in ein Kornlager und später in einen Sportsaal umfunktioniert. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurden Tonnen von Müll aus der dachlosen Ruine entfernt und auf Betreiben der neugegründeten lutherischen Gemeinde mit Unterstützung aus Deutschland Restaurierungen durchgeführt. Heute erstrahlt die Kirche in neugewonnenem Glanz.

Ein großer Teil des Stadtzentrums ist zum historisch-musealen Komplex „Lenins Heimat“ erklärt worden. Woran es diesem Komplex nicht mangelt, sind Häuser, die mit Lenins Familie in Verbindung stehen. Die kinderreiche Familie Uljanow – Wladimir Uljanow (Lenin) hatte zwei ältere und drei jüngere Geschwister – ist oft umgezogen. Doch auch die Schulen, in denen der junge Wladimir und seine Schwestern und Brüder studiert haben, sind erhalten geblieben.

Lenins Heimat

Dem Anführer der russischen Revolution, Wladimir Lenin, verdankt Uljanowsk nicht nur seinen Namen, sondern auch eine besondere Position im sowjetischen Staat. Der Besuch der Heimatstadt des „großen Führers“ gehörte zum obligatorischen Programm jeder Rundreise von einheimischen und vieler ausländischen Touristengruppen. Doch sorgten die wachsamen Augen von „Gruppenbegleitern in Zivil“, dass besonders die ausländischen Gäste nur die schöne Seite der Stadt zu sehen bekamen. Auch der Parteiführung der UdSSR wurde Uljanowsk als ein Potemkinsches Dorf gezeigt. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre besuchte der Generalsekretär Gorbatschow die Stadt an der Wolga. Zu seinem Besuch wurden nicht nur alle Straßen, an denen sein Tross vorbeifahren sollte, blitzblank geputzt, sondern auch die Fassaden der Privathäuser auf Staatskosten renoviert.

Lenin verließ seine Heimatstadt nach dem brillianten Schulabschluss, um in Kasan Jura zu studieren. Ein Studium in Sankt Petersburg war ihm wegen der Beteiligung seines älteren Bruders an einem Mordkomplott gegen den Zaren Alexander III. verboten. Es folgten der Ausschluss von der Universität wegen Teilnahme an studentischen Protesten, der Umzug aufs Land, später nach Samara und, nach dem externen Uniabschluss, nach Sankt Petersburg.
Uljanowsk blieb aber für die Jahrzehnte der Sowjetzeit ein „Wahlfahrtsort“ für die Kommunisten aus aller Welt. Manche Stadtbewohner sagen, der Name „Lenin“ hinge wie das Damoklesschwert über der Stadt und sein Geist bestimme immer noch ihr Schicksal. Eine überdimensionale Statue des strengen Revolutionärs beobachtet das Geschehen in der Stadt vom hohen Sockel am Hauptplatz aus. Weitere Lenin-Denkmäler, Büsten und Reliefs tauchen in der Stadt an den seltsamsten Stellen auf. Der Name Lenin erscheint nicht nur auf unzähligen Gedenktafeln oder in der Bezeichnung der öffentlichen Einrichtungen, sondern auch in einem Strauchornament auf einer Wiese hoch über der Wolga, sodass man diese fünf Buchstaben von jedem vorbeifahrenden Schiff sehen kann.

Ein Provinznest mit Ansprüchen

Uljanowsk verdankt seine rasante Industrialisierung dem Umzug der kriegswichtigen Produktionsstätte während des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg entstanden weitere Zivil- und Rüstungsbetriebe. In der so genannten Neustadt auf dem linken Wolgaufer befindet sich die Flugzeugfabrik „Aviastar“, in der die berühmten Frachtflugzeuge An-124 „Ruslan“ produziert werden.

Die Industrialisierung beschleunigte die Ausdehnung der Stadt. Viele umliegende Dörfer wurden zu Stadtteilen. Heute leben in Uljanowsk über 613.000 Menschen auf einer Fläche von 622 Quadratkilometern. Flächenmäßig ist das Provinznest doppelt so groß wie München oder Bukarest. Große Stadtgebiete sind mit Eigentumshäusern mit Gartenanlagen bebaut, die zusammen mit zahlreichen Parkanlagen die Stadt sehr grün aussehen lassen. Die 29 Museen und drei Theater sorgen für ein vielseitiges Kulturangebot. Uljanowsk ist auch Bildungszentrum. Hier kann man nicht nur zivile Berufe erlernen, sondern auch eine Militärkarriere beginnen. Zehn Hochschulen locken Studenten nicht nur aus dem Uljanowsker Gebiet, sondern auch aus den benachbarten Gebieten.

Uljanowsk ist eine multinationale und multikulturelle Stadt. Hier leben Russen, Tataren, Tschuwaschen, Mordwinen, Juden und Deutsche. Dem Erhalt der nationalen Identität und Kultur dienen Zeitungen und Fernsehsendungen in den Sprachen der Völker. Zwischen die zahlreichen Kuppeln der russisch-orthodoxen Kirchen mischen sich die Minarette der neun Moscheen. Und das ruft weder Abneigung hervor noch wundert es jemanden.
Über all dem Getue in der Stadt, über den Lenin-Statuen, den ausgedehnten Grünanlagen und bis zu 18 Stockwerke hohen Wohnblocks herrscht in Uljanowsk ein gemäßigter Westwind. Wie auch in Hermannstadt.

Kommentare zu diesem Artikel

Michael, 03.03 2012, 23:26
Schoen.

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