Die Studenten wollen keine Lehrer werden

ADZ-Gespräch mit Prof. Dr. Roxana Nubert, Leiterin des Germanistiklehrstuhls der West-Universität Temeswar

Mittwoch, 08. Oktober 2014

Foto: Zoltán Pázmány

1961 absolvierte die erste Generation Temeswarer Germanistinnen und Germanisten an der West-Universität Temeswar. Die Tradition geht weiter. Das neue Hochschuljahr hat begonnen. Mit Prof. Dr. Roxana Nubert, Leiterin des Germanistiklehrstuhls der West-Universität Temeswar, sprach ADZ-Redakteurin Marion Kräutner über Neuigkeiten in der Germanistikabteilung.

Wie groß war im Sommer 2014 bei den Einschreibungen das Interesse für Germanistik?

Das Interesse für Germanistik in Temeswar ist in diesem Jahr gesunken. Im Grunde genommen ist das keine große Überraschung für uns gewesen, denn die Anzahl der Bewerber an Hochschulen in Rumänien ist ebenfalls gesunken. Einschließlich bei sehr gut belegten Abteilungen wie Wirtschaftswissenschaften. Wir haben zwei Abteilungen im Bereich Germanistik. Die traditionelle Richtung heißt jetzt „Limba şi literatura germană/Deutsche Sprache und Literatur“. Wir hatten hier 20 gebührenfreie Plätze vom Ministerium zugeteilt bekommen und bedauerlicherweise wurden von diesen 20 nur 13 belegt. Wir haben nur einen Platz mit Gebühren. Bei der zweiten Abteilung, der sprachangewandten Abteilung „Limbi moderne aplicate“, haben wir im Hauptfach ungefähr 15 Studenten. Die Gruppe im ersten Jahr ist aber zahlreicher durch Studenten, die Deutsch als Nebenfach gewählt haben. Also bei „Deutscher Sprache und Literatur“ werden wir im Ganzen 25 Studierende im ersten Jahr haben und bei „Sprachangewandter Linguistik“ ungefähr auch so viele.

Welches ist der Grund für das gesunkene Interesse für Germanistik in diesem Jahr?

Statistisch haben auf Landesebene sehr viele Schüler das Abitur nicht geschafft oder haben sich, meines Erachtens nach, überhaupt nicht für ein Studium entschieden. Ich kenne zwar keine genauen Zahlen, aber das Interesse für ein Studium sinkt wahrscheinlich generell. Eine andere Ursache besteht darin, dass viele Absolventen im Ausland studieren, z. B. die Absolventen der Lenau-Schule studieren in Wien oder in München.

Von wo kommen die Studenten, die Germanistik studieren wollen?

Die meisten kommen aus Temeswar und aus dem Kreis Temesch. Weniger kamen in der letzten Zeit aus Arad, Lugosch und Reschitza. Bedauerlicherweise immer weniger aus Deva und Hunedoara. Diese gehen wahrscheinlich nach Klausenburg, Hermannstadt, Großwardein. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass es ja noch weitere deutschsprachige Studiengänge in Temeswar gibt und das kann auch eine Ursache dafür sein, dass die Studenten nicht mehr zur Germanistik kommen. Wir haben an der West-Universität Europäische Studien in deutscher Sprache und es gibt einen deutschsprachigen Studiengang auch an der technischen Hochschule. Ich glaube, er geht in Richtung Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Ich betrachte eine solche Abteilung nicht als Konkurrenz für uns, aber es ist eine Erklärung dafür, warum weniger Jugendliche Germanistik studieren.

Glauben Sie, dass der Lehrerberuf nicht mehr attraktiv ist?

Der wichtigste Grund, warum die jungen Menschen keine Lehrer werden wollen, ist die Tatsache, dass Lehrer sehr schlecht bezahlt werden. Wir haben auch noch sehr gute Studenten und Studentinnen, die Interesse für den Lehrerberuf haben, aber die Anzahl dieser Studierenden ist relativ klein. Es muss wirklich ein leidenschaftlicher Typ sein, der sich für den Lehrerberuf entschließt. Ich muss  auch sagen: Die besten Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen in der Lenau-Schule sind immer noch unsere Absolventen, und auch diejenigen, die Deutsch im Deutschen Kulturzentrum unterrichten, sind ja auch unsere ehemaligen Studenten.

Mit welchem Ziel kommen die Studenten, um Germanistik zu studieren?

Ein beträchtlicher Teil von ihnen denkt meines Erachtens daran, auszuwandern, bzw. einen besseren Beruf in Deutschland oder in Österreich ausüben zu können. Außerdem gibt es auch sehr viele deutsche, österreichische, schweizerische Firmen im Banat und Jugendliche finden sich so leichter einen Arbeitsplatz. Ich glaube, die deutsche Sprache sichert ihnen generell einen guten Arbeitsplatz nach dem Abschluss.

Was für Nebenbeschäftigungen haben die Germanistikstudenten von Temeswar: Literatur, Theater, sonstiges?

Ich muss als Literaturwissenschaftlerin zugeben, dass die Leute weniger lesen als früher, aber sagen wir so: Eine „Pflichtlektüre“ gibt’s, und die lesen sie. Ob es leidenschaftliche Leser gibt, da habe ich meinen Vorbehalt, aber es gibt noch solche, denn sonst würden sie ja keine Sprache oder keine Literaturwissenschaft studieren. Theaterbesucher haben wir bedauerlicherweise auch relativ wenige. Sehr viele arbeiten in der Freizeit und dann haben sie leider keine Zeit mehr für Unterhaltung, für Lektüre. Diejenigen die pendeln, verlieren viel Zeit damit, aber auch die Einstellung der Freizeit gegenüber ist in Rumänien eine andere als etwa in Wien oder in München. Ich muss sagen, dass im Grunde genommen auch eine Interessenlosigkeit der Studenten einem kulturellem Leben gegenüber festgestellt werden kann, was Theaterbesuch, Besuch von Ausstellungen, Besuch der sehr interessanten Veranstaltungen im Deutschen Kulturzentrum betrifft.  

Wie gut ist der Germanistiklehrstuhl mit Lehrkräften versorgt?

Ausgezeichnet. Der überwiegende Teil meiner Kolleginnen und Kollegen ist  jung. Alle haben im germanistischen Bereich promoviert, sogar an Universitäten im Ausland, z. B. in Innsbruck oder in Wien. Sie sind DAAD- oder Franz Werfel-Stipendiaten. Sie haben die Möglichkeit einer ständigen Ausbildung, nachdem sie ein solches Stipendium erhalten haben. Sie betreiben auch Recherche, das heißt, sie veröffentlichen Bücher und Aufsätze in angesehenen Fachpublikationen im In- und Ausland. Sie beteiligen sich regelmäßig an Symposien und Kongressen. Ich möchte in diesem Zusammenhang ganz besonders das Team erwähnen, das das Wörterbuch der deutschen Mundarten im Banat herausgegeben hat, den ersten Band, und an diesem Wörterbuch die Arbeit fortsetzt. Das ist eine einmalige Forschungsarbeit, die von den jungen Kolleginnen Alvine Ivanescu und Mihaela Şandor realisiert wird.

Verfügt der Lehrstuhl auch über Gastlehrer?

Selbstverständlich. Wir haben ab diesem Jahr erneut eine Österreich-Lektorin. Sie hat überwiegend Unterricht im Magisterstudiengang. Außerdem haben wir seit einigen Jahren eine Partnerschaftsbeziehung zum germanistischen Institut der Justus-Liebich-Universität Gießen und im Rahmen dieser Partnerschaftsbeziehung findet ein regelmäßiger Austausch von Lehrern und von Tutoren statt. Wir haben auch traditionsreiche Beziehungen zum Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie zu Wien, vor allem durch die Franz Werfel-Stipendiaten.

Besteht der Bedarf für eine neue Ausrichtung im Bereich Germanistik? Ich meine hier neue Schwerpunkte im Lehrplan, neue Fächer vielleicht.

Neue Fächer haben wir immer wieder eingeführt. Zum Beispiel im Rahmen des Magisterstudiengangs. Das Masterstudium ist interdisziplinär aufgebaut und weist nicht nur germanistische Fächer auf, sondern auch Fächer wie Europäische Studien, Kommunikationstheorie, interkulturelle Kommunikation, Rhetorik und auch sehr viele Übersetzungsstunden. Wir machen das, damit wir den Studierenden die Möglichkeit geben, rasch zu einem Job zu kommen und dieser Job soll auch den finanziellen Ansprüchen der Studierenden entsprechen. Unsere Absolventen des Magisterstudiengans haben sehr gute Arbeitsplätze. Nicht nur hier im Banat, sondern auch außerhalb des Landes. Der Magisterstudiengang ist übrigens sehr gut besucht. Wir haben sowohl im ersten, als auch im zweiten Jahr 21 Studierende. Davon  über zehn Studenten mit Gebühren, und das ist eine Riesenanzahl für die hiesigen Verhältnisse.

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