Die studierten Knöllchen-Verteiler

Ein Studiengang für Kommunalpolizei in Rumänien

Samstag, 27. Oktober 2012

Temeswarer Lokalpolizei auf Streife

Osteuropa – die Region der unbegrenzten Möglichkeiten. Und das bezieht sich auch auf die Studienangebote mancher Universitäten. In Rumänien beispielsweise bietet die juristische Fakultät der West-Universität Temeswar/Timişoara einen Studiengang an, den man  woanders so schnell nicht findet: Kommunalpolizei. Wer dort nach drei Jahren den Bachelor schafft, darf, mit akademischen Weihen versehen, Strafzettel verteilen. Die studierten Knöllchen-Schreiber – über sie und mit ihnen haben wir uns an der West-Universität unterhalten.

Sein erstes Praktikum hat er soeben hinter sich gebracht. Răzvan Ibraşi, 21 Jahre, Student an der West-Universität Temeswar, Rumänien: „Ich  habe gerade eine Woche lang in den Arbeitsalltag der Lokalpolizei Temeswar hineingeschnuppert. Leider, leider durfte ich noch keine Strafzettel verteilen. Dazu habe ich als Student noch kein  Recht. Aber ansonsten habe ich überall mal hineinschauen können, in alles, was man bei der Kommunalpolizei so zu tun hat:  Wirtschaftskontrolldienst in den Geschäften, Dokumente überprüfen, Streife fahren…ich habe jeden Tag einen anderen Aufgabenbereich der Lokalpolizei kennengelernt.“

Hoffnungsträger für Recht und Ordnung

Răzvan Ibraşi hat sich für einen außergewöhnlichen Studiengang entschieden: „Universitatea de West, Facultatea de Drept şi de Stiinţe Adminstrative, specializarea Poliţia comunitară“ – „West-Universität,  Fakultät für Rechts- und Verwaltungswissenschaften, Spezialstudiengang Kommunalpolizei“ – ein echtes Wortgeschwulst, das aber was hermacht und Respekt einflößt: „Klar, wenn Sie falsch parken, dann verpass ich natürlich auch Ihnen einen Strafzettel“, sagt der Student, der, wenn er erst einmal seinen Bachelor in der Tasche hat, Recht und Gesetz in Rumänien endlich Geltung verschaffen sollte. Sein Kommilitone, Andrei-Marius Vrabete, hat denselben Studiengang belegt und sich nach dem Abschluss ein ehrenwertes berufliches Ziel gesetzt: „Strafzettel ausstellen, die Gesetze anwenden – also, ich bin für Recht und Ordnung, wie in Deutschland. Ich hoffe, wir schaffen das irgendwann auch noch.“ Im Moment ist Rumänien aber noch weit davon entfernt: Allein Tausende von Autos werden tagtäglich in rüpelhaft-grenzwertiger Manier auf den Gehsteigen geparkt. Zeitgenossen mit dunklen Sonnenbrillen auf der Nase brausen mit irrsinnigen Geschwindigkeiten in ihren Nobelkarossen durch die Straßen, vor allem nach Sonnenuntergang.

Kommunalpolizeistudium als Hochschulhandicap

Da ruht die ganze Hoffnung der rumänischen Nation auf den kommunalen Ordnungshütern mit Universitätsabschluss. In ihren Seminaren und Vorlesungen pauken sie Jura, aber auch die Verwaltungsabläufe in den Behörden. Allein, damit wird es bald ein Ende haben. Professor Doktor Marilen Gabriel Pirtea ist seit sechs Monaten Rektor der West-Universität: „Im laufenden Hochschuljahr haben wir in diesem Studiengang keine Erstsemester mehr aufgenommen. Wir werden diesen Studiengang auslaufen lassen. Wegen des Studiengangs ‚Kommunalpolizei‘ sind wir in schöner Regelmäßigkeit bei den regelmäßig anstehenden Evaluierungen zurückgestuft worden.“

So richtig wissenschaftlich ist das Ding mit der Kommunalpolizei dann halt doch nicht, weiß auch der Rektor: „Die Anzahl der Publikationen, der wissenschaftlichen Veröffentlichungen in der rechtswissenschaftlichen Fakultät ist, seitdem wir diesen Studiengang haben, deutlich zurückgegangen. Es ist eben eher ein praktischer Studiengang. Und das hat mit zu der niedrigeren Bewertung der Universität geführt. Irgendwie gibt’s bei der Lokalpolizei selbst ja auch nicht so furchtbar viele Themen, die man erforschen könnte.“

Knöllchen bleibt eben Knöllchen – da lässt sich auch wissenschaftlich kaum etwas dran herumdeuteln. Absolventen des Studiengangs hoffen dennoch auf gute Karrierechancen bei den lokalen Polizeibehörden im ganzen Land. Dass sie sich später einmal, beim Knöllchenverteilen, nicht immer nur Freunde machen werden, wissen die zukünftigen Ordnungshüter bereits während ihres Studiums. Răzvan Ibraşi will deshalb nach dem Bachelor nicht sofort zur Kommunalpolizei, sondern sicherheitshalber noch ein bisschen an der Uni bleiben: „Nach diesem Studium schreib ich mich bei den Psychologen ein. Dazu bin ich schon jetzt fest entschlossen.“
 

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