Die Tuchmacherbastei

Ihre Glanzperiode hatte diese Wehranlage im 17. Jahrhundert

Samstag, 23. Juni 2012

Die Tuchmacherbastei von Osten gesehen, im Vordergrund rechts die Rotgerberbastei

Blick von oben auf den neuen „Turm im Turm“ im Inneren der Tuchmacherbastei
Fotos: Hans Butmaloiu

Die Südostecke der mittelalterlichen Wehranlagen der Inneren Stadt von Kronstadt war besonders befestigt, um jedem feindlichen Angriff auf die Stadt standhalten zu können. Genau an der Ecke wurde eine runde Bastei mit 16 Meter Durchmesser und von 20 Meter Höhe errichtet, die im Inneren vier hölzerne Wehrgeschosse hatte, von denen die Verteidiger zu den Schießscharten gelangen konnten.

Ursprünglich war diese Bastei der Goldschmiedezunft zur Verteidigung anvertraut worden. Das Goldschmiedgewerbe war im mittelalterlichen Kronstadt sehr entwickelt, besonders wegen der vielfältigen Beziehungen der Stadt zu den rumänischen Fürstentümern am Außenrande des Karpatenbogens. Zahlreiche Aufträge von den rumänischen Fürsten und Bojaren ließen die Zahl der Meister in der Goldschmiedezunft stark anwachsen.

Die ersten urkundlichen Nachrichten über Bauarbeiten an der ursprünglichen Goldschmiedbastei stammen aus den Jahren 1521 und 1522. Laut dem Verzeichnis der Waffen in den Kronstädter Befestigungen aus dem Jahre 1562 gab es in der Goldschmiedbastei 10 Prager Büchsen, 16 Hakenbüchsen und 3 Falkonetel (= kleine Kanonen).

Als am Anfang des 16. Jahrhunderts die ganze Ostseite der Stadtbefestigungen mit einer äußeren Ringmauer verstärkt wurde, wurde vor der Goldschmiedbastei eine neue Bastei in Hufeisenform errichtet und der Zunft der Rotgerber zur Verteidigung anvertraut.

Von der Goldschmiedbastei ausgehend, den Zinnenhang hinauf, wurde eine sogenannte „Viehmauer“ errichtet, die den Zugang der Feinde unter die Zinne verwehren sollte. Teile dieser „Viehmauer“ sind noch erhalten. Ihren Namen hatte sie daher, weil in Kriegs- und Belagerungszeiten Viehherden her getrieben wurden, um für die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch zu dienen. Eine zweite solche „Viehmauer“ ging von der Weberbastei aufwärts und schloss diesen Raum gegen Westen ab.

Im Jahre 1646 wurde der Goldschmiedzunft die neue Bastei zugewiesen, die in den Jahren 1639 -1641 zwischen dem Purzengässer und dem Klostergässer Tor errichtet worden war. Damals wurde die bisherige alte Goldschmiedbastei zur Tuchmacherbastei, weil die Zunft der Tuchmacher sich im 17. Jahrhundert stark vergrößert hatte.

Im Kronstädter Verteidigungsplan von 1734 wird die Zunft der Tuchmacher mit 53 wehrfähigen Mitgliedern angeführt. Größer waren nur die Zünfte der Schuster (127) , Leinweber (95) und Kürschner (57).
Nachdem die Befestigungen an der Südostecke der Inneren Stadt ihre Verteidigungsbedeutung verloren hatten, begannen sie zu verfallen.

Im Jahre 1881 verkaufte die Tuchmacher-Gesellschaft, die sich nach der  Auflösung der Zünfte im Jahre 1872 gebildet hatte, den Tuchmacherzwinger mit Tuchmacherbastei für 1600 Gulden an die Frau des Salamifabrikanten Michael Mutzig. In den Adressenbüchern der Stadt Kronstadt kommt seit 1880 und bis 1904 die Firma Mutzig und Slaminek vor, die ein Salami- und Selchwarengeschäft im Kaufhaus in der Hirschergasse hatte, und die ihre Schlachtungen und Fleischverarbeitung in der unteren Burggasse, bzw. im Tuchmacherzwinger samt Bastei vornahm. Weil in der alten Tuchmacherbastei die Würste getrocknet wurden, erhielt die runde Bastei im Volksmund auch den Namen „Salamiturm“, der ihr auch nach der Einstellung der Firma noch lange Zeit blieb.

In einem frühen Artikel wiesen wir schon im Jahre 1957 auf die Notwendigkeit ihrer Restaurierung hin, um sie vor dem Verfall zu bewahren. Als eine der ersten Restaurierungsmaßnahmen wurde in den Jahren 1961–1962 die Tuchmacherbastei renoviert, wobei der Denkmalpfleger Karl Friedrich (1898- 1979) eine maßgebliche Rolle hatte. In der benachbarten Rotgerberbastei wurde später ein Kinderspielplatz eingerichtet.

Eine neue Restaurierung durch den Kronstädter Kreisrat fand in den Jahren nach 2005 statt, der Ausgrabungen durch den Archäologen Stelian Coşuleţ vorangegangen waren. Am 15. Mai 2012 wurde in der restaurierten Tuchmacherbastei das erste virtuelle Museum Rumäniens eröffnet. Zu diesem Zweck wurde innerhalb der Bastei ein neuer Turm aus Metall errichtet, der in mehreren Stockwerken Touch-Screens mit historischen Bildern von Alt-Kronstadt enthält und den Zugang zum obersten Wehrgang im Inneren der Tuchmacherbastei vermittelt.

Kommentare zu diesem Artikel

Dr. Wolfgang Knopp, 24.06 2012, 10:54
"Die ersten urkundlichen Nachrichten über Bauarbeiten an der ursprünglichen Goldschmiedbastei stammen aus den Jahren 1521 und 1522."
In welcher Sprache waren diese ersten Nachrichten geschrieben? Wie hießen diese Goldschmiede, die so eine Bastei erbauen ließen? Ist die ganze Geschichte der Zünfte in Kronstadt rumänisch?

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