Die Tücken der Germanistik

Das Deutschstudium an der Universität Transilvania ist eine Herausforderung – für Studierende und Dozentinnen

Freitag, 09. Mai 2014

Carmen Puchianu kündigt auf dem Studententag den Vortrag von Tünde Dimeny an. Diese gewinnt später den ersten Preis im Bereich Literaturwissenschaft. In der Sprachwissenschaft erhält Andrada Ghiţoc den ersten Preis
Foto: Philipp Mangold

Viel ist los beim Studententag, als es um Sprachwissenschaft geht. Auch dabei: Izabella (ganz rechts). Foto: Carmen Puchianu

Auf den ersten, trügerischen Blick scheint die Studentenzeit leicht wie eine Frühlingsbrise. Ingrid und Izabella schlendern kichernd auf den Marktplatz, tragen Sonnenbrillen und halten Plastikbecher mit viel Sahne und wenig Kaffee in der Hand. Wir setzen uns auf eine Bank am Brunnen und unterhalten uns. Und sie erklären mir, warum das Leben einer Kronstädter Germanistikstudentin nicht so leicht ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Ingrid und Izabella studieren seit Oktober an der Universität Transilvania. Beide stammen aus Kronstadt, haben deutsche Kindergärten besucht und das Honterus-Gymnasium abgeschlossen. Damit sind sie für ein Germanistikstudium exzellent präpariert. Sie formulieren klare, grammatisch korrekte Sätze und verstehen meine Fragen sofort. Doch nicht alle ihrer Kommilitonen beherrschen Deutsch  so gut wie sie. „Das Niveau ist sehr unterschiedlich”, sagt Izabella. Manche hätten Deutsch erst im Gymnasium als Fremdsprache gelernt. Die unterschiedliche Vorbildung geht zurück auf einen Dekanats-Beschluss, der bezweckt, auch Deutsch-Anfängern ein Germanistik-Studium zu ermöglichen. Auf diese Weise will das Dekanat mehr Abiturienten locken, Germanistik zu studieren. Ein hehres Vorhaben. In der Praxis verursacht der Entschluss allerdings Probleme.

Gute Dozenten

Diese bleiben in erster Linie an den Dozenten hängen: Wie sollen sie 30 Studierende unterschiedlicher Sprachniveaus gleichzeitig unterrichten? Was für Klausuren schreiben? Wie benoten? Leicht werden Dozenten in solchen Klassen zu Sündenböcken. Den einen Studenten geht es zu langsam, den anderen zu schnell. Daher spricht es für die pädagogische Qualität des Lehrpersonals, dass sowohl Ingrid als auch Izabella die Dozenten loben.

Diese machten sehr gute Arbeit. Eine der Dozentinnen ist Dr. Carmen Puchianu, Schriftstellerin, Dramatikerin, Regisseurin, Schauspielerin und langjährige Leiterin des Lehrstuhls für Germanistik an der Universität Transilvania. Ich treffe sie auf dem Studententag, an dem Studentinnen ihre geplanten Abschlussarbeiten vorstellen. In der Pause frage ich sie, wie sie mit den unterschiedlichen Niveaus umgeht.

Theaterspielend lernen

„Verständliche Powerpoint-Präsentationen, leichte Kurzprosa, szenisches Spiel. Fortgeschrittene erhalten Zusatzmaterial über das Internet.” Das szenische Spiel sei Anfängern besonders hilfreich: Wer sich noch nicht zu sprechen traue, fände oft über den körperlichen Ausdruck zum sprachlichen. Darum gründete Carmen Puchianu eine Theatergruppe für Studenten, „Die Gruppe”, eine Herzensangelegenheit. Es geht ihr nicht darum, Theatertalente zu fördern, sondern zu sehen, wie sich der einzelne positiv verändert; wie er einen Zugang findet zur fremden Sprache und zu literarischen Werken. Dies sei gerade heute wichtig, da kaum jemand mehr Literatur lese. Die Mitglieder der Gruppe lernen literarische Werke kennen, sich selbst – und die Welt: Sie treten nicht nur in Kronstadt auf, sondern rumänien- ja europaweit.

Fleiß vor Können

Und was ist mit Klausuren und Benotung? „Wir versuchen, jeden nach seinem Wissensstand zu benoten. Und Klausuren zu konzipieren, die jeder versteht und nach seinem Niveau bearbeitet.” Diese Worte bergen Sprengstoff. Denn sie bedeuten, dass ein Anfänger, des Deutschen kaum mächtig, eine bessere Note erhalten kann als jemand, der exzellent Deutsch spricht. Bewertet wird der Lernerfolg, nicht die Kompetenz. Ingrid und Izabella finden das unfair – immerhin hängt von der Note die Möglichkeit ab, einen Master zu machen. Auch Personalchefs ziehen Bewerber mit guten Noten vor. Carmen Puchianu verteidigt die Benotung: „Wenn jemand dem Unterricht fernbleibt, weil er glaubt, er könne schon alles, muss er sich nicht wundern, wenn er am Ende schlechter abschneidet als ein Anfänger, der immer da war. Das ist nicht unfair, sondern logisch.”

Schlaf: ungenügend

Auch Ingrid und Izabella fehlen manchmal vom Unterricht. Nicht aus Fauhleit, wie sie versichern. Sondern weil sie arbeiten müssen oder sich ausruhen von der Arbeit. Beide arbeiten täglich, Izabella als Nachhilfelehrerin, Ingrid im Callcenter. „Ich schlafe nicht viel“, sagt Ingrid, und erklärt: Jeden Abend sitzt sie von sieben Uhr abends bis ein Uhr nachts vor einem Bildschirm und telefoniert mit verärgerten deutschen Kunden. Das ist eine gute Übung, aber oft keine angenehme. Viele Kunden lassen ihre Wut an ihr aus. „Die Männer fluchen, die Frauen schreien“, sagt Ingrid. Immerhin sei die Bezahlung gut. Und sie lerne viele neue Wörter. „Die darf ich im Studium aber nicht benutzen“, sagt sie und lacht.

Nach dem Studium

Beim Studententag gibt es an der Sprache wenig zu beanstanden. Viele Studentinnen sprechen frei zu ihren Themen und lassen sich auch von den Fragen des Publikums nicht in Verlegenheit bringen. Darüber hinaus bestätigt sich Carmen Puchianus Beobachtung, Literatur spiele heute kaum noch eine Rolle: Bei den Vorträgen zur Sprachwissenschaft ist das Zimmer rappelvoll, bei denen zur Literaturwissenschaft nur halb. Auch Ingrid und Izabella interessieren sich nicht für Literatur. „Ich wollte eigentlich Grafikdesignerin werden”, sagt Ingrid. Sie träumte von einer Ausbildung in Berlin. „Die war leider zu teuer.” Für Germanistik hat sie sich entschieden, „damit ich die Sprache nicht vergesse”. Izabella lacht. Sie möchte nach dem Abschluss gerne in Deutschland arbeiten. Dort war sie schon oft, sie hat Verwandte in Oberbayern. Besonders gefällt ihr in Deutschland die gute Organisation. „Alles funktioniert wie geplant. Hier in Rumänien weiß man nie, was passiert. Es ist chaotisch.” Doch vorerst studieren Ingrid und Izabella noch in Kronstadt. Sie lernen, arbeiten und setzen sich bei schönem Wetter auf den Marktplatz. Mit einem Becher Sahne-Kaffee in der Hand.

Kommentare zu diesem Artikel

elisabeth, 09.05 2014, 16:28
Vielen Dank fuer den gelungenen Artikel! Es kommt nicht haeufig vor, dass Professionalitaet, Objektivitaet und jugendlicher Enthusiasmus sich so fruchtbar zusammenfinden. Die KR sollte oefter solche Praktikanten wie Herr Mangold aufnehmen!

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