Die Umwälzungen 1989 im kollektiven Gedächtnis

Der Geist der Revolution erwacht immer im Dezember zum Leben

Freitag, 23. Dezember 2011

Der 35-jährige Sportlehrer Harald Pinzhofer (links im Bild) wünscht sich, dass die Revolution 1989 für immer im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt.

Die Gräber der Menschen, die in der Revolution 1989 in Temeswar gestorben sind.
Fotos: Zoltán Pàzmány

„Die Helden sind die, die gestorben sind“, sagt Harald Pinzhofer, Absolvent des Nikolaus-Lenau-Lyzeums und Sportlehrer an der Kleinen Lenauschule in Temeswar/Timişoara. Für ihn ist die rumänische Revolution 1989 das traurigste Stück Geschichte, das er als Kind erleben musste.

Eines der vielen Opfer, die die Revolution damals forderte, war seine Mutter, die 35-jährige Georgeta Pinzhofer. An der Lippaer Straße wurde die alleinerziehende Mutter, die sich den Protestlern angeschlossen hatte, erschossen. Bis heute weiß Harald Pinzhofer nicht, wer seine Mutter damals getötet hat. „Ich habe in letzter Zeit viele Bücher gelesen. Viele sagen, es war keine Revolution, sondern nur ein Staatsstreich. Ich weiß, dass meine Mutter für das Freiheitsideal auf die Straße gegangen ist. Sie wusste nichts von Iliescu, vom KGB oder von Russland. Meine Mutter und andere Menschen, die gestorben sind, wussten nichts davon. Sie haben für ein Ideal gekämpft und sie sind, meiner Meinung nach, die Helden der Revolution“, sagt Harald Pinzhofer.

Der junge Mann hat heute das Gefühl, dass die Leute, die in seinen Augen Helden sind, einfach vergessen werden. Ein Wort zu sagen haben jene, die die Revolution überlebt haben. Manche waren dabei und haben für das Freiheitsideal aller Rumänen gekämpft. Einige haben nur teilnahmslos zugeschaut und gelten heute trotzdem als Revolutionäre. Beweisen kann man nur schwer, wer dabei war und wer nicht. Harald Pinzhofer muss nichts beweisen. Der 17. Dezember 1989 war der Tag, an dem seine Mutter bei den Straßenkämpfen ums Leben kam. Er war damals 14 Jahre alt. Manch einer fragt sich heute, ob die Ideale der Revolutionäre von damals auch erreicht wurden. Harald Pinzhofer weiß, dass das ungewollte Opfer seiner Mutter heute doch Sinn macht. „Die Ideale wurden erreicht. Heute haben wir Freiheit und Demokratie, weil damals, im Dezember 1989, Menschen gestorben sind“, sagt er.

Auch heute gibt es überall in Rumänien Proteste – diesmal gegen das Gesetz 410/2011. Durch die neue Bestimmung soll ab kommendem Jahr die Beihilfe für die Opfer der Revolution gestrichen werden. Mehrere Personen traten bereits in den Hungerstreik, Menschen aus ganz Rumänien wedelten rumänische Flaggen mit dem ausgeschnittenen Wappen – genau wie vor 22 Jahren. Damit wollten die Protestler an die Umwälzungen während der rumänischen Revolution im Winter 1989 erinnern. Sie fordern nun eine Wiedergutmachung seitens der rumänischen Regierung. Harald Pinzhofer hat bisher keine Entschädigung bekommen. „Ich finde es nicht in Ordnung, dass es Unterschiede zwischen den Revolutionären gibt, dass nicht alle dasselbe bekommen. Ich, zum Beispiel, bekomme nichts“, sagt Pinzhofer.

Dem jungen Sportlehrer aus Temeswar geht es eigentlich nicht so sehr um die Entschädigung, die ihm heute als Nachfolger einer Märtyrerin zustehen sollte, sondern eher darum, dass die Menschen nicht vergessen, was vor 22 Jahren in Rumänien passiert ist. Die blutigen Kämpfe, die am 16. Dezember 1989 begannen, führten zum Sturz des kommunistischen Regimes und zur Hinrichtung des Diktators Ceauşescu. Allein in Temeswar starben mehr als einhundert Menschen. Die Revolution von 1989 ist heute stark in Vergessenheit geraten. Man erinnert sich zwar immer im Dezember daran und es finden landesweit Gedenkveranstaltungen statt. Mehr aber nicht. „Ich rede heute kaum noch mit jemandem über die Revolution“, sagt Harald Pinzhofer mit resignierter Stimme.

In den Geschichtsbüchern stehen nur ein paar Zeilen über die sieben Tage Geschichte, die das Leben aller Rumänen für immer verändert haben. Viel zu wenig weiß die Jugend von heute über die Revolution von damals, über den sogenannten „Geist von Temeswar“. Da herrscht großer Nachholbedarf, weiß Harald Pinzhofer.
Der Geist der Revolution lebt weiter in der Stadt an der Bega. Auch wenn andere nun behaupten, die Revolution habe in Jassy/Iaşi und nicht in Temeswar begonnen, reicht ein Spaziergang durch die Stadt als Beweis dafür, dass in der Hauptstadt des Banats ein kleiner Funke das große Feuer auslöste. Blickt man empor, so sieht man immer noch die von Kugeln durchlöcherten Fassaden im Zentrum von Temeswar, gegenüber der Oper. Und geht man auf den Heldenfriedhof an der Lippaer Straße, so sieht man die zahlreichen Gräber der Märtyrer. Alles stumme Zeugen einer Zeit, die nicht so weit weg liegt und doch so wichtig für die Zukunft eines demokratischen Rumäniens ist.

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