Die unscheinbare Macht der Fotos

Dienstag, 24. Juni 2014

Bilder wirken schon seit eh und je auf den Betrachter in irgendeiner persönlichen Weise. Deswegen gibt sowohl der Fotograf sein Bestes als auch das fotografierte „Objekt“, welches „ im rechten Licht“ erscheinen möchte, um für viele Betrachter in Erinnerung zu bleiben. Fotos anzuschauen macht jedem Spaß, sie lassen der Fantasie freien Lauf, ohne anstrengend zu sein. Als Kind, erinnere ich mich, wurden meistens an den langen Winterabenden Fotos angeschaut. Wir saßen alle zusammen am großen Küchentisch und meine Großmutter kam mit einer Schachtel herein, auf der „Manner“ draufstand. Damals interessierte mich eher der Inhalt dieser Schachtel als der schöne Schriftzug der bekannten Neapolitaner-Marke mit dem abgebildeten Stephansdom von Wien. Das Bild vom Stephansdom blieb mir jedoch wie viele weitere Fotos in Erinnerung. Fotos wurden über die Jahre hier gesammelt und bei den meisten stand auf der Rückseite das Jahr, in dem sie geschossen wurden. Nach gleichem Ritual wurden die Fotos von Hand zu Hand weitergereicht und zu jedem Foto konnte meine Großmutter etwas erzählen.

Wir Kinder unterbrachen sie immer wieder mit etlichen Fragen, die uns im Kopf herumschwirrten, da das Gesehene aus einer unbekannten Welt stammte. Mir fiel damals schon auf, dass die Personen auf den alten Hartpappe-Bildern nie lachten. Sogar das Hochzeitspaar stand stramm da und sah, ohne die Miene zu verziehen, starr auf den Fotoapparat. Bestimmt war der Besuch beim Fotograf eine kostspielige Angelegenheit, um einfach so fröhlich zu sein, oder waren es etwa die Gedanken des Brautpaares über die gemeinsame Zukunft mit den alltäglichen Herausforderungen? Meine Großmutter sagte dazu, wie so oft, einfach: „Das gehörte sich damals nicht“. Eine andere Kategorie von Fotos, die mir im Gedächtnis blieb, sind die Porträtfotos, bei denen auf der Rückseite „Zur freundlichen Erinnerung an ...“ geschrieben stand. Ein solches Foto kam zweifelsohne von Herzen. Auch Ansichtskarten wurden in der Schachtel gesammelt, überwiegend waren es Grußkarten in Schwarz/Weiß. Beeindruckend für uns Kinder war eine Postkarte aus Hermannstadt/Sibiu, die das Zeppelin-Luftschiff zeigte, als es über eine bekannten Kaserne flog.

Immer wieder fragten wir, ob das auch wirklich so war und wann man den Zeppelin wieder sehen könne. An Landschaftsbilder kann ich mich nicht erinnern, welche zum Beispiel die schönen Fogarascher Berge zeigten oder einfach eine Blumenwiese im Frühling. Wahrscheinlich waren das auch keine besonderen Motive für einen geschäftstüchtigen Fotografen. Heutzutage, im digitalen Zeitalter, werden wir von eigenen und fremden Fotos überschwemmt. Durch die Fülle ist es schwierig, sich an Aufnahmen zu erinnern, die einen besonders beeindruckt haben. Sieht man sich auffallend schöne Fotos an, muss man sich fragen, ob das auch echte Schnappschüsse sind oder wurde dort mit der neuesten Software nachgeholfen. Bitter für jeden ist es, wenn die digitalen Fotos vom Speichermedium plötzlich nicht mehr aufrufbar sind. Dann erinnert man sich an die Zeit der Papierfotos, eine Zeit, in der man selber schuld war, wenn schöne Aufnahmen unauffindbar blieben.

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