Die unterirdischen Wege der Flüchtlinge

Eine Führung durch den Berliner Untergrund über Mauerdurchbrüche und Geisterbahnhöfe

Sonntag, 23. März 2014

Der originalgetreue Nachbau des Tunnel 57 zeigt, wie im Jahr 1964 die Berliner Mauer untergraben wurde.

Die DDR-Staatssicherheit ging mit Kreativität gegen die Flüchtlinge vor – neben die U-Bahn-Gleise verlegten sie „Stalin-Rasen“.

Enge Gänge führen die Besucher durch die Zivilschutzanlage Blochplatz in die verschiedenen unterirdischen Ausstellungsräume.
Fotos: „Berliner Unterwelten e. V./Holger Happel“

Etwa 30 Menschen stehen wartend vor einem unscheinbaren Häuschen am Rande eines kleinen, zugemüllten Parks im Berliner Bezirk Mitte. Wäre da nicht das große braune Schild mit der gelben Aufschrift „Berliner Unterwelten e. V.“, würde sich der ein oder andere Passant sicher wundern, was genau die Gruppe an diesen etwas verwahrlost wirkenden Ort zieht. Doch das unauffällige Häuschen an der Badstraße, Ecke Hochstraße wird uns in den Untergrund Berlins führen, auf eine historische Reise zurück in den Kalten Krieg, in das Jahr 1961, als die Berliner Mauer errichtet wurde.

„Tour M – Mauerdurchbrüche“ ist der verheißungsvolle Titel unserer heutigen Führung und nachdem sich die beiden Guides vorgestellt und die Eintrittskarten kontrolliert haben, geht es auch schon zahlreiche Stufen hinab in den Untergrund, genauer gesagt in die Zivilschutzanlage „Blochplatz“. Hier bekommen wir zunächst eine kleine Geschichtsstunde über den Kalten Krieg, Berlins vier Besatzungszonen und den Mauerbau. Schnell wird uns klar, dass man diese Informationen braucht, um die Beweggründe der Menschen zu verstehen, die damals Kopf und Kragen riskierten, um aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu fliehen oder Verwandte und Freunde von dort in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) zu holen.

Die Zivilschutzanlage, erklärt uns der Führer, wurde zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gebaut und während des Kalten Krieges reaktiviert. Heute wird sie von dem Verein für Ausstellungszwecke genutzt, an den Wänden hängen zahlreiche Karten, Bilder und Schwarz-Weiß-Fotos. Weiter geht es durch verwinkelte Gänge, die so schmal sind, dass man nur einzeln hintereinander gehen kann, in den nächsten Raum. Er wird erhellt durch eine nackte Glühbirne, an einer Wand steht in großen Buchstaben „Notausgang“. Durch eine Aussparung in der Wand blickt man hinab auf Gleise, eine U-Bahn rattert durch den Tunnel unter dem Raum, in dem wir uns befinden, alles vibriert.

Verzweifelte Fluchtversuche

Die Mauer, die von Norden nach Süden durch Berlin gezogen wurde, verlief nicht schnurgerade, sondern bildete um den Bezirk Mitte, der zur DDR gehörte, eine Art Wölbung gen Westen. Für einige U-Bahn-Linien ergab sich dadurch das Problem, dass sie die Sowjetische Besatzungszone passieren mussten. Für die DDR bedeutete das, dass viele Menschen schon bald versuchten, über diesen Weg in die BRD zu fliehen.

Da Ost-Berlin nicht wollte, dass die junge, gebildete Bevölkerung in den Westen abwandert, wurden die Stationen in Berlin-Mitte für die Bevölkerung geschlossen, die Züge aus der BRD hielten nicht mehr. Mit mindestens 25 km/h mussten die U-Bahnen durch die stillgelegten Bahnhöfe fahren, damit niemand aufspringen konnte. So entstanden die verlassenen „Geisterbahnhöfe“, zu denen niemand mehr Zutritt hatte, außer die Grenzsoldaten. Auch gegen jene, die zu Fuß durch die U-Bahn-Tunnel flüchten wollten, wurde alsbald vorgegangen, wie uns unser Führer erklärte. So wurde streckenweise sogenannter „Stalin-Rasen“ (mit Nägeln versehene Gitter) neben den Gleisen und unter den Bahnsteigen verlegt.

Wir gehen weiter durch das verwirrende Gangsystem in den nächsten Ausstellungsraum. Das Thema hier sind die Fluchten durch die Kanalisation. Der Guide erklärt uns, wie sich Studenten-Organisationen in West-Berlin formierten, die über Kuriere in Ost-Berlin Gullydeckel öffnen und wieder verschließen ließen und die Flüchtlinge auf der anderen Seite der Mauer in Empfang nahmen. Auch diese Art der Flucht ging solange gut, bis die Staatssicherheit über die Nacht-und-Nebel-Aktionen informiert wurde. Die Kanalisation wurde daraufhin durch Stahl-Absperrungen und Lichtschranken verriegelt. Die Fluchthelfer im Westen mussten neue Wege finden, Familie und Freunde in die BRD zu schleusen.

Zu unserer nächsten Station fahren wir mit der U-Bahn: In der Bernauer Straße, entlang welcher die Mauer von 1961 bis 1989 verlief, befindet sich die Gedenkstätte an die Teilung Deutschlands und Berlins. Auf diesem Areal steht das letzte Stück der Berliner Mauer, welches in seiner Tiefenstaffelung bis heute erhalten geblieben ist, sodass die Besucher einen Eindruck von der vollen Breite des damaligen Grenzstreifens bekommen.

Wie radikal der Bau der Berliner Mauer in das Leben der Bevölkerung eingriff, wird in der Bernauer Straße besonders deutlich, wie uns unser Führer bewusst macht. Plötzlich wurden Familien, Freunde und Nachbarn getrennt, das Haus auf der anderen Straßenseite gehörte auf einmal zu einem anderen politischen System. Viele Menschen kletterten über den Stracheldraht oder sprangen aus ihren Fenstern, um nach West-Berlin zu gelangen, bevor die Mauer gebaut wurde. Einige bezahlten dafür mit ihrem Leben. Später wurden die Fenster zugemauert und die Wohnhäuser in der Grenzzone auf Befehl der Staatssicherheit zwangsgeräumt.

Entlang der rostbraunen Metallstaken, die den Verlauf der Mauer markieren, ist eine bronzefarbene Tafel in den Gehweg eingelassen. Sie gedenkt des längsten, tiefsten und teuersten Fluchttunnels, der in Berlin gebaut wurde: Tunnel 57. Allein die Bernauer Straße wurden auf einer Strecke von 350 Metern sieben Mal untertunnelt. Die Bedingungen waren dort besonders günstig, da der Grundwasserspiegel, welcher in Berlin eigentlich recht hoch ist, erst in 15 Metern Tiefe lag. Insgesamt wurden in Berlin zwischen 1961 und 1982 über 70 Fluchttunnel gebaut, von denen jedoch nur jeder fünfte erfolgreich war. Die meisten wurden noch während des Baus verraten.

Ein Tunnel im Toilettenhäuschen

Tunnel 57 war der erfolgreichste von allen: Insgesamt 57 Menschen flüchteten durch ihn auf die andere Seite der tödlichen Grenzzone. Ausgangspunkt war der Keller einer leerstehenden Bäckerei auf der Westseite der Bernauer Straße 97. Von April bis Oktober 1964 gruben 34 Freiwillige an dem Tunnel – teilweise ohne den Keller während dieser Zeit zu verlassen. Das nötige Geld verschafften sich die Fluchthelfer durch den Verkauf der Bild- und Filmrechte an internationale Nachrichtenagenturen und Presse. Auch Privatleuten beteiligten sich, es heißt, sogar CDU-nahe Personen waren darunter.

Zwölf Meter tief gruben die Fluchthelfer, nach einem halben Jahr und 145 Metern gelang ihnen der Durchbruch auf der anderen Seite der Mauer. Doch sie hatten sich vermessen: Statt wie geplant im Keller eines Wohnhauses in der Strelitzer Straße endete der Tunnel in einem Toilettenhäuschen im Hof des anvisierten Gebäudes. Ein glücklicher Zufall, wie uns der Führer erklärte, denn so konnten die Flüchtlinge immerhin bei Nacht unbemerkt in dem Klosett auf dem Hof verschwinden, ohne je wieder herauszukommen.

In der Nacht vom 3. Oktober 1964 wurden 57 Menschen über das Plumpsklo nach West-Berlin geschleust. Da alles so reibungslos funktionierte, beschlossen die Fluchthelfer in der nächsten Nacht, weitere Menschen durch den Tunnel zu führen. Doch die Staatssicherheit hatte einen Tipp bekommen, es kam zu einem Schusswechsel, bei dem der Unteroffizier der DDR-Grenztruppe Egon Schultz verletzt wurde. Die Helfer konnten fliehen, doch Schultz wurde beim Versuch, aufzustehen, von den nachgerückten Grenzsoldaten erschossen, die ihn für einen der Fluchthelfer hielten. In der DDR wurde diese Tatsache zum Staatsgeheimnis, die Presse berichtete, dass „West-Berliner Terroristen“ einen Grenzsoldaten ermordet hätten.

In den historischen Gewölben der ehemaligen Oswald-Berliner-Brauerei schildert uns der Guide anhand eines originalgetreuen Nachbaus des Tunnel 57 das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Fluchthelfern und der DDR-Staatssicherheit. Es sind vor allem die Geschichten über Freundschaft, Liebe und Verrat, von unserem Führer anekdotenhaft und mit viel Humor erzählt, die diese Tour so spannend machen, auch wenn die meisten Besucher die Geschichte Berlins, teilweise aus erster Hand, schon kennen.

In der ehemaligen Brauerei werden wir zum Abschluss noch in die unterirdischen Tonnen geführt, die bis kurz nach dem Mauerfall bis unter die Decken mit Sand und Steinen gefüllt waren – hier hatte man den beim Tunnelbau entstandenen Schutt unauffällig lagern können. Weitere Nachbauten sind bereits in Planung, es soll ein Tunnel gebaut werden, durch den die Besucher geführt werden können. Man hoffe, erklärt uns der Führer, dabei auf einen der Originaltunnel zu stoßen, in den die Teilnehmer der Tour dann einen Blick hineinwerfen können. Denn vom Berliner Untergrund ist noch längst nicht alles ans Tageslicht gekommen.

Berlins Unterwelten entdecken

Seit 1997 hat es sich der Verein „Berliner Unterwelten“ zu Aufgabe gemacht, den Untergrund der deutschen Hauptstadt mit all seinen Bunkern, Zivil- und Luftschutzanlagen, Geisterbahnhöfen und Tunneln zu erforschen und zu erhalten. Im Jahr 1999 wurden erstmals regelmäßig öffentliche Führungen durch den Untergrund angeboten, die im Laufe der Jahre nach und nach ausgebaut und erweitert werden konnten, da immer mehr Anlagen freigelegt wurden. Heute bietet der Verein zehn Touren an, die öffentlich sind bzw. als Gruppentouren gebucht werden können. Hinzu kommen Spezialführungen.

„Tour 1 – Dunkle Welten“, mit den Themenschwerpunkten Bombenkrieg, Luftschutz, Bunkeranlagen und andere Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges, führt die Besucher in versteckte Räumlichkeiten des U-Bahnhofs Gesundbrunnen. Auch „Tour 2 – Vom Flakturm zum Trümmerberg“ beschäftigt sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, doch werden die Teilnehmer hier in den letzten von Hitlers Flaktürmen im Humboldthain geführt.

„Tour 3 – U-Bahn, Bunker, Kalter Krieg“ widmet sich den Bunker- und Zivilschutzanlagen, die zur Zeit des atomaren Konflikts in West-Berlin reaktiviert wurden. In ein umfunktioniertes Gasometer führt die „Tour F – Mutter-Kind-Bunker Fichtestraße“. Der Gasbehälter diente während des Zweiten Weltkrieges als Bunker für Frauen und Kinder und wurde später als Flüchtlingslager, Untersuchungsgefängnis, Obdachlosenasyl sowie für die Einlagerung von Senatsreserven genutzt.

Zu dem heute unter Denkmalschutz stehenden Schwerbelastungskörper führt die Tour S. Dieser war Teil der nationalsozialistischen Neugestaltungsplanung Berlins und diente zum Test des Bodens für einen massiven Triumphbogen. Einen völlig anderen Hintergrund behandelt die „Tour K – Kindl-Areal Neukölln“: Hier geht es in die in bis zu 20 Meter tief gelegenen Gewölbe der Berliner-Kindl-Brauerei. Mehr Informationen finden Sie unter http://berliner-unterwelten.de.

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