Die Versöhnung mit der verwüsteten Ebene

Ein neues Buch von Elena Siupiur kreist um das Thema Migration

Samstag, 31. Dezember 2016

Man kann über die Migrationsgeschichte der Hauptfigur Maria nur staunen, die von Sozialhistorikerin Elena Siupiur im Buch „Eu Maria, ultima“ („Ich, Maria, die letzte“) erzählt wird. Das Buch ist in diesem Jahr im Verlag Anima erschienen und rekonstruiert eine Welt vom Anfang des 19. Jahrhunderts, die schwere Zeiten erlebt. In den Mittelpunkt rückt eine junge Frau, die zusammen mit ihrer Familie und Gemeinde gezwungen ist, ein neues Zuhause zu finden: Während des Russisch-Türkischen Krieges (1806-1812) werden Flüchtlinge aus dem Balkan von den russischen Armeen Richtung Budschak – der südliche Teil der historischen Landschaft Bessarabien – gewiesen. Das Gebiet gehört zu den Rumänischen Fürstentümern und ist menschenleer, da die Tataren auf die Krim deportiert wurden. 1812 wird Bessarabien an das Russische Reich angeschlossen. Das Buch widmet sich also Deportierten und Flüchtlingen verschiedener Abstammung.

Eine kleine Gemeinschaft ist auf der Suche nach einem Gebiet, wo sie in Ruhe leben kann, denn „uns, die Leute vom Balkan, liebt niemand, wir sind unter der Macht eines Reiches und unter dem gierigen Blick von anderen Reichen“. Die Leute wurden vertrieben und auf einer verwüsteten Ebene müssen sie ihr Dorf neu aufbauen. Verzweifelte Menschen werden mit den eigenen Ängsten konfrontiert und ihr Glaube wird auf die Probe gestellt. Die junge Hauptgestalt, die Tochter des Hadschis, eines christlichen Jerusalempilgers, beschreibt in einem Heft, das sie von einem Lehrer aus Moskau bekommt, den Alltag der neugegründeten Gemeinde. Es entsteht eine Art Chronik. Für Oma Ghiuzel ist es nicht das erste Mal, dass sie flüchten muss: „Auch mein Dorf wurde völlig verbrannt, damit die Flüchtlinge, die überlebt haben, nicht mehr zurückkommen. Ich war damals nur ein Kind, ich weiß nicht, wo das ist – mein Herkunftsort.“

Das Mädchen schildert eine Welt, in der Menschen als Wanderer leben. Man sieht Männer weggehen und man weiß nicht, ob sie zurückkommen. Frauen bleiben zu Hause, da es meistens zu gefährlich ist, unterwegs zu sein. „Ich habe gesehen, wie eine Welt vernichtet wird, und nicht wie sie aufgebaut wird, aber ich kann diese Welt, die ihr errichtet habt, schützen. Meine Welt ist zu Staub geworden“, sagt der Hadschi seiner Tochter. Maria hat ständig Angst um ihren Vater, den Hadschi, denn er verhält sich, als ob es ihm nichts ausmachen würde, wenn er stirbt. Der Hadschi erklärt das Ganze seiner Tochter: „Ich wurde von Mönchen gefunden – in den Bergen, wo unser Dorf verbrannt wurde. Ich war hungrig und aß Kräuter, Wildbirnen und rohen Fisch. Ich habe gelernt zu töten, schnell und gnadenlos. Die Wege des Balkans sind gefährlich. Du sollst mich nie verurteilen“.

Abgesehen von der Migrationsgeschichte, die allmählich Umrisse annimmt, ist es interessant, das Buch aus der Perspektive der Rollenteilung zu lesen. Die junge Maria ist keine typische Frau: Sie kümmert sich um Pferde, bekommt einen Dolch als Geschenk von ihrem Vater und kann geschickt mit Waffen umgehen. Sie wird wie eine Bojarentochter erzogen und wächst mehrsprachig auf. Im Gegensatz zu den anderen Frauen kann sie schreiben und lesen. Sie erteilt sogar Befehle und wird von der ganzen Gemeinschaft als Autoritätsfigur respektiert. Sie beginnt, das Leben der umgesiedelten Gemeinschaft niederzuschreiben. Und all das ermöglicht ihr Vater, dessen Werte mit den Werten der Großeltern aufeinanderprallen. Er will, dass seine Tochter eine Frau wird, die fähig ist, unter den gegebenen Bedingungen zu überleben.
Dabei wird aber der Werdegang von Maria immer noch vom patriarchalischen System bestimmt. Die Gesellschaft, die Tradition und die Familie beeinflussen letztendlich die Rolle, die die junge Frau in der Gemeinschaft spielt. Maria unterrichtet Kinder in der Kirche und heiratet einen Mann, der von ihrem Vater empfohlen wurde. Als erwachsene Frau akzeptiert sie ihr Schicksal und hilft der Gemeinde, das Leben neu anzufangen. Auf diese Weise findet sie ihre eigene Stelle in der Gemeinschaft.

Die Autorin verwendet für ihre Geschichte einen archaischen, lokal gefärbten Wortschatz, der zur Besonderheit dieses Buches beiträgt. Elena Siupiur wurde 1940 in Caracurt (heute Ukraine) geboren, sie hat sowohl Belletristik als auch Sachbücher geschrieben. Sie hat an dem Literaturinstitut der Bulgarischen Akademie promoviert und ist Mitglied des Schriftstellerverbands in Rumänien. Die Autorin ist Forscherin am Institut für Südosteuropäische Studien der Rumänischen Akademie und Autorin des Buches „Emigra]ia: Condi]ie uman˛ {i politic˛ în sudestul european“ (Emigration als menschliche und politische Bedingung in Südosteuropa).

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