Die versprengten Glaubensgeschwister im Kaukasus (2)

Auf Entdeckungsreise am Rande Europas

Samstag, 05. Dezember 2015

Die nächsten Tage nutzten wir um das ehemals deutsche Siedlungsgebiet zu erkunden und Menschen zu treffen. Wir kamen nach Elisabethtal (Asureti). In Elisabethtal besichtigten wir mit Manfred Tichonow die Ruinen der ehemaligen deutschen Kirche und den deutschen Friedhof. Der Friedhof machte einen gepflegten Eindruck. Jugendliche, die aus Deutschland gekommen waren, haben in einem Sommer hier Hand angelegt und geholfen.

Manfred Tichonow ist aus Deutschland hierhin gezogen und hat ein schönes schwäbisches Fachwerkhaus im Ort erworben. Jetzt beschäftigt er sich mit Weinbau, Gästebetrieb und Renovieren. Gerne empfängt er Gäste in seinen Gästezimmern und bietet originelle Weinverköstigungen an von seinem selbst hergestellten „Schall-Wein“. Der Weinbau hat im Kaukasus mit den deutschen Siedlern erst richtig Fuß gefasst. Die mitgebrachten Rebsorten und das ideale Klima ließen edle Tropfen entstehen. Im Zarenreich war der Kaukasus Hauptlieferant für Weine.

In Katharinenfeld (Bolnisi) trafen wir Farad. Er ist einer der ältesten Gemeindeglieder und hatte eine deutsche Mutter und einen aserbaidschanischen Vater. Er freute sich sehr über unseren Besuch und die Möglichkeit, wieder einmal Deutsch zu sprechen. Mit ihm besichtigten wir die ehemalige deutsche Kirche, heute ein Sportsaal, und die deutsche Mühle, die zu einem Luxusrestaurant und Hotel umgebaut wurde. Die Gemeinde selber besitzt heute ein kleines Gebäude, wo man sich regelmäßig treffen kann. Hier gibt es auch eine Ausstellung, die die Vergangenheit der Gemeinde schildert.

Sowohl in Katharinenfeld als auch in Rustawi gibt es neue Gemeindehäuser der evangelisch georgischen Kirche. In Rustawi erfreuten wir uns eines sehr warmherzigen Empfangs von Valeri und Larissa Babaev. Es war ein uriges Gefühl, hier im sehr fernen Kaukasus ein authentisches Schwäbisch anzuhören. Wir haben Vieles über ihr Schicksal und das Schicksal der Deutschen erfahren. 1941 wurden alle Deutschen aus dem Kaukasus, aus ihren Häusern ausgehoben und nach Zentralasien deportiert, vorwiegend nach Kasachstan. Manche Mischehen aber durften bleiben, so geschah es bei Valeri. Sein Vater war Asere.

Eine berühmte Stadt

Unsere Reise führte uns weiter Richtung Osten. An der georgischen Grenze wurden wir mit einem Schild verabschiedet: „Aserbaidschanische Grenze! Viel Glück!“. Was sollte das jetzt heißen? Bis in die Hauptstadt Baku ging es noch eine gute Strecke am Kaukasusgebirge entlang, das Aserbaidschan von Russland trennt. Endlich am Kaspischen Meer angekommen, tat sich diese vom Ölboom reichgewordene Stadt auf. Die Stadt ist in den letzten Jahren auch durch Eurovision oder die Olympischen Jugendspiele berühmt geworden.

Die Stadt versucht alt mit modern zu verbinden, orientalische Züge mit modernen Einschlägen. Das Wahrzeichen der Altstadt ist der „Jungfrauenturm“. Irgendwie kam uns alles doch etwas künstlich und steril vor. Es fehlte etwas von der Menschlichkeit, bei all den neuen Prachtbauten. Dennoch sollte es an Menschlichkeit und Begegnungen in Baku nicht fehlen. Wir trafen Anne Thompson. Sie stammt aus Wales und ist mit einem Aseren verheiratet. Sie ist in der evangelischen Gemeinde in Baku sehr aktiv. Sie nahm sich sehr gerne die Zeit, um uns die ehemalige evangelische Kirche zu zeigen und einiges über die jetzige Lage der Gemeinde zu erzählen.

Das neugotische Gebäude, anfangs des 20. Jahrhunderts erbaut, befindet sich in einem hervorragenden Zustand. Hier kann sich die Gemeinde wieder regelmäßig zum Gottesdienst treffen, doch ist die Gemeinde nicht mehr Besitzer des Gotteshauses. Pro Gottesdienst wird eine Miete von umgerechnet 40 Euro entrichtet. Dafür hat aber der aserbaidschanische Staat die Kirche hervorragend restauriert. Heute dient sie als Konzertsaal und da steht eine der beiden Orgeln in ganz Aserbaidschan. Dank dieses wunderbaren Instruments hat die Kirche auch die sowjetische Zeit überdauert.

An einem Nachmittag waren wir mit der Pastorin Menser Ismailowa und Mitgliedern der Gemeinde verabredet. Die Pastorin der Gemeinde ist Aserin und war ursprünglichMuslimin. Sie hat sich taufen lassen und hat daraufhin die theologische Hochschule in Novosaratowka / Sankt Petersburg absolviert. Heute betreut sie die etwa achtzig Gemeindeglieder in Baku. Auch hier ist das Bild der Gemeinde ein sehr durchmischtes. Neuerdings stoßen auch junge Leute aus dem Iran auf die Gemeinde. Bei dem Treffen war auch eine junge Iranerin dabei. Sie erzählte uns über ihr Schicksal: Sie hat den Iran verlassen um in Baku ein neues Leben zu beginnen. Von Christentum hatte sie anfangs nicht viel Ahnung, wollte sich aber taufen lassen. So zog sie von Kirche zu Kirche, bis sie letztendlich in der lutherischen Gemeinde ein Zuhause fand. In den Iran wird sie wohl nicht mehr zurückkehren. Pastorin Menser erzählte uns, dass sogar ein Paar aus dem Iran angereist kam, um sich erst taufen und sich anschließend christlich trauen zu lassen. Man bedenke, dass die beiden dann auch in den Iran zurück reisten.
 
(Fortsetzung folgt)

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