Die versprengten Glaubensgeschwister im Kaukasus

Auf Entdeckungsreise in Zentralasien

Samstag, 28. November 2015

Die malerische Stadt Tiflis
Foto: der Verfasser

Vom 27. September bis zum 16. Oktober waren junge Erwachsene aus den Gemeinden Wolkendorf und Heltau mit dem Kleinbus im Kaukasus unterwegs. Ziel der Riese war das Kennenlernen und die Begegnung mit den „versprengten Glaubensgeschwistern im Kaukasus“.

Die heranwachsende Generation der deutschsprachigen evangelischen Minderheit in Rumänien steht vor einer existentiellen Frage: „Wer sind wir?“. Diese Frage stellen sie zu Recht, da sie vorwiegend aus Mischehen stammen, die in einem mehrheitlich rumänischen Umfeld aufwachsen.

Was bedeutet nun deutsche bzw. evangelische Identität in einer rumänisch-orthodoxen Mehrheitsgesellschaft? Wie wird man als Vertreter einer Minderheit wahrgenommen? Welches Selbstbildnis wird einem von Kirche, Schule und Elternhaus vermittelt? Viele der Jugendlichen der deutschen Minderheit, vorwiegend aus Mischehen, erleben eine verwirrende Verquickung von Identitäten.

Das Ziel der Erkundungen wäre nun folgendes: Selbstreflexion über die eigene Identität, indem man die deutsche Minderheit in einer extremen Diaspora (im Kaukasus) aufsucht und erlebt.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts sind im Zuge der deutschen Ostkolonisation auch Einwanderer in den Kaukasus gelangt. Es handelte sich vorwiegend um schwäbische Pietisten, die sich vor allem kurz nach den napoleonischen Kriegen auf diesen langen und beschwerlichen Weg machten. Spuren dieser Einwanderung haben sich bis heute erhalten.

Jugendliche der deutschen Minderheit und Mitglieder der evangelischen Kirche A.B. in Rumänien fahren also in ein anderes Land, in dem man eine Situation vorfindet, die genug Analogien zur Sachlage daheim bietet, damit man sich selber wiedererkennen kann, die aber andererseits so fremd geworden ist, dass sie die Jugendlichen neugierig macht. Sehr wichtig wäre auch die Frage, ob die deutsche Identität in der Minderheit noch verankert ist, oder ob sich diese Identität in eine konfessionelle Identität gewandelt hat, wie es schon andernorts in anderen ehemaligen Ostblockländern geschehen ist. Wir suchten mit Personen vor Ort das Gespräch, vor allem mit Vertretern der evangelischen Kirche in Georgien und Aserbaidschan. Armenien, als erster christlicher Staat der Welt, und die Krisenregion „Republik Berg-Karabach“ gehörten auch zu unseren Reisezielen.

Als erstes galt es, die gesamte Türkei zu durchfahren, um nach Georgien zu gelangen. Es ging über Istanbul, Trabzon und über Batumi, die georgische Hafenstadt am Schwarzen Meer, nach Swanetien im Kaukasus Gebirge. Hier konnten wir uns einen ersten Eindruck verschaffen, welchen beschwerlichen Weg die Siedler auf sich nehmen mussten, um in den Kaukasus zu gelangen.

Das Land der Swanen

Im Monat Mai 1817 packten etwa 1.500 württembergische Familien ihre Koffer und setzen sich in Ulm in ihre „Schachteln“, so nannten sie ihre Einweg-Boote, um an der Donau entlang in Richtung Osten zu schiffen. Es handelte sich um radikale Pietisten, die sich im Reich des Zaren Alexander I nach einer neuen Zukunft in Glaubensfreiheit sehnten. Doch sollte der lange und beschwerliche Weg seinen Tribut fordern. Bis nach Galatz / Rumänien kamen die Kolonisten in ihren Booten. Da waren die Reihen schon gelichtet. Jede Familie hatte Verluste zu beklagen. Auf der Reise verstarben viele an Epidemien, wie Typhus, Cholera u.a. Und es war noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. In Galatz verkauften die Siedler ihre „Schachteln“ als Brennholz. Nach einer Quarantäneperiode sollte es auf dem Landweg über Odessa und Rostow am Don weitergehen.

Dann galt es, den großen Kaukasus zu überqueren, um in das gelobte Land „Transkaukasien“ zu gelangen. Das war nur über die georgische Heerstraße möglich. Bis auf über 2.300 Höhenmeter steigt die Passstraße. Auf dieser Höhe etwa befinden sich auch die Siedlungen der Swanen. Es sind die höchsten Siedlungen Europas. Die berühmten Wohn- und Wehrtürme der Siedlungen wurden in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen.

In diesen Wohn- und Wehrtürmen beschützen die Swanen ihre Goldvorräte vor unerwünschten Gästen. Dieses Gold brachten die kaukasischen Gebirgsbäche mit sich. Für Angreifer war es schier unmöglich, über die engen Täler überhaupt in das Land der Swanen, dem so geheimnisvollen Volk des Kaukasus, zu gelangen. Wenn Perser oder Osmanen angriffen, brachte auch das Königshaus aus Tiflis ihre Reichtümer hierhin zur Aufbewahrung. Heute noch werden Schätze z.B. Ikonen aus Gold oder Silber aus dem 14. Jahrhundert in den sehr kleinen Kirchen der Swanen aufbewahrt. In den Kirchen haben kaum zehn Leute Platz. Die Swanen sind der Meinung im Gotteshaus wird der Gottesdienst nur für die Verstorbenen abgehalten, für die Lebenden wird draußen, im Kirchhof, gefeiert.

Auf Besuch in der Hauptstadt Georgiens

Die beeindruckenden schnee-bedeckten Gipfel des Kaukasus ließen wir hinter uns und fuhren nach Tiflis, in die Hauptstadt Georgiens. Tiflis machte einen sehr freundlichen Eindruck. Ein sehr schönes historisches Stadtzentrum mit einer Schlucht mitten in der Stadt, darin die Schwefelbäder untergebracht sind. Darüber thront stolz eine mittelalterliche Festung.

Es war der erste Sonntag im Oktober, Erntedankfest. Wir besuchten den evangelischen Gottesdienst in der Versöhnungskirche, der von Pastor Viktor Miroschnitschenko hauptsächlich in russischer Sprache abgehalten wurde. Bischof Hans-Joachim Kiderlen begrüßte unsere Gruppe im Gottesdienst und wir durften auch ein Grußwort einbringen. Wir erzählten über unsere klein gewordene evangelische Kirche in Siebenbürgen, über die Gemeinsamkeiten, die uns verbinden und stellten die einzigartige Kirchenburgenlandschaft vor.

Erst mit der Perestroika ermöglichte sich das Wiederaufleben evangelischen Lebens im Kaukasus. Unter Stalin nämlich nahm das evangelische Leben im Kaukasus ein jähes Ende. Alle Deutschstämmigen wurden nach Zentralasien deportiert. Wenige kamen Anfang der Neunziger zurück. Die Gemeinde, die früher eine rein deutsche Gemeinde war, ist heute gemischt. Heute kommen die Gemeindemitglieder aus ganz unterschiedlichen Völkerschaften. Das historische Kirchengebäude wurde zu sowjetischer Zeit abgetragen, und ab 1993 - 2000 wurde die neue „Versöhnungskirche“ auf dem Grund des ehemaligen deutschen Friedhofs erbaut. Einige Gräber zeugen heute noch davon. Nach dem Gottesdienst gab es die Möglichkeit bei Kirchenkaffee mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen und etwas über ihre Schicksale zu erfahren.

Während unseres Treffens mit Bischof Hans-Joachim Kiderlen bei einem „Khachapuri“ (einem georgischen Nationalgericht) erfuhren wir, dass die Gemeinden der evangelisch-lutherischen Kirche in Georgien eine Art Vermächtnis des „Homo Sovieticus“ sind. Das Projekt “Homo Sovieticus” hatte als Ziel die unterschiedlichen Bevölkerungen der riesigen Sowjetunion richtig zu durchmischen. Und das lässt sich etwa am heutigen Gemeindebild erkennen. Von den etwa siebenhundert evangelischen Seelen im Kaukasus beherrscht nur noch ein kleiner Prozentsatz die deutsche Sprache.

(Fortsetzung folgt)

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