Die Vertreibung des Holzes aus dem Paradies

Die Maramuresch - zerrissen zwischen Tradition und Moderne

Montag, 06. März 2017

Sârbi: Dieser Schuppen mit kostbarem Schnitzwerk - und Wellblechdach (!) - steht heute leider auch nicht mehr...
Fotos: George Dumitriu

An der warmen Hauswand

Positivbeispiel: Forellenzucht-Restaurant-Pension „Alex“ in Mara

Das Kloster in Bărsana: Die traditionelle Holzbaukunst lebt - so könnte man auch moderne Villen bauen, ohne dem Landschaftsbild zu schaden.

Täglich muss ich an die Maramuresch denken. Schon morgens, beim ersten Augenaufschlag, wenn mein Blick auf die rustikale Holzdecke fällt: uralte Balken, bestimmt über hundert Jahre alt! Es hatte uns viel Kraft gekostet, dieses alte Häuschen zu retten. Vor Holzhaien, die die Maramuresch unsicher machen auf der Suche nach traditionellen Bauernkaten, die dort niemand mehr haben will. Denn heutzutage schämt man sich  ihrer... In Italien werden sie dann zu Luxusparkett zersägt. Oder Kunstfälscher nutzen die alten Balken als Trägermaterial für  „antike“ Ikonen, denn kein Sammler nimmt eine Probe von der bemalten Stelle. Im besten Fall wird das Häuschen in einem entzückenden Pensionsensemble in den Alpen wieder aufgebaut. Oder sonst irgendwo, wo man Tradition wieder zu schätzen weiß, weil man sie selbst längst verloren hat....

Wir begleiten Gavrilă Cocean, der authentische alte Holzhäuser für die Dorfmuseen in Bukarest und Hermannstadt/Sibiu in seiner Heimatregion aufspürt, Balken für Balken abbaut und vor Ort wieder auf. Wir betreten unzählige Höfe Verkaufswilliger. Oder bestaunen die immer noch lebendige Maramurescher Holzbaukunst, zum Beispiel im Kloster von Bărsana: helle, geräumige Gebäude, goldgelbe Schindeldächer, Blumenampeln baumeln üppig von geschnitzten Balken und Balkonen. Das moderne Ensemble könnte Vorbild für die ganze Region sein! Oder in Deseşti: Am Fuße der Holzkirche im UNESCO-Welterbe, werden zwei alte Häuser mit geschnitzten Veranden und neuen Schindeldächern versehen. Im benachbarten Mara ist aus einer Forellenzucht mit Pension längst ein riesiges Touristenensemble entstanden.  Der gute Geschmack blieb dabei nicht, wie so oft, auf der Strecke: Das Restaurant liegt idylllisch auf der Holzbrücke am Teich, Freiluftpavillions aus massiven Stämmen laden zum Verweilen ein, das Gelände ist übersät mit urigen Schnitzereien, funktionell-  als Sessel, Rutsche oder Schaukel - oder artistisch, manchmal beides. Nein, die Maramurescher Holzkunst ist nicht tot!

Rückständig und peinlich

Und trotzdem... Vor der alten Holzkirche von Ieud auf dem Friedhofshügel – auch sie gehört zum UNESCO-Welterbe – erhebt sich ein kitschiger, rot-weißer Bau. Nur ein Fauxpas von vielen. Erstaunt beobachten wir seit Jahren, wie anstelle authentischer  Holzhäuser – immerhin die „Geburtsurkunde“ der Maramuresch - protzige Betonklötze aus dem Boden wachsen. Mal flammend orange, mal quietschrosa, mal veilchenviolett, mal mit Inox-Balustrade und verspiegelten Türen – um Aufmerksamkeit heischend wie eine Ohrfeige. Ein einziges solches Haus kann ein ganzes Dorf verschandeln.
Auch vor Friedhöfen macht der Modernisierungswahn nicht halt: In Budeşti-Josani kommen wir zurecht, wie zwei alte Leute ein Grab „renovieren“: Beton wird gegossen, dann kommen Marmorplatten drauf. Dass dies im Umfeld eines UNESCO-Monuments verboten ist, interessiert keinen. „Was zahlt uns denn die UNESCO?“ wird gefragt. Dann geben die Leutchen sogar zu, dass die Gräber mit den geschnitzten Holzkreuzen eigentlich viel schöner sind. „Aber die Leute! Was werden sie sagen, wenn man nicht mit der Zeit geht?“ In den Köpfen der Menschen gilt die Gleichung: „traditionell = arm = peinlich“. Was wird bloß aus der Maramuresch?

Wiedergeburt als Öko-Haus

Unser Häuschen hat ein Abenteuer hinter sich: Erst wurde Balken für Balken durchnummeriert, dann abgebaut und auf den Transporter geladen, quer über die Karpaten gefahren und 30 Kilometer vor Bukarest originalgetreu wieder aufgebaut. Nein, es ist kein Ferienhaus, wir wohnen wirklich darin. Und es gibt keinen Quadratzentimeter Beton, kein Styropor, kein Rigips, kein Plastik. Statt dessen ist es innen mit Lehm isoliert, die Wände mit Kalksand verputzt, ein paar blieben roh, mit rustikalen, massiven Holzbalken. Einziger Kompromiss: ein winziges, modernes Bad. Naturwolle isoliert den Dachboden, den ein neues Schindeldach bildet, mit zwei runden Fensterchen, die wie Schildkrötenaugen in die Landschaft blicken.

Der Aufbau, das Forschen nach natürlichen Methoden zur Ausgestaltung, vor allem aber nach den Leuten, die diese Kunst noch beherrschen, war eine Mischung aus spirituellem Erleben und - zugegeben - purer Verzweiflung. Grenzgänge, die uns noch enger zusammengeschweißt haben. Uns und unser Maramuresch-Häuschen. Der Vorteil? Keine aufsteigende Feuchte, kein Schimmel, keine Materialausdünstungen, keine Formaldehyd- oder Radonbelastung. Ringsum heimeliges Holz statt kalter Mauern - und im Sommer kühl, trotz über 30 Grad. Und die Brandgefahr? Gegenfrage: Haben Sie schon mal gesehen, wie heftig eine Styroporplatte brennt?
„Wann reißt ihr diese Schande endlich ab?“

Gavrilă Cocean aus Glod wohnt selbstverständlich in einem modernen Haus. Schnell gebaut, aus billigen Materialien, Hauptsache groß. Seit drei Jahren war er nicht mehr in der oberen Etage, gibt er offen zu. Seine Frau hat kaum Zeit, dort Staub zu wischen. Im Sommer fährt sie zum wiederholten Male als Erntehelferin nach Deutschland. Eine harte Zeit, voller Demütigungen und Erniedrigungen, gesteht Ileana. Durchtauchen, heißt es dann - und mit viel Geld nach Hause kommen; das zählt! Das Kind versorgt inzwischen die Oma. Der Pfarrer in Ieud bestätigt, so geht es vielen in der Maramuresch. Oft lebt man längst im Ausland, doch gebaut wird zuhause - und zwar so, wie man es in der Fremde gesehen hat.

Über Geschmack kann man freilich streiten. Doch dass die Wertschätzung für Traditionelles so sehr abhanden gekommen ist, dass man sich der alten Häuser schämt, anstatt sie liebevoll zu erhalten - oder zumindest beim Neubau den Stil zu wahren, ist erschütternd. Eine Entwicklung, die das touristische Potenzial eines ganzen Landstrichs nachhaltig zerstören kann. Ist nicht die traditionelle Holzkunst der Charme der Maramuresch? Immer wieder fragten wir: War es zu kalt in den Holzhäusern? Fehlte der Komfort? Um befremdet festzustellen, dass in den modernen Häusern - „cu etaj“, wie man stolz bemerkt – oft gar niemand wirklich wohnt! Die Heizkosten zu hoch, die Wände zu kalt, zu wenig gemütlich. Ein Vorzeigehaus eben. Man kocht und schläft in der „Coliba“, einem kleinen beheizbaren Nebenraum. Und wenn die Oma aus dem alten Holzhaus, das vor der modernen Villa steht, rausgestorben ist, machen die Nachbarn Druck: „Wann reißt ihr diese Schande endlich ab?“

Eine Villa wie ein Denkmal

Genau dies hatten auch Nataca und Ioan Mois aus Fere{ti im Sinn. Weil sie Geld brauchten, um das für  die einzige Tochter errichtete Luxus-Haus auszubauen – das alte Paar wohnt und schläft in der „Coliba“. Stolz führten sie durch den zweistöckigen Prachtbau – ihr Lebenswerk, mühsam vom Mund abgespart. Nataca war Krankenschwester, Ioan Arbeiter. Nun wird es wieder einmal umgebaut, weil die Treppen der Tochter nicht mehr gefallen, die Küche soll größer werden, das imperiale Bad neu gefliest. Im Geschmack muss man eben mit der Zeit gehen.  Die Matratzen in den Schlafzimmern zieren steife, goldene Kissen und Decken. Bewegt man sich darunter, sprüht das Material knisternd Funken. Doch die Tochter schläft ja auch nicht hier. Sie lebt mit Mann und Kind in einem Block in der Stadt. Seufzend gestehen die Eltern, man hoffe doch, sie werde sich eines Tages anders besinnen. Solange leben sie hier neben einem toten Haus wie ein Denkmal.

Ionuc und Lenucas Traum

Auf dem Weg zum Wirbelkorb von Vadu Izei, einer Art „Naturwaschmaschine“ im Fluss, begegnen wir einem jungen Paar: Ionuc und Lenuca Mihnea. Von ihr erfahren wir, der Wirbelkorb ist gar nicht alt – den hat ihre Schwägerin Ileana bauen lassen. Am Samstag hängen dort unzählige Teppiche – Fabrikmuster, neu – und der Schaum fließt den Bach herunter. Leider vermischen sich Moderne und Traditionen manchmal auf unglückliche Weise... Doch die gute Absicht ist, was zählt: Das hübsche Holzhaus als Touristenunterkunft, mit Geschmack eingerichtet. Lenuca träumt davon, ein ganzes Dorf aus alten Häusern wieder aufzubauen. „Ich sehe schon den Schnee auf den Dächern im Vollmond“, schwärmt sie. Wenn ihnen dies gelänge, dann machen es bestimmt bald andere nach, meint sie: „Und schon kommt es wieder in Mode!“ Ionuc ist Schreiner und hat eine eigene Werkstatt, wie sein Bruder Mihai, der gerade in Italien ein selbstgefertigtes  Holzkirchlein aufstellt.  Auch Ionuc sucht die Umgebung nach alten Häusern ab, die es wert sind, gerettet zu werden.

Verlorener Zugang zum Holz

Auf dem Weg nach Glod nehmen wir zwei Frauen in Trachten mit, die von der Kirche kommen. Auf die Frage, wie sie wohnen, verraten sie kichernd: Auch sie haben ein Haus „cu etaj“. Dann, mit einer Portion Selbstironie: „Aber wohnen tun wir in der Coliba!“  „Ein Holzhaus ist warm“ und „Eiche hält ewig“, belehren uns die Leute. „Sie wird hart wie Stahl mit der Zeit“. „Da bringst du keinen Nagel mehr rein!“ Es stimmt: Ein Loch für eine Leitung zu sägen, ist Schwerstarbeit.
Warum nicht moderne Holzhäuser bauen – größer und mit Stockwerk? Die meisten Männer geben zu: Es sind die Frauen, die auf modernen Materialien bestehen! Andere argumentieren: Die Eichenwälder sind abgeholzt und ins Ausland verscherbelt, die Kunst des richtigen Holzschlagens längst verloren. Man nimmt sich keine Zeit mehr, das Holz richtig zu trocknen. Der Pfarrer in Ieud verrät: Bauholz wurde früher nur bei Vollmond im Dezember oder Januar geschlagen, wenn der Saft der Bäume tief in die Wurzeln hinabgestiegen ist. Es war eine heilige Handlung, auf die man sich spirituell vorbereiteten musste. 

Für Toader Bărsan hat Holz noch immer etwas Spirituelles. Der Sohn des berühmten gleichnamigen Schnitzers aus Bărsana ist eigentlich Mathematiklehrer. Doch statt den Schülern Arithmetik beizubringen, schnitzt er im Atelier seines Vaters und macht Kurse für gestresste Städter. Während er an einem überlebensgroßen Jesus arbeitet, sehen wir uns um: Gewaltige Holztore. Ketten mit beweglichen Gliedern, aus einem einzigen Stück Holz entstanden. Spindeln, so komplex, dass das Gebilde nicht mehr zusammengesetzt werden kann, wenn es – durch Ziehen an einem bestimmten Teil - auseinanderfällt. Hier spürt man Respekt vor dem Holz.

Hoffnungsschimmer

Mit den Dächern fing es an in der Maramuresch: Schleichend eroberten sich Eternit und Wellplastik ihren Platz. Dann kamen die Villen aus Gasbeton. Die Kirche tat es den Menschen gleich: Nüchterne, monumentale „Kathedralen“ stellten die kleinen, gemütlichen Holzkirchlein buchstäblich in den Schatten. Ihre Rettung ist allein das Denkmalschutzgesetz. Was vielerorts geblieben ist, sind die geschnitzten Tore. Alte oder sogar neue, ebenso kunstvoll, ebenso monumental. Vor besonders schönen Exemplaren bleiben die Reisebusse stehen: Fotostopp!

Langsam entdecken ganze Dörfer ihre Traditionen wieder: In Glod geht man geschlossen in Trachten zur Kirche, seit der junge Pfarrer dies angeregt hat. Auch an anderen Orten setzt sich die Tracht für den Kirchgang wieder durch. Touristen sind begeistert, auch wenn – oder gerade weil - es kein Touristenspektakel ist! Ein Glück auch, dass die Perversion in Richtung Modernismus die übrigen Werte - Gastfreundschaft, großartige traditionelle Küche – noch nicht erfasst hat. Was erhalten bleiben soll, muss oft erst Wertschätzung von außen erfahren. So wählen auch wir auf Reisen authentische Pensionen. Nicht nur, damit wir uns zuhause fühlen - sondern als Botschaft. Es ist das Vermächtnis unseres Maramuresch-Häuschens, das nicht als Brennholz oder Parkett enden wollte – und die Menschen in ihren Betonburgen ringsum nun zum Nachdenken bringt.

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