Die Vorteile der Regionalisierung

Landtagspräsident Thomas Widmann über die autonome Provinz Trentino-Südtirol

Montag, 16. November 2015

Der Südtiroler Landtagspräsident Thomas Widmann berichtete in Temeswar über die autonome Provinz Trentino-Südtirol.
Foto: Zoltán Pázmány

„Die Politiker können vor Ort viel besser kontrolliert werden“, ist Thomas Widmann, Landtagspräsident der autonomen Provinz Trentino-Südtirol, überzeugt. Nur zwei-drei Korruptionsfälle seien in den vergangenen Jahren in der Südtiroler Politik aufgedeckt worden, dabei habe es sich allerdings um keine bedeutenden Summen, sondern lediglich um 2-3000 Euro gehandelt. Deswegen sagt der Agrarwissenschaftler: „Regionalisierung ist immer besser als Zentralstaat“.Vor Kurzem war der Südtiroler Landtagspräsident in Temeswar/Timişoara zu Gast, um an der West-Universität einen Vortrag über die wohlhabendste Region Italiens zu halten. Die Region Trentino-Südtirol liegt im Herzen der Alpen und ist mit ihren 530.000 Einwohnern eine der Regionen mit der besten Lebensqualität in Europa. Die Region erfreut sich einer Sonderautonomie, die durch das österreichisch-italienische Abkommen aus dem Jahr 1946 beschlossen wurde. Das war das sogenannte erste Autonomiestatut der Region, denn eine Autonomie eines Grenzgebiets wie Trentino-Südtirol kann nicht von heute auf morgen entstehen. „In den Jahren 1972 – 1992 wurde das zweite Autonomiepaket umgesetzt“, sagte Thomas Widmann. „Unser Statut kann ohne die Zustimmung Österreichs nicht geändert werden“, fuhr er fort. Eine jahrhundertealte Geschichte, Traditionen, Sitten, Bräuche und Regeln, die trotz politischer und sozialer Umstürze bewahrt wurden: Darauf basiert die Autonomie der Provinz.

Gerade die Tatsache, dass sich die Trentiner und Südtiroler selbst regieren dürfen, würde der Region zu ihrem Wohlstand verhelfen. Das Geld, das in der Region erwirtschaftet wird, bleibt auch da, betonte Thomas Widmann. Ungefähr 90 Prozent der Steuern bleiben also in Trentino-Südtirol, die restlichen zehn Prozent gehen nach Rom. „Viele Firmen aus Deutschland kamen nach Südtirol. In unserer Region beträgt die Arbeitslosigkeit ungefähr 3,3 Prozent“, sagte der Landtagspräsident, der auch unterstrich, dass die Wirtschaftskrise die Region nur „gestreift“ habe. Im Süden Italiens liegt die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 20-30 Prozent – ein enormer Unterschied zu Südtirol. 13.000 Betriebe mit 44.000 Beschäftigen gibt es in der Region. „Die duale Berufsausbildung geht bei uns bis zur Matura und ist sogar bis zum Universitätsstudium durchlässig“, sagte Widmann. „Unsere Handwerksstrukturen sind auf einem Top-Niveau“, fügte er hinzu.

Die Haupteinnahmequelle in der Südtiroler Wirtschaft sei der Tourismus. Sechs Millionen Touristen kommen jährlich nach Südtirol, diese bringen dem Raum einen Umsatz von drei Milliarden Euro ein. Etwa 29 Millionen Übernachtungen werden jährlich in Trentino-Südtirol verzeichnet. „Nur zum Vergleich: Das ist doppelt so viel wie Ägypten, vier Mal so viel wie Tunesien und zusammen mit Nordtirol genau so viel wie Griechenland“, versuchte Widmann, die Zahlen zu veranschaulichen. Die Region setzt vor allem auf einen Natur- und Familientourismus. Eine Besonderheit der autonomen Provinz Trentino-Südtirol: Sie ist mit einem Marktanteil von elf Prozent der größte Apfelproduzent Europas. „Dies ist vor allem unserer speziellen Lagertechnik zu verdanken“, erklärte der Landtagspräsident. Dennoch meinte Widmann, dass das Land mehr für die Investitionen und für die Bildung machen könnte. „Wir sind uns oft nicht bewusst, wo unser Wohlstand herkommt. Wir werden fett und faul, und dann überholt uns die ganze Welt“, sagte Widmann, der sich für den Erhalt der Autonomie Südtirols stark macht. Auch würde er die Einführung der Doppelstaatsbürgerschaft (österreichisch und italienisch) für Südtiroler begrüßen. Auf die Frage, ob das nicht etwa zu mehr Grenzen in Europa führen könnte, antwortete Widmann überzeugt: „Die Doppelstaatsbürgerschaft ist etwas Symbolisches“. Womöglich könne dadurch auch ein Signal an zentralistisch orientierte Politiker gesendet werden. Ganz nach dem Motto: „Unsere Autonomie darf nicht angetastet werden“.


Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 20.11 2015, 23:07
das Problem ist nur, dass allein die Worte "Regionalisierung" oder "Autonomie" in Bukarest zu Tobsuchtsanfällen führen.

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