Die wahre Macht der Poesie

Über die literarische „Aktionsgruppe Banat“ – oder vom Verdrehen der Worte im Kommunismus,bis am Ende „politischer Widerstand“ herauskommt...

Samstag, 13. Januar 2018

Johann Lippet

Werner Kremm moderierte die Diskussion im Bukarester Schillerhaus.

William Totok (rechts vorne) und Cristian Amza (links)
Fotos: George Dumitriu

„Das Beste, was ein Lehrer seinen Schülern beibringen kann, ist eigenständiges Denken”. Ihre Deutschlehrerin (Anm.d.Red.: Dorothea Götz) sei hierfür ein Beispiel gewesen, begeistert sich der Journalist und Schriftsteller Werner Kremm: „Dank ihr sind wir geworden, was wir heute sind.” Sein Blick wandert bestätigend zu William Totok, dann zu Johann Lippet. In der fünften Klasse hatten sich die drei Herren kennengelernt: „Wir waren Freunde von Anfang an“. Heute diskutieren sie als Zeitzeugen eines kurzen, aber intensiven Phänomens, eines Lehrstücks der Geschichte, gegründet am 2. April 1972 von ein paar ambitionierten Schülern: die literarische „Aktionsgruppe Banat“.
 

Was sich etwas missverständlich Aktionsgruppe nannte, war eigentlich ein Zusammenschluss schriftstellerisch begabter Schüler der deutschen Minderheit in Temeswar, voller Pläne und Ideen, ungebremst und unangepasst – „Störenfriede“ im sozialistischen System, gewiss, doch keineswegs mit der Absicht zum politischen Widerstand. Mutig folgten sie ihren Idealen, setzten ihren jugendlichen Elan in Bewegung, traten aus dem Schatten einer gleichmacherischen Gesellschaft heraus und teilten ihren Unmut freizügig durch Austeilen von verbalen Kopfnüssen mit. Zivilcourage würde man das heute nennen - und anfügen: „Leider gibt es viel zu wenig davon!“

Damals konnte das nicht gutgehen... Nur drei Jahre später war die Gruppe nach wiederholten Repressalien der Securitate gegen einige Mitglieder 1975 genötigt worden, sich offiziell als aufgelöst zu erklären. Die neun Gründungsmitglieder - Albert Bohn, Rolf Bossert, Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok, Richard Wagner und Ernest Wichner - traten geschlossen zum Adam-Müller-Guttenbrunn Literaturzirkel über.

Die „Aktionsgruppe Banat“ war tot. Zunächst. Oder zumindest mundtot, nachdem man ihren Mitgliedern die Worte so lange im Mund herumgedreht hatte, bis immer nur „politischer Widerstand“ herauskam... Doch eigentlich nur scheintot, denn die Energie, die sie gespeist hatte, suchte sich bloß neue Kanäle. Heute sind fast alle Gründungsmitglieder, ob in Deutschland oder hierzulande, als Größen der rumäniendeutschen Literatur bekannt. Im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ reflektieren Werner Kremm, Hans Lippet und William Totok diese spannende Zeit im Nachgang des am 22. November 2017 vorgeführten Dokumentarfilms von Cristian Amza (TVR2) über die „Aktionsgruppe Banat“: „Pe treptele vântului” („Auf den Stufen des Windes“) . Freilich dürfen auch literarische Kostproben nicht fehlen!

Wie der Phönix aus der Asche

Stockholm, 10. Dezember 2009: In ihrer Rede zum Empfang des Nobelpreises für Literatur im schwedischen Königspalast erinnert Herta Müller vor 1300 Gästen an die Mitglieder der „Aktionsgruppe Banat”. Ohne sie, eine Handvoll junger Dichter, hätte sie keine Bücher gelesen - und erst recht keine geschrieben, bekennt Müller. “Diese Freunde waren lebensnotwendig. Ohne sie hätte ich die Repressalien nicht ausgehalten.“ Die Stimme der Banater Schwäbin dringt in die Welt hinaus, weckt Aufmerksamkeit für Rumäniens kommunistische Geschichte, leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses düsteren Teils der Vergangenheit.

Was Herta Müller mit der Aktionsgruppe verbindet, ist nicht nur ein Lebensabschnitt in der Ehe mit Richard Wagner oder die Tatsache, dass auch sie in dem literarischen Adam-Müller-Guttenbrunn Verein wirkte. In einer kritischen Phase hatte sie offenbar, obwohl selbst kein Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“, dort den nötigen Mut und Rückhalt für ihr literarisches Lebenswerk gefunden.

Die Gruppe junger Intellektueller faszinierte, provozierte - und störte. Schließlich wurde sie selbst aufgestört – Abhöraktionen, Verfolgungen, Repressalien, Verhaftung - und zerstört. Hatte sich der Aufwand, in den Vordergrund zu treten und mit Ideen anzuecken, gelohnt? Oder war es ein Kampf gegen Windmühlen? Eine Frage, aktueller denn je, auch für die heutige Jugend: Lohnt es sich, Flagge zu zeigen – oder kommt ohnehin alles wie es kommen muss? Nicht immer fällt der Lohn in der erwarteten Währung an. Nicht immer wird pünktlich bezahlt...
So auch im Fall der „Aktionsgruppe Banat“: Wie ein Phönix hebt Müller sie aus der Asche, 37 Jahre später, vor den Augen der Welt. Danach ist sie nicht mehr totzukriegen, das Sujet fasziniert auch im Nachhinein. 2012 wird die „Aktionsgruppe Banat“ sogar als Thema für eine Konferenz des Münchner Instituts für Deutsche Geschichte und Kultur Südosteuropas in Temeswar auserkoren. Zeitgeschichte - und doch zeitlos, ihre literarischen Ergüsse sind bis heute höchstes Lesevergnügen.

Eigenständig denken

Was hat die Aktionsgruppe bewirkt? Was wollte sie überhaupt? „Wir haben Marx und Engels gelesen, und es war ein Unterschied, ob man sie auf Deutsch oder Rumänisch las“ erzählt Werner Kremm. „Wir suchten Fehler im Denken, mit ehrlichem Gedanken, das System zu verbessern“, fügt er an. Man las, korrigierte einander, aber nie mit dem Gedanken, den Autor zu ärgern, sondern um ihn zu unterstützen im Bemühen um Verbesserung. Gefragt waren eigenständiges Denken und ein virtuoser Umgang mit der Sprache.

Eine unkonventionelle Literatur wollte man ins Leben rufen, erinnert sich William Totok. Sich engagieren, im wahrsten Sinne des Wortes - nicht so wie der Angestellte (rum.: angajat), als solcher per Definition zwar engagiert (angajat), doch nicht immer wirklich engagiert... Wortspiele, wie im gemeinsamen Gedicht „Engagiert sein“, werden zum Mittel für eine sozialkritische Debatte.

Wer über Witz und eine scharfe Beobachtungsgabe verfügt, kann der Gesellschaft mit minimalistischem Worteinsatz geschickt den Spiegel vorhalten: „Wir haben die Verhältnisse erkannt“, provoziert Richard Wagner:
 

dialektik...
 

wir haben die verhältnisse erkannt / wir haben beschlossen sie zu verändern / wir haben sie verändert / dann kamen andere / die haben die veränderten verhältnisse erkannt und haben beschlossen sie zu verändern / sie haben die veränderten verhältnisse verändert / dann kamen andere / die haben die veränderten veränderten verhältnisse erkannt und haben beschlossen sie zu verändern / dann kamen andere.
 

„Ein subversiver Stil war schon, wenn man den üblichen glorifizierenden Stil nicht mitmachte“, erklärt Werner Kremm die Schwierigkeiten mit dem System. Man musste vorsichtig sein. Rolf Bossert übt sich darin:

Gedicht, vielleicht
 

Es reimt sich so schön in seinen Gedichten. / Versmaß okay in seinen Gedichten. / Jeder vor ihm hätte sie schreiben können, seine Gedichte. /Tangent zum Plagiat, seine Gedichte? / Nein, nur Tradition in seinen Gedichten. / Warum nennt er sie Gedichte? / Der Tradition zuliebe. /Das soll alles nicht heißen, dass ich jetzt ein Gedicht geschrieben habe.

Gesellschaftliches Engagement

Am 14. Mai 1972 erwähnt Horst Weber, Redakteur der Hermannstädter Zeitschrift „Die Woche“, die Initiative der jungen Schriftsteller in einem Artikel mit dem Titel „Die Aktionsgruppe“. In ihrer Naivität akzeptierten die Schüler den Namen, dem sie noch „Banat“ hinzufügten, ohne auch nur daran zu denken, dass er antikommunistisch ausgelegt werden könnte. Unter der Rubrik “Am Anfang war das Gespräch” veröffentlichten sie fortan wöchentlich ihre Gedanken - zuerst auf der Schülerseite der Neuen Banater Zeitung, später unter dem Titel „Diskussionskreis des studentischen Kulturhauses in Temeswar” in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur”. „Wir sind die ersten Schriftsteller im Kommunismus”, schreibt Richard Wagner anfangs enthusiastisch. Und fordert: „Wir müssen unsere Beziehung zu unserer Umwelt methodisch überdenken.”

Sie wollten über die Realität im Kommunismus schreiben, doch nicht deformiert in offizieller Schönfärberei, erläutert Werner Kremm. Ihre Ideologie orientierte sich an der linken, undogmatischen Literatur des Westens, inspiriert von Bertolt Brecht, den avantgardistischen Experimenten der „Wiener Gruppe“, der Lyrik der Rockmusik. Junge Leute anzuziehen mit ähnlichen Interessen war ihr erklärtes Ziel: “Bald waren wir eine Institution in Temeswar. Wir haben alle jungen Leute der Zeit beeinflusst”, freut sich Kremm.

Im Film erklärt Universitätsprofessor und Autor Dr. Daniel Vighi (West Universität): „Diese Art der Vision war wichtig - wichtiger als der eigentliche Effekt! Sie träumten von einer Welt, zu der sie keinen Zugang hatten - Freiheit!”

Wie frei sind die Gedanken?

„Die Gedanken sind frei“, der Refrain des bekannten Liedes zieht sich als Motto durch den Film. Wie frei aber sind Worte? Wie frei kann - darf - man in sie hineininterpretieren, von beiden – konträren – Seiten, und sei es nur ein Gedicht? Das folgende von Rolf Bossert ist zeitlos, weil wundervoll ironisch. Vor allem aber zeigt es die wahre Macht der Poesie...
 

24. september 1977
 

ich bin verheiratet und habe zwei kinder meine frau lehrt deutsch als fremdsprache ich auch wir bewohnen zwei zimmer einer dreizimmerwohnung das kleine zimmer ist sieben komma siebenundachtzig quadratmeter groß das große zimmer neun komma achtunachtzig quadratmeter groß das größte zimmer der wohnung ist vierzehn komma neunundsechzig quadratmeter groß wir wohnen nicht darin es ist abgesperrt meist steht es leer aber im winter wohnt ein altes ehepaar in dem zimmer so sparen die leut holz bei sich zuhause auf dem dorf oft kommen am wochenende unbekannte familien mit kindern die höhenluft tut den kleinen gut die dreizimmerwohnung liegt im schönen luftkurort busteni küche badezimmer und klo werden von vielen personen benützt nur der balkon liegt an der sonnensetie er gehört zum dritten zimmer ich darf ihn nicht betreten / ich habe ans wohnungsamt geschrieben / an den volksrat / an die zeitung / ich habe bei vielen genossen vorgesprochen / nun schreibe ich ein gedicht / ich habe unbegrenztes vertrauen / in die macht der poesie
21. dezember 1977 / dieser text ist unveröffentlicht gestern bekamen die alten zwei zimmer in einer villa wir bekamen den schlüssel zum dritten zimmer womit bewiesen ist dass auch unveröffentlichte gedichte die realität aus der sie schöpfen verändern können ich werde noch gedichte schreiben

Kommentare zu diesem Artikel

Elisabeth, 15.01 2018, 22:58
Wer in den Jahren der Diktatur veröffentlichen durfte (ich reiste 1980 aus) ob Bücher, ob Artikel oder Gedichte in den damaligen deutschsprachigen Zeitungen Rumäniens, wer zwischen dem kommunistischen Rumänien, während Ceausescus Diktatur, und der Bundesrepublik Deutschand als Tourist pendeln durfte, der gehörte zu den Privilegierten der Partei.
Diese Privilegien passen, irgendwie, nicht zu Abhöraktionen, Repressalien, Verhaftungen.
Was sind dann absolutes Ausreiseverbot, selbst in damalige "kommunistische Bruderstaaten", absolutes Veröffentlichungsverbot, teilweise wöchentliches Vorsprechen bei der Geheimpolizei, eine Diplomarbeit vor dem Staatsexamen, obwohl
von der Dozentin freigegeben, ein zweites Mal geschrieben werden musste, weil ich keine Mitarbeit mit der Geheimpolizei unterschrieben habe, niemals, während andere, die kaum dem Unterricht beiwohnten, noch Höchstnoten bekamen, so als Dankeschön für ihre Spitzeltätigkeiten, ihre Treue und Aktivitäten im Sinne der Partei.
Es wäre mal Zeit, sich auf die Seite der Wahrheit zu stellen. Vor allem, mal endlich die Namen der wahrhaftigen Kämpfer gegen Ceausescus Diktatur zu nennen, die monatelang im Gefängnis saßen, nicht die Privilegien einer "Literaturpreisträgerin" genießen durften.
Ich finde es beschämend, dass man die damaligen Begebenheiten in die falsche Richtung lenkt, dem Leser nicht die Wahrheit präsentiert.
Mich würde es nur interessieren, ob die Autoren, die veröffentlichen durften, in Rumänien, zur Zeit Ceausescus, diesen Abhöraktionen, Repressalien, Verfolgungen, vor oder nach den Veröffentlichungen ihrer Bücher, Artikel, Gedichte - in den dortigen deutschsprachigen Zeitungen - unterzogen wurden...
Wolfgang, 13.01 2018, 12:05
Liebe Frau May,
danke für den guten und aufschlussreichen Artikel. Als Deutschlehrer in Kronstadt von 1970-76 (Ausreise) habe ich mit großem Interesse die damaligen Entwicklungen verfolgt. Mit Weber, Maurer etc. war ich noch vorher in Klausenburg befreundet. Mit Totok arbeitete ich später bei der "Halbjahresschrift", die sich übrigens eine Wiederbelebung erfreut

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