Die Weiße Lagune und andere Reisestationen

Reiseprosa von Joachim Wittstock in einem Band erschienen

Sonntag, 19. Juni 2016

Joachim Wittstock: „Die Weiße Lagune und andere Reise-stationen – Reiseprosa“, hora verlag Hermannstadt/Sibiu 2016

„Reiseprosa“ steht erklärend unter dem Haupttitel des Umschlags, das klingt auf den ersten Blick eher nüchtern. Doch die real angelaufenen Reisestationen verwandeln sich bisweilen in Schauplätze fiktionalen Geschehens oder sind Auslöser lyrischer Betrachtungen. Reiseliteratur im touristischen Sinne darf man von Joachim Wittstock nicht erwarten. Als Autor mit scharfem Blick und wissbegierig sieht er sich; ganz in der Tradition der italienischen Reise von Wolfgang von Goethe.

Die klassischen Reisedestinationen in Griechenland, Italien und Israel geht er an mit dieser Melange aus vorurteilsfreier Belesenheit und Offenheit auch gegenüber den kleinsten Dingen, selbst den Weinreben am Wegesrand. Diese Anthologie aus teils veröffentlichten Texten (z. B. im „Deutschen Jahrbuch für Rumänien“) erschöpft sich jedoch nicht in klugen Beobachtungen und der Erläuterung historischer Hintergründe. Nachgegangen wird auch dem Umstand, dass einige Reiseziele einen Heimatbezug aufweisen, in Beziehung zur eigenen Familie stehen, bisweilen sogar beides.

So wird Rom zum Schauplatz einer erdachten Szene mit den in Siebenbürgen so berühmten Malern Arthur Coulin und Octavian Smigelschi, wobei die Rahmenbedingungen weitestgehend den historischen Fakten entsprechen. Wie hier ist an mancher Stelle ein erläuternder Teil angefügt, und im Anhang findet sich zudem anschauliches Bildmaterial. Ein Stück Heimat in der Fremde finden, so könnte das Leitmotiv lauten. Das kann ein vertrauter Künstlername wie in Rom oder am Schicksalsbrunnen in Stuttgart sein.

Aber auch in Siebenbürgen selbst wird der vom Urgroßvater überlieferten Geschichte auf den Grund gegangen, wie im Grendelsmoor bei Bistritz. Die Vergangenheit, die Erinnerung und der Vergleich zwischen dem heute und dem damals Erlebten beschäftigen ihn immer wieder auf seinen Reisen. Die Weiße Lagune bei Baltschik, ohnehin ein Sehnsuchtsort der Rumänen, oder das Wrack der „Evangelia“ an der Küste vor Costineşti, aber auch in Birthälm werden die Erlebnisse von einst und jetzt gegenübergestellt. Werfen Fragen nach der Zeit auf: Wie die Veränderungen bewerten? Anerkennen, sich lösen? Oder scheinen sie „im Heutigen das Gewesene zu bestätigen“?

Prosatexte und Gedichte stehen in der Erinnerung an Orte für Joachim Wittstock bisweilen ebenso lebendig da wie Personen. Das „Nachtmahl mit Fischen“ von Ion Pillatt in Baltschik, die hier als Mühlengedicht bezeichneten Verse von Achim von Arnim in Wiepersdorf definieren ihm Ort und Zeit. In einer Ausnahmesituation während eines Heimat-Fluges ergreift der Protagonist gar als Dichter Rilke das Wort. In diesem Sinne ist es also ganz natürlich, dass Joachim Wittstock sich zu der Märchennovelle „Peter Gottliebs merkwürdige Reise“ von einer literarischen Vorlage, dem Märchen „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ Adelbert von Chamissos, das er just auf dieser Reise las, inspirieren lässt, um so seine widersprüchlichen Reiseerfahrungen in der Endphase der Ceauşescu-Ära durch die damalige Bundesrepublik Deutschland zu verarbeiten. Die erneute deutsche Veröffentlichung in diesem Band, in dem nebenbei auch eines der Motive – der Schicksalsbrunnen in Stuttgart – näher beleuchtet wird, folgt auf die unlängst in unserer Zeitung vorgestellte rumänische Übersetzung durch Nora Iuga.

Die Erstausgabe 1988 vermied wohl bewusst allzu sinnfällige Erklärungen. Stattdessen eröffnete die Novelle ein Vexierspiel um das Motiv des Schattens, aber auch der Beschattung. In dieser Reisenovelle zwischen Frankfurt und München klingen manche Motive an, die auch den übrigen Geschichten ihren besonderen Charakterzug verleihen. Zwar bewegen ihn Fragen nach der Bedeutung der Heimat, der vielbeschworenen Identität und Gruppenzugehörigkeit und danach, wie viel Anpassung an immer neue Wendungen der Geschichte der Einzelne zu verkraften vermag, doch schafft es – und das ist immer wieder zu spüren – Joachim Wittstock bei aller Dramatik dem Geschehen seine Gelassenheit entgegenzuhalten.

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