Die Welt der Realität und die Welt der Phantasie greifen tief ineinander

Anton-Joseph Ilk über die mythische Erzählwelt der Oberwischauer Zipser

Freitag, 07. September 2012

Der Autor und sein Buch: Anton-Joseph Ilk

Herausgefordert und fasziniert zugleich ist der Leser des – eine vierzigjährige Forschungstätigkeit widerspiegelnden – Buches „Die mythische Erzählwelt des Wassertales. Rolle und Funktion phantastischer Wesen im Leben der altösterreichischen Holzknechte, dargestellt in ihren mündlich überlieferten Erzählungen aus den Waldkarpaten“ von Anton-Joseph Ilk. Sprache herausgefordert, da die authentische Wiedergabe der im Buch vorgeführten mündlichen Überlieferungen dem des Wischaudeutschen nicht mächtigen Leser die Lektüre erschwert, dank aber eben dieser Authentizität wird man in eine mythische und mysteriöse Welt eingeführt und von deren Lebendigkeit und Originalität in ihren Bann gezogen.

Geboren und aufgewachsen in Oberwischau/Vişeu de Sus und seit seiner Kindheit von der phantastischen Erzählwelt seiner Heimatlandschaft gefesselt, schildert uns Anton Josef Ilk aus wissenschaftlicher Sicht, jedoch mit viel Kenntnis und Verständnis die Denk- und Verhaltensweise, beziehungsweise die Gemütswelt einer kleinen ethnischen Bevölkerungsgruppe im heutigen Verwaltungskreis Maramureş.

Hinter der Darstellung der mythischen Erzählwelt, von Erzählgattungen, -motiven und –situationen, hinter der Rollen- und Funktionsermittlung phantastischer Wesen und der Bezugsherstellung zu deren Herkunftsgebieten beziehungsweise zu den gesamteuropäischen Traditionen – ein Ziel, das uns der Autor gleich in der Einführung verrät – verbirgt sich die ganze Siedlungsgeschichte einer kleinen deutschen Minderheit im Norden des heutigen Rumäniens. 

Angesiedelt gegen Ende des 18. Jahrhunderts oberhalb der von Ruthenen bewohnten Ortschaft Russisch-Mokra, gründen die aus dem Salzkammergut (und später aus der Gegend der Hohen Tatra) angeworbenen Waldarbeiter und Holzknechte die Siedlung Deutsch-Mokra. 1778, mit der Gründung des Waldamtes, ziehen sie weiter südwärts und so entsteht die Sekundärsiedlung Oberwischau/Viţeu de Sus/Felsövisó.

Angeworben wegen ihrem Fachwissen und weltweit bekannten handwerklichen Fertigkeiten sollen die Kolonisten die wilde und kaum von Meschenhand berührte, am Zusammenfluss zweier Flüsse liegende Gegend und ihre Naturschätze zugunsten der führenden Mächte der österreichischen Monarchie ausbeuten: Die Wälder roden, die Flüsse flößbar machen, die Salzgewinnung aus den hier liegenden unermesslichen Lagern und den Salztransport in den zentralen Raum der Monarchie ermöglichen.

Die Kolonisten – etwa 221 aus dem Land ob der Enns und etwa 55 aus der Zips – treffen hier in den Holzfällersiedlungen der Waldkarpaten einerseites aufeinander, andererseits aber auch auf andere, sich schon vor ihnen hier befindende Ethnien, wie Ruthenen, Slowaken, Rumänen und Ungarn. Die deutschen Siedler bringen nicht nur ihre Habseligkeiten mit, sonder auch einen vollen Sack seelischen Reichtums: Sitten, Bräuche, Traditionen, Esskultur, Idiome, und nicht zuletzt eine reiche Erzählliteratur.

Die Eigenart der im Laufe der Jahre entwickelten Erzählkultur der Oberwischauer Zipser findet ihren Ursprung eben in dieser gegenseitigen Einflussnahme solch verschiedener Ethnien, hebt Ilk hervor.
Das Verdienst des Autors liegt also nicht nur darin, dass er die real-phantastische Welt des Wassertales/Valea Vaserului ausführlich beschreibt, dass er die Rolle und Funktion von deren Gestalten analysiert, sondern auch darin, dass er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen zipserischer Vorstellungswelt und Erzählkultur der Herkunftsgebiete aufdeckt, dass er die mythische Welt Oberwischauer Zipser, mit all ihren Gestalten und Attributen, gesamteuropäischen Traditionen annähert.

So erfahren wir, um nur ein paar Beispiele zu nennen, dass das Wilde Gjoad des Salzkammergutes im Wassertal als ti Wildi Jåcht mit positiver Rolle ausgestattet sei, da sie der Seele ungetauft verstorbener Kinder zur Taufe verhilft; ti Fåschingmänner werden hier personifiziert und auf ein göttliches Gebot zurückgeführt; tås Wåldweibl wird im Wassertal, im Gegensatz zu seinem Pendant im Salzkammergut, zum idealen Frauentypus.    
Ilk untersucht 26 Gestalten der zipserischen Vorstellungswelt.

Er unterteilt sie in anthropomorphe, anthropozoomorphe, zoomorphe, dämonische, geisterhafte, zwergenähnliche Wesen und Schreckgestalten. Jede Kategorie wird in einem separaten Unterkapitel behandelt. Bei der Anführung der Erzählmotive und -figuren weist Ilk auf das Motif-index of folk-literature des amerikanischen Volkskundlers Stith Thompson.

Die Arbeit basiert auf den im Wassertal aufgezeichneten mündlichen Überlieferungen, die heute in digitalisierter Form im Oberösterreichischen Landesarchiv sowie im Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich und im Oberösterreichischen Volksliedwerk in Linz archiviert und zugänglich sind. Die wissenschaftliche Analyse ist durch die authentische Wiedergabe der Erzählungen aufgelockert. Passagen, die schwer verständlich sind oder der Erklärung bedürfen, werden vom Autor erläutert. Geografische Benennungen führt er dreisprachig auf.

Die abergläubische Erzählwelt der Zipser sei, so in der Argumentation des Autors, auch heute noch lebendig, eben weil sie tief in ihrem Alltag verankert sei und aus dem schöpfe. Die beiden Welten – die der Realität und die der Phantasie – greifen so tief ineinander,  dass eine genaue Trennung der beiden Welten schwierig, ja oft sogar unmöglich ist. Die Vielfältigkeit abergläubischer Vorstellungen sei mit der Multiethnizität zipserischer Siedlungen zu erklären. Ilk bezeichnet das Erzählen im Wassertal als eine existenzielle Komponente des Alltags der hier Lebenden.

Erzählt wird bei allen möglichen Anlässen, im Holzschlag, wo es den Arbeitern Entspannung, aber auch psychische Unterstützung bei der schweren körperlichen Belastung bringen sollte; in der Familie, wo es hauptsächlich der Erziehung der Kinder und Enkelkinder, durch Vermittlung von Lebenswerten, diente. Es bleibt aber ein Element menschlichen Zusammenlebens, das den Alltag bereichert, das ausfüllt, tröstet oder aufmuntert, indem es immer an die jeweilige Situation angepasst wird. Eine Besonderheit des Erzählens im Wassertal ergäbe sich aus der gegenseitigen Beeinflussung der da lebenden ethnischen Gruppen.

Die drei, heute noch für typisch zipserisch gehaltenen Erzählgattungen seien Ti Märaner, Ti Kaskaner und Ti Gschichtn. Während ti Märaner Wunder- und Zaubergeschichten mit fiktionalem Inhalt sind, werden die Begebenheiten der Kaskaner als Erlebnisse des Erzählers oder einer bekannten Person dargestellt. Ti Gschichtn stehen den Schwänken nahe, sie werden frei erfunden, haben meist keinen direkten Bezug zur Wirklichkeit.

Mit der Darstellung fantastischer Gestalten geht eine räumliche und zeitliche Einbettung des Forschungsgegenstandes in den geografischen, kulturgeschichtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmen einher. Räumliche und zeitliche Konturen immer schärfend, führt uns Ilk zunächst in einen weiten Umkreis und zurückliegende Zeiten ein, um anschließend auf dem Spezifikum seines Themas zu beharren.

Ilks Verdienst liegt dabei darin, dass er, obwohl man hinter der Vorstellungswelt der Zipser ein eher archetypisches Dasein vermutet, diese Welt nicht als eine isolierte, von der Zivilisation im Stich gelassene darstellt, sondern dass er immer das Türchen findet und öffnet, wodurch man den Weg zu den gesamteuropäischen Traditionen sieht: das schönste Liebesgedicht der ungarischen Literatur aus der Feder von Sándor Petöfi, die vermutlich höchste Holzkirche der Welt, die weltberühmte Künstlerkolonie um Simon Hollósy, der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, das reiche Vorkommen an Mineralquellen, die an Edelmetallen reichste Region des Landes, der riesengroße Waldbestand, der zur Zeit der Monarchie die ausschließliche Quelle für die Klangkörper der Saiteninstrumente bedeutete, sind nur ein paar Bezugspunkte, die zeigen, dass es sich hier um ein zum europäischen Kulturkreis gehörendes Phänomen handelt.

Und eben deshalb besteht der Beitrag Ilks nicht nur darin, dass er die Beziehung zwischen der zipserischen Kultur- und Vorstellungswelt und den gesamteuropäischen Traditionen herstellt, sondern auch darin, dass er gleichzeitig den europäischen Traditionsraum mit dem zipserischen bereichert. 

Somit bietet die Lektüre des Buchs von Anton Josef Ilk die Möglichkeit, die eigene Kindheit mit all ihren Ängsten und Freuden heraufzubeschwören, die Sitten und Bräuche des eigenen Kulturkreises wiederzuerkennen oder Neues zu entdecken, und dadurch sich selbst und die anderen besser kennenzulernen.

Anton-Joseph Ilk: „Die mythische Erzählwelt des Wassertales. Rolle und Funktion phantastischer Wesen im Leben der altösterreichischen Holzknechte, dargestellt in ihren mündlich überlieferten Erzählungen aus den Waldkarpaten, Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich, Linz 2010, 396 S.

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