Die Welt der Stille

Hermannstädter Gehörlosenschule – Ein Blick hinter das eiserne Tor

Sonntag, 14. Juli 2013

Die Zweit- und Drittklässler mit ihren Lehrerinnen nach dem erfolgreichen Tanzauftritt im Schulhof.

Die Schule, gesehen vom Dach des neuen Gebäudes der Astra-Bibliothek.

In diesem Labor, das nach dem letzten Stand der Technik ausgestattet ist, wird der Hörverlustgrad festgestellt.
Fotos: Andrey Kolobov

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der vollkommene Stille herrscht. Eine Welt ohne Musik, ohne das Rauschen des Windes, ohne das Plätschern des Wassers, ohne das Zwitschern der Vögel, ohne Weinen, aber auch ohne Lachen. Eine Welt, die mit jedem Augenblinzeln für einen Bruchteil der Sekunde dem Beobachter entschwindet. Eine Welt, die mit geschlossenen Augen nicht existiert. Diese Welt gibt es aber. Nicht in einem Sciencefiction-Buch oder auf einem weit entfernten Planeten. Es gibt sie hier, mitten unter uns.

Ein aufmerksamer Beobachter trifft auch in Hermannstadt/Sibiu auf diese Welt. Nicht selten sieht man kleinere oder größeren Gruppen von Menschen in der Fußgängerzone, die sich von den üblichen Mitbürgern unterscheiden. Ihre Gespräche und Diskussionen verlaufen in fast vollkommener Stille, ausschließlich mit Mimik und Gestik. Nicht unbedingt, weil sie nicht sprechen können, sondern weil ihre Gesprächspartner sie nicht hören. Es sind Menschen wie Sie und ich, mit ihren Problemen, Freuden und ihrem Alltag, der zwar ganz „normal“ verläuft, sich aber von dem der Hörenden unterscheidet. Eine ganz besondere Gruppe innerhalb der Gemeinschaft der Gehörlosen stellen die Kinder dar. Sie ziehen meistens die neugierigen Blicke der Passanten oder der Biergartenkunden, wenn sie „lauthals“ gestikulierend durch die Heltauergasse/Str. Bălcescu ziehen.

Für viele Hermannstädter ist es wahrscheinlich kein Geheimnis, dass sich zwischen den beiden Gebäuden der Astra-Bibliothek eine der landesweit 13 Gehörlosenschulen befindet. Nach Meinung vieler, die auf solche Schulen angewiesen sind, die beste Schule des Landes. Die Tatsache, dass in der Schule Kinder aus 28 Verwaltungskreisen die Bank drücken, bestätigt diese Meinung. Obwohl ich von ihrer Existenz wusste, brachte mich ein Zufall auf den Wunsch, mehr über diese Schule erfahren zu wollen: Ein Sommerregen während des Theaterfestivals führte eine Gruppe Zweit- und Drittklässler und mich im Toreingang eines Hauses zusammen.

Das umzäunte Leben

Ein eiserner Zaun trennt den Schulhof vom alltäglichen Treiben im Astra-Park. In den Pausen und am Nachmittag schwärmen die Schüler in den Hof. Doch ihre Anwesenheit wird kaum bemerkt: Der Geräuschpegel steigt im Unterschied zu den anderen Schulhöfen kaum. Und das, obwohl 125 Kinder die Schule und den Kindergarten besuchen.

Das 1886 errichtete Gebäude beherbergte im Laufe der Geschichte eine Volksschule für Mädchen, danach ein Lyzeum, später, während der Kriegsjahre, das Mädcheninternat der Universität Klausenburg/Cluj. Seit 1954 wurde darin die Schule für Mädchen mit Hörstörungen eröffnet. Erst später durften auch Jungen diese Bildungsstätte besuchen. Seit 2006 funktioniert die Einrichtung, zum Leidwesen der Schulleitung, als Zentrum für Inklusive Bildung Nr. 2. Neben den zehn Schulklassen für Gehörlose gibt es nun vier Kindergartengruppen: eine für Kinder mit Cochleaimplantat, eine für solche mit Hörproblemen und zwei für jene mit autistischen Störungen. Sowohl die Kindergartengruppen als auch die Schulklassen bestehen aus höchstens einem Dutzend Kinder. Davon ausgenommen ist die Sonderklasse für Blinde, die aus vier Kindern besteht.

Für die 80 Schüler ist die Schule im wahren Sinne des Wortes ein zweites Zuhause: Sie leben die meiste Zeit des Jahres im angeschlossenen Internat. „Viele Eltern haben die Möglichkeit nicht, ihre Sprösslinge am Wochenende zu besuchen oder gar nach Hause zu holen. Kein Wunder, wenn man die Streuung der Herkunftsorte bedenkt, die von Orschowa/Orşova bis Botoşani reicht“, erzählt die stellvertretende Schulleiterin Cornelia Posa. Die Jungen bewohnen zwei große Schlafsäle. Den Mädchen stehen sechs kleinere Schlafräume in der Mansarde zur Verfügung. „Nur über die Ferien müssen die Kinder nach Hause fahren, denn für diese Zeitspanne gibt es keine Finanzierung seitens des Staates“, sagt Posa. Ein kleiner Vergleich sei an dieser Stelle angebracht: Der Staat zahlt elf Lei pro Tag für drei Mahlzeiten und zwei Imbisse für jedes Kind, den Strafgefangenen werden 25 Lei pro Tag veranschlagt.

Der Schulalltag

Die Arbeit mit einem Kind, das Hörprobleme aufweist, beginnt mit der Feststellung von Grad und Art des Gehörverlustes. Abhängig davon wird entweder das Tragen von einem Hörgerät oder die Implantation einer Cochlea-Hörprothese empfohlen. Danach wird ein langer Weg des Lernens von Kommunikation beschritten. Die Gebärdensprache stellt immer noch eine nicht zu unterschätzende Kommunikationsmöglichkeit dar, obwohl die weltweite Tendenz zur Förderung der Lautsprache neigt. „Zuerst muss ein Kind begreifen, was rot, was blau, was kalt oder warm bedeutet. Hierbei geht es nicht ohne die altbewährte  Gebärdensprache“, behauptet Lehrerin Posa.

Das Schulprogramm in der Gehörlosenschule unterscheidet sich von dem der „normalen“ Schulen. So wird zum Beispiel das kleine Einmaleins erst in der dritten Klasse durchgenommen, weil das Schulprogramm es so vorschreibt. Schwierigkeiten ergeben sich bei den Prüfungen. Es gibt keine Sonderthemen für die Gehörlosenschulen. Am Ende der achten Klasse müssen die Schüler die Prüfungen mit nationaler Auswertung bestehen, obwohl sie besonders mit den abstrakten Subjekten große Probleme haben. „Die Gebärdensprache lässt für die abstrakten Begriffe und Füllwörter nicht viel Platz“, so Posa. Umso stolzer sind die Lehrer auf ihre Schüler, wenn sie Erfolge aufweisen können. Die Hermannstädter wurden im Vorjahr mit einem Preis beim nationalen Wettbewerb für Sicherheit im Internet ausgezeichnet – und das, obwohl Informatik nur eine Stunde in der Woche unterrichtet wird.

Nach dem Abschluss der achten Klasse müssen die Schüler ihre gewohnte Umgebung verlassen. Die Eltern, aber auch die Schulleitung, wünschen die Fortsetzung des Schulprogramms bis zur zwölften Klasse, jedoch fehlt der Schule ganz banal der Platz dafür. Nur wenige Absolventen besuchen die „normalen“ Lyzeen weiter. Die meisten gehen zu Berufsschulen für Gehörlose nach Klausenburg/Cluj-Napoca oder Craiova. „Die Gehörlosen sind sehr gut im Ausführen von Aufgaben. Sie sind fleißig, weil sie wissen, dass sie sich gegen die Hörenden behaupten müssen“, meint Posa. Unter ihnen gibt es Beispiele, welche die anderen anspornen können.

In der Welt der Hörenden

Ein taubes Kind ist in erster Linie für die hörenden Eltern ein Problem. Oftmals reagieren sie mit Ablehnung, im besten Fall akzeptieren sie die Andersartigkeit. Für beide Seiten bedeutet es, die Kommunikation zu erlernen. Dabei helfen die Lehrer, von denen die meisten eine psychologische Ausbildung haben. Jedoch stellen Kinder aus gehörlosen Familien das Gros der Schüler dar: Eine der Ursachen der Gehörlosigkeit ist eben die Vererbung. „Viele unserer ehemaligen Schüler kommen nach Jahren mit ihren Kindern wieder zu uns“, erzählt Posa.

Dank der Schule und dem Gemeinschaftsleben im Internat fühlen sich die Kinder gar nicht so „anders“. Hörgeräte oder -implantate geben vielen von ihnen die Möglichkeit, am Leben der Hörenden teilzunehmen. In Hermannstadt sei die Akzeptanz für die Zöglinge der Gehörlosenschule seitens der Gesellschaft sehr hoch. Es habe noch nie irgendwelche Zwischenfälle gegeben, sagte Posa. Nichtsdestotrotz stellen die Gehörlosen eine Randgruppe der Gesellschaft dar. Der Weg zu vielen Berufen bleibt ihnen versperrt. Nicht wenige Schüler kommen aus benachteiligten Familien. In dieser Schule gibt es kein Schulanfangsfest, weil die Eltern mitten im September einfach kein Geld dafür haben.

Das Schulabschlussfest werde hingegen immer groß gefeiert. Lehrerinnen und Erzieher bereiten mit den Kindern ein festliches Programm für die Eltern und wenige Besucher vor. Das hohe Tor zum Astra-Park steht einladend offen. Bei den Tanzaufführungen brauchen besonders die jüngeren Tänzer die Hilfe ihrer hörenden Lehrer, denn sie sind trotz der Hörgeräte mit der Welt der Klänge noch nicht vertraut.

Bedauerlicherweise ist auch diese, in Hermannstadt einzigartige Schule, von den Sparmaßnahmen der Regierung nicht unberührt geblieben. Nachwuchspädagogen stehen nicht gerade Schlange, um hier eine Arbeitsstelle zu bekommen, denn die Arbeit mit den gehörlosen Kindern erweist sich in vielerlei Hinsicht schwieriger als an „normalen“ Schulen und entsprechend entlohnt wird sie nicht. Und: „Unser Arbeitstag beschränkt sich nie auf die gesetzlichen acht Stunden“, bestätigt die stellvertretende Schulleiterin.
Weil die Kinder die meiste Zeit des Jahres im Schulgebäude verbringen, bildet sich hier eine große Familie. Irgendwann aber geht sie wieder auseinander und zerstreut sich im ganzen Land.


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Wie funktinoiert ein Cochleaimplantat?

Das Cochleaimplantat (CI) ist eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert. Das CI besteht aus einem externen Teil (Mikrofon, Sprachprozessor, Batterie und Spule) sowie einem Teil, der implantiert wird. Während eines operativen Eingriffs wird das Elektrodenbündel des Implantats direkt in der scala tympani (Paukentreppe) der Hörschnecke (cochlea), im Innenohr eingesetzt. Der externe Teil des CI regt über einen Magneten die implantierte Spule an, die ihrerseits den Reiz an den Hörnerv weiterleitet.
Nach der Operation ist ein intensives und langes Hörtraining erforderlich. Die elektrischen Reize in der Hörschnecke erzeugen beim CI-Träger individuelle Hörempfindungen. Die Therapie mit dem CI ist in etwa mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichbar.

Die CI-Versorgung von hochgradig schwerhörenden oder gehörlosen Kleinkindern ist im Westen Europas medizinischer Standard. Das CI sorgt im Vergleich zur Hörgeräteversorgung für eine überragende Hör- und Spracherwerbsleistung. Eine Implantation wird vor dem zweiten Lebensjahr empfohlen, da die Resultate mit steigendem Alter schlechter werden.

Die Implantation von CI wird aber auch kritisiert. Die Kritiker befürchten, dass der Einsatz der Gebärdensprache hinter die Förderung der Lautsprache zurückgestellt wird. Ebenso bewerten sie die Propagierung des CI als gezielte Nicht-Akzeptanz von Taubheit. Die Befürworter des CI werden sogar als audistisch bezeichnet. Audismus ist eine Geisteshaltung, die gegen taube und schwerhörige Personen gerichtet ist. Weltweit gibt es rund 300.000 CI-Träger (Stand 31. 12. 2011).

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