Die Welt von George Roşu

Ein junger Künstler aus Kronstadt und die vielen Geschichten hinter seinen Zeichnungen

Sonntag, 05. Oktober 2014

George Roşu bei der Arbeit Foto: privat

Geht es hier um den Unterschied durch diakritische Zeichen? „Masa şi dansul“ – der Tisch und der Tanz - oder „Maşa şi dânsul“ – Mascha und er.

Unübersetzbares rumänisches Wortspiel im Sinne von „in die weite Welt laufen“. Wörtlich: Felder zum Nehmen

Anonyme Stiftung gegen Langeweile in der Kultur. Geschlossen.
Zeichnungen: Facebook George Roşu

Von George Roşu habe ich das erste Mal vor zwei oder drei Jahren gehört. Eine Bekannte aus Hermannstadt kam nach Kronstadt, um ein von einem Künstler bedrucktes T-Shirt für eine Freundin zu kaufen. „Es ist ein George Roşu T-Shirt“ sagte sie stolz. Den Namen sprach sie wie einen Geheimcode aus, als wäre er die coolste Sache, die es überhaupt gibt. „Du weißt doch, dass er aus Kronstadt ist, oder?“ Ich nickte...

... und schämte mich, weil ich nicht wusste, wer George Roşu ist. Dabei fühlte ich mich etwa wie eine Dreizehnjährige, die nicht weiß, was ein I-Phone ist. Die große Lücke in meinem Kopf wurde am nächsten Tag nach einer Google-Suche schnell gefüllt. Mit lauter Wölfen, Katzen, witzigen und bitterbösen Sprüchen, Polaroid-Fotografien, Andersen-Märchen, spontanen Gedanken, blauen Eichhörnchen, Geistern, Pusteblumen, sarkastischen Zeilen, Konfetti  und vielen lustigen Wortspielen. Je mehr Zeichnungen ich im Netz fand, desto mehr wollte ich sehen.

Ein Journalist hat einmal in einem Artikel über George geschrieben: „Wenn man von der Zeitung ist und ein Interview mit ihm machen will, zerbricht man sich den Kopf, indem man sich gescheite Fragen für ihn ausdenkt. Er macht so intelligente Zeichnungen, dass alle Fragen dumm erscheinen werden.“ Es ist wahr. Wenn man George Roşu trifft, hat man  wenig Angst, gemischt mit Bewunderung. Trotzdem antwortet George auf alle Fragen, ob dumm oder nicht, freundlich und offen.

Ein Internet-Phänomen

Eine der schönsten Arten, einen Tag zu beginnen, ist: auf Facebook einzuchecken und zu warten, dass George Roşu etwas postet. Das tut er jeden Morgen. Seine Zeichnungen erhalten innerhalb weniger Minuten Hunderte von Likes. Seine über 5000 Facebook-Fans wünschen sich ein Poster von George an der Zimmertür, seine Zeichnungen als Kühlschrankmagnet, auf einem T-Shirt, auf der Kaffeekanne oder als Geburtstagsgeschenk. Sobald er eine Ausstellung eröffnet, rennen sie hin. Dass die Zeichnungen von George Roşu bei jungen Leuten so gut ankommen, haben auch Unternehmen wie Avon oder Cărtureşti, Verlage wie Vellant, Zeitschriften wie Dilema Veche, Suplimentul de Cultură, Sub 25, Tataia, Decât o Revistă oder Kulturportale wie Liternet.ro eingesehen.

George illustriert und zeichnet für sie, seine Schöpfungskraft ist unermüdlich. 2006 hatte er seinen ersten Blog, nun wird er langsam zum Internet-Phänomen in Rumänien.  George steckt auch hinter vielen jungen Alternativ-Kulturveranstaltungen in Kronstadt. Das „Fatzada“-Festival oder das „12 Stunden Museum“ sind Projekte, die er sich ausgedacht hat.

Der Greuceanu mit Plastiklatschen

Zeichnen und Geschichten erfinden – das tut George, seitdem er sich erinnern kann. Im Zeichnen spezialisierte er sich bei der Kronstädter Volkshochschule. Die Geschichten entstanden, weil er Märchen sehr mochte. Seine Eltern waren nicht immer davon begeistert, dass ihr Sohn den ganzen Tag mit dem Pinsel in der Hand verbrachte. Er sollte lieber lernen. „Die einzige Zeichnung, die meine Mutter gemocht hat, war mit Greuceanu, dem rumänischen Sagenhelden, der Sonne und Mond rettete, nachdem sie gestohlen worden waren. Es war in der Zeit, als ich für die Aufnahmeprüfung am Lyzeum lernte. Es war ein moderner Greuceanu, mit Sonnenbrillen, geblümtem Hemd, Jeans und Plastiklatschen.“ Da es damals noch kein Internet gab, holte er sich die Inspiration aus der Mediathek, aus Bilderbüchern, aus Märchen und aus den Schwarz-Weiß-Fotografien, die zu Hause in Schubladen herumlagen.

Bis vor drei , vier Jahren zeichnete er noch mit Pinsel und Stift, seitdem sind seine Zeichnungen digital und gehen kurz nach dem Entstehen online. George schreibt kleine Bücher, die er selbst illustriert, und zeichnet zu erfundenen, aber auch wirklichen Alltags-Themen. Zu seinen Zeichnungen gehört der Text wie der Deckel zum Topf. „Zuerst habe ich meinen Zeichnungen einen Titel gegeben. Er war wie eine Erklärung der Zeichnung. Dann wurde der Titel immer länger und länger. Er wurde zur Fortsetzung der Zeichnung. Bis zum Schluss wurde er wichtiger als die Zeichnung und es blieb nur der Text. Dann kam wieder eine Zeichnung hinzu. Der Titel war eine Ergänzung. Meiner Meinung nach ist auch die Schrift eine Art Zeichnung, vor allem , wenn mit dem Pinsel geschrieben wird.“

Ausstellungen mit originellen Namen

Schon immer wollte er andere an seinen Werken teilhaben lassen. „Ich kann mich nicht mehr an meine erste Zeichnung erinnern, aber meine erste Ausstellung habe ich im Jahr 2000 in meinem Lyzeum organisiert. Sie hieß ‚Spontaner Anti-Plastik-Protest‘“. Bis zu seinem Internet-Durchbruch folgten viele Ausstellungen in seiner Heimatstadt, die meisten in der Stadtbibliothek. Dann folgten Ausstellungen im ganzen Land. Immer hatten sie ganz ausgefallene Titel. Wie etwa „Being George Roşu“ (eine Anspielung auf den bekannten Film „Being John Malkovich“).

Bei der Ausstellung in der Bukarester Galerie „Aiurart“ mussten die Besucher ihre Köpfe in große Papierballons stecken, um die Werke zu sehen. So, als ob sie plötzlich einen Einblick in Georges Kopf hätten. Eine der Ausstellungen in Kronstadt war „Tagebuch mit Vorsprung“ („Jurnal în avans”). Für diese ließ sich George von den absurden Tageshoroskopen inspirieren, die täglich in den Medien erscheinen. „Ich habe mein Horoskop für den nächsten Monat gelesen und nach den Vorhersagen ein Tagebuch für den nächsten Monat geschrieben. Am Ende gab es eine Reihe von selbst erfundenen Erinnerungen aus der Zukunft“. Die Klausenburger Ausstellung „Meine einzigen Sorgen“ („Singurele mele griji”) hatte als Untertitel  „Beschuldigt, dass er nicht zeichnet, von denen die zeichnen, und dass er nicht schreibt, von denen die schreiben, gesteht George Ro{u: Ja”. Andere Ausstellungen aus Bukarest und Jassy/Iaşi tragen Namen wie „König Blaubart heiratet wieder“ oder „Party mit Zeichnungen, die machen, dass ich noch eingebildeter werde“.
Eher weniger gesellschaftspolitisch

In den Ausstellungen erzählt George über sich selbst. Über Geschenke, die er seinen Freunden machen will, über Filme, die er gesehen hat - meistens sind es erfundene, über die Farbe seiner Lieblingskatze, über die letzte Party, über Gedichte, die er gelesen hat, über seine Phantasiereisen und über verregnete Nachmittage, die er auf der Couch verbringt. Oft setzt er sich mit aktuellen Themen auseinander, wie das Goldbergbauprojekt Ro{ia Montan², das fehlende Kulturleben in Kronstadt, der aus den USA importierte Valentinstag, die Reden der Politiker beim Schulanfang.

Ohne dass er es weiß, impliziert er sich dadurch gesellschaftspolitisch. „Ich glaube, meine Kunst ist weniger gesellschaftspolitisch, als sie scheint. OK, es sind manchmal solche Themen, die ich anspreche, aber ich will nicht unbedingt in diese Richtung gehen“. Deshalb glaubt er kaum, dass er in Zukunft Zeichnungen über den Wahlkampf in Rumänien auf Facebook posten wird. Aber man kann nie wissen. „Ich bin mehr an Märchen interessiert. Entweder ich erzähle bekannte Märchen auf meine Weise, oder ich erfinde neue.“

12 Stunden Museum und „Fatzada“-Festival

Trotzdem impliziert sich George. Wenigstens für das Kulturleben der Stadt, in der er aufgewachsen ist und lebt. Eines seiner Projekte ist das „12 Stunden Museum“, eine Alternative zu der „Langen Nacht der Museen“, die seit einigen Jahren in allen Großstädten Rumäniens organisiert wird. „Bei der ersten langen Nacht der Museen waren die Museen in Kronstadt nur bis 23 Uhr offen. Sie dachten wohl, dass danach niemand mehr kommt. Dann kam mir die Idee, ein Museum zu organisieren, das nur 12 Stunden pro Jahr existiert“. Das erste „12 Stunden Museum“ wurde 2012 am Katharinen-Tor eingerichtet. Vom Abend bis in die frühen Morgenstunden konnten die Besucher Fotografie-und Grafikausstellungen junger Künstler, Kurzfilme und Videoinstallationen bewundern. Das Projekt wird erfolgreich weitergeführt.

Auch das alternative Straßenevent für urbane Kultur, „Fatzada“,  war ursprünglich eine Idee von George. Zeichenworkshops für Kinder, Konzerte, Ausstellungen, Graffiti und Filme verwandelten von 2009 bis 2013 die Spitalsgasse/Strada Postăvarului, beziehungsweise den Marktplatz/Piaţa Sfatului ein Wochenende pro Jahr in ein Open-Air Kulturzentrum. 2014 wurde es nicht mehr organisiert. Aber sicher wird sich George etwas Neues ausdenken.

Unübersetzbare Wortspiele

Außer in Ausstellungen, auf Facebook und in verschiedenen Zeitschriften  können Werke von George Roşu auf Agendas in der Cărtureşti-Buchhandlung und auf Postkarten, die der Verlag „Vellant“ herausgibt, gesehen werden. In Zukunft wird er für den Bukarester Verlag auch Buchillustrationen machen. Bis dahin bekommt er viele Aufträge von Fans. „Es ist nicht gut, wenn der Kunde zu viele Ideen hat. Dann sind es seine eigenen Ideen, und ich will nach meinen Ideen zeichnen. Dann lehne ich sie ab. Aber es kommen auch Leute, deren Ideen mir gefallen. Wie zum Beispiel das Paar aus Temeswar, das sich im Gebirge kennengelernt hat.  Für ihren Jahrestag wollten sie eine Zeichnung von ihnen in den Bergen. Ich habe kein Geld verlangt, weil mir ihre Geschichte gefallen hat.“

Warum sind so viele Leute verrückt nach George Roşu-Werken? „Leute wollen lachen, deshalb mögen sie meine Zeichnungen“, antwortet George. Seine Facebook-Fans kommen auch aus dem Ausland. Obwohl sie den Text nicht verstehen, gefällt ihnen die Zeichnung. George kann gut Deutsch, weil er bis zur achten Klasse das Honterus-Lyzeum besucht hat. Trotzdem schreibt er meistens auf Rumänisch und die Texte aus seinen Zeichnungen können nur schwer ins Deutsche oder Englische übersetzt werden. „Es sind rumänische Wortspiele oder Fakten aus dem rumänischen Alltag, die einfach nicht in eine andere Sprache übertragen werden können.“ Das ist der Grund, weshalb vorläufig keine internationale Ausstellung organisiert werden kann.
Auch jeder Artikel über George kann höchstens neugierig machen auf seinen  Blog oder seine Facebook-Seite. Denn seine Zeichnungen sagen mehr, als tausend Worte jemals könnten.

Facebook:
www.facebook.com/george.rosu

Blog: http://georgerosu.blogspot.ro/

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*