Die Welten Eginald Schlattners und Walther Gottfried Seidners

Phantasie und Wahrheitsgehalt im Schriftwerk evangelischer Pfarrer

Montag, 05. November 2018

Anne Türk-König stellt in den Schriftwerken des Pfarrers und Autors Walther Gottfried Seidner (1938-2018) aufbauende Kritik an dem provinziellen Kleingeist siebenbürgisch-sächsischen Dorflebens fest. Roger Pârvu (rechts) hört interessiert zu.
Foto: der Verfasser

Selbstironisch gewürzte Einblicke in die lebendige Gegenwart und junge Vergangenheit des siebenbürgisch-sächsischen Alltags innerhalb der rumänischen Landesgrenzen, aber auch Ausblicke über den heimatlichen Horizont des Karpatenbogens hinaus in Richtung Weltliteratur prägten die Veranstaltung „Zwischen Kanzel und Schreibpult. Tagung zum Wirken und Werk von Eginald Schlattner und Walther Gottfried Seidner“, die von der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt/Sibiu (ULBS) und der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) am Donnerstag, dem 25. Oktober, und am Freitag, dem 26. Oktober, im Konferenzzentrum „Hans Bernd von Haften“ in Neppendorf/Turnișor veranstaltet wurde. Sieben Referenten hielten sprachwissenschaftlich und geistlich motivierte Vorträge über die Biografien und Gesamtwerke der beiden Pfarrer der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien (EKR) Walther Gottfried Seidner (1938-2018) und Eginald Schlattner (geb. 1933), die sich während der letzten drei Jahrzehnte, nebst dem eigentlichen theo-logischen Beruf, ihren literarischen Autoren-Karrieren gewidmet haben.

Unter den Vortragenden sind Gerhild Rudolf, Leiterin des Kultur- und Begegnungszentrums „Friedrich Teutsch“ in Hermannstadt, Pfarrer Uwe Seidner der evangelischen Kirchengemeinde Wolkendorf/Vulcan im Burzenland/Țara Bârsei, Germanistin Andreea Dumitru, der ehemalige Universitätsdozent Gerhard Konnerth und die Literaturwissenschaftlerin Dozentin Dr. Sunhild Galter zu nennen, die das Thema der Tagung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Am Freitag gab Roger Pârvu, Programmleiter der EAS, den Startschuss zur zweiten Vortragseinheit der Tagung, die am späten Nachmittag des vorherigen Donnerstags eröffnet worden war. Anne Türk-König ging während der Erörterung „...,Und mit Geistesstärke thu ich Wunder auch´..... - Sprachpraxis zwischen Tradition und Moderne im Drama Walther Gottfried Seidners“ auf die Art und Weise ein, wie der im Sommer dieses Jahres in Stolzenburg/Slimnic verstorbene Pfarrer Seidner sich in Werken wie „Der Sherlock Honnes“ oder „Auf Wolke Siebenbürgen. Paradies in der Hölle“ einzelner Wörter des siebenbürgisch-sächsischen Dialektes bedient, um wohlwollende Satiren über den früheren Lebenswandel im evangelisch-dörflichen Siebenbürgen zu schreiben, der allzu deutlich an dem Stichwort Aberglauben mit festzumachen war.

Unmittelbar nach dem Vortrag von Anne Türk-König meldeten sich mehrere Zuhörende anerkennend zu Wort. Gerhard Konnerth gab an, dass das schriftstellerische Werk des Autors Walther Gottfried Seidner als „liebevolle Schelte an unserer siebenbürgischen Gemeinschaft“ aufzufassen sei. Eine geistige Einordnung, die dem Inhalt eines Interviews, das Referentin Anne Türk-König mit dem „Voltaire“ des evangelisch-sächsischen Siebenbürgens geführt und in der Ausgabe Nr. 2570 der „Hermannstädter Zeitung“ unter dem Titel „Aus der Opferhaltung hinausfinden“ am 16. März 2018 veröffentlicht hatte, weitgehend entspricht.

Umfassend und detailreich referierte D. Dr. Christoph Klein über die Lebensgeschichte des Gefängnispfarrers und weltweit bekannten Autors der Romane „Der geköpfte Hahn“, „Rote Handschuhe“ und „Das Klavier im Nebel“ aus Rothberg/Roșia. „Mythische Erinnerungsorte in der Ersonnenen Chronik von Eginald Schlattner in seinem Werk ,Wasserzeichen´“ lautete der Titel des Vortrags von Christoph Klein, der von 1990 bis 2010 als Bischof der EKR gedient hatte. Die Biografien des Altbischofs und des Autors Schlattner belegen eindeutig, dass der von Rothberg aus schriftstellerisch Karriere betreibende Pfarrer der EKR um vier Jahre älter als sein ehemaliger Mentor ist. Christoph Klein zeichnete sprechend und häufig zitierend den vielschichtigen Alltagshorizont Eginald Schlattners nach. Zu den mythischen Erinnerungsorten aus dem Leben Schlattners gehören demnach an erster Stelle das evangelische Gotteshaus Rothberg mitsamt Glockenturm und Kirchhof. Als nicht weniger wichtig betrachte Eginald Schlattner den Friedhof und auch das Zigeunerviertel des Dorfes Rothberg, in dessen unwirtlichen Straßenzügen er seit vielen Jahren persönlich für ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen einsteht.

In seinem Vortrag erläuterte Bischof em. D. Dr. Christoph Klein spezifische Inhalte des autobiografischen Buchtitels „Wasserzeichen“ von Eginald Schlattner anhand eines Vergleichs mit Marcel Prousts siebenteiligem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Während der anschließenden Publikumsdiskussion gaben Dr. Hermann Pitters, ehemaliger Professor für Kirchengeschichte, und D. Dr. Christoph Klein Auszüge aus ihren persönlichen Erfahrungen als Dozenten der Evangelischen Theologie zum Besten. Eginald Schlattner habe sich seinerzeit als erwachsener Quereinsteiger während der Ausbildung zum evangelischen Theologen und Pfarrer als ein ausgesprochen neugierig Fragender in den Vordergrund der Klausuren und Vorlesungen gedrängt. Retrospektiv sind Hermann Pitters und Christoph Klein erfreut darüber, Eginald Schlattner unterrichtet zu haben.

In den Reihen des interessierten Publikums hatte sich Christa Richter wiedergefunden, eine in Bukarest und Siebenbürgen bekannte Rundfunkautorin und begeisterte Zuhörerin zahlreicher Veranstaltungen siebenbürgisch-sächsischer Zuordnung. In Anlehnung an Eginald Schlattners Bezug zum Zigeunertum meldete sie sich eifrig mit einem Zitat des Historikers Neagu Djuvara zu Wort, der am Horizont den geistigen Untergang westeuropäischer Kultur als Folge des globalen Migrationsdruckes erkannt haben soll. Laut Djuvara stehe Rumänien vor einem reellen Szenario, das apokalyptisch besagt, dass das Land in etwa zweihundert bis dreihundert Jahren vollständig „verzigeunert“ sein wird, gab Christa Richter wieder. Beunruhigend führte sie die trübe Zukunftsvision Neagu Djuvaras ins Feld, doch schoss diese deutlich über den Horizont der Tagung in der EAS hinaus.

 

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