Die wundersame Vermehrung der deutschen Minderheit

Für einen Platz in der deutschen Schule verleugnet so mancher seine rumänischen Wurzeln

Donnerstag, 12. April 2012

Schuldirektorin Cristina Popa: „Es müsste mehr Wege geben, Deutsch zu lernen, denn der Bedarf ist größer als die vorhandenen Möglichkeiten.“
Foto: die Verfasserin

Ist es handfester Betrug oder nur eine Kuriosität – süffisant belächelt von so manchem authentischen Mitglied der seit der Wende arg zusammengeschrumpften deutschen Minderheit in Rumänien? Überrascht war jedenfalls nicht nur Cristina Popa, Direktorin des Goethe-Kollegs in Bukarest, als sich in der ersten Etappe der Einschreibungen für die Vorbereitungsklasse und erste Klasse, reserviert für Angehörige der deutschen Minderheit, diese auf einmal fast verzehnfacht hat! Und das, obwohl es weitere Einschreibungstermine gibt, bei denen die ethnische Zugehörigkeit kein Kriterium ist. Überrascht war sicherlich auch das Unterrichtsministerium über die grotesken Auswirkungen der neuen Einschreibungsregelung, derzufolge kein Einstufungstest mehr durchgeführt werden darf, weil unabhängig von der Sprachkenntnis jedem Mitglied der deutschen Minderheit eine Ausbildung in seiner Muttersprache garantiert wird.

Hier schlug eine offensichtliche Gesetzeslücke zu, nämlich die Frage, wie man die Zugehörigkeit zu dieser Minderheit überhaupt offiziell definiert. Denn derzeit kann jeder rumänische Staatsbürger vor dem Notar auf eigene Verantwortung seine Zugehörigkeit zu einer beliebigen Minderheit erklären. Wer sich als Deutscher, Ungar, Jude oder Roma fühlt, darf dies unbürokratisch und beweislos zu Protokoll geben. Eine sicher sinnvolle Regelung für gemischte Ehen – Missbrauch war bisher kaum vorstellbar. Praktizierte Muttersprache, gepflegtes Brauchtum oder nachweisliche deutschstämmige Einwanderer im Familienstammbaum werden nicht hinterfragt, zu sehr würde dies wohl an den unglückseligen Teil der deutschen Geschichte erinnern. Nun aber stellt sich die Frage: Was macht im ethnischen Mischmasch in Rumänien einen „richtigen Deutschen“ aus? Daran werden sich wohl in Zukunft die Juristen die Zähne ausbeißen dürfen.

Tausche Patriotismus gegen gute Ausbildung

Denn entsprechende Klagen gibt es schon – und es ist sonnenklar, was da geschehen ist: Um ihrem Kind einen Platz an der prestigereichen deutschen Schule zu sichern, verleugneten viele Rumänen ihre ansonst so geliebten dakischen Wurzeln und bekannten sich kurzerhand zur deutschen Minderheit. Tausche Patriotismus gegen gute Ausbildung! Verständlich einerseits, denn die Chance einer zweisprachigen Erziehung von klein auf bietet bessere Perspektiven als nur zwei Wochenstunden Deutsch als Fremdsprache. Krimineller Betrug andererseits, empören sich jene, die ihrem Kind die gleiche Chance einräumen möchten, ohne ihre rumänische Herkunft verleugnen zu müssen. Auch wenn die Plätze beschränkt sind, erwarten sie zumindest einen fairen Wettbewerb, motiviert der Schauspieler Mihai Călin seine Klage beim Polizeiinspektorat im ersten Bezirk, um eine Untersuchung der umstrittenen Dossiers der „neuen deutschen Minderheit“ zu veranlassen.„Die meisten Plätze wurden auf der Basis von Falschdeklaration vergeben“, empört sich der verzweifelte Vater, dessen Sprössling vier Jahre lang den Deutschen Evangelischen Kindergarten besuchte – immerhin ein hoher finanzieller Aufwand als Vorbereitung auf den erwarteten Einstiegstest am Goethe-Kolleg. „Einen eventuellen Misserfolg beim Test hatte ich einkalkuliert“, meint der Vater. „Es wäre kein Drama gewesen, wenn der Wettbewerb wenigstens korrekt abgelaufen wäre.“ Doch die fadenscheinigen Begründungen einiger Bewerber für ihre Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit – zum Beispiel ‚Verwandte in Deutschland‘ – will er so nicht hinnehmen.

Der Andrang auf staatliche deutsche Bildungseinrichtungen war durchaus abzusehen, wenn auch nicht mit diesen Methoden. Deutsche Kindergärten produzieren viel mehr Bewerber, als es Plätze an deutschen Schulen gibt, bestätigt auch Frau Popa. Insgesamt elf sind es allein in Bukarest, denen eine einzige staatliche Schule gegenübersteht.

Die Abschaffung des Einstiegstests hatte nicht nur unlauteren Wettbewerb zur Folge, sie wirft auch weitere Probleme auf. Denn ob die „neue deutsche Minderheit“ ihrer Wahlmuttersprache überhaupt mächtig ist, sodass alle Kinder dem Unterricht folgen können, steht noch in den Sternen. „Wir hoffen, dass wir wenigstens schulintern einen Test durchführen können, um die Klassen zu homogenisieren“, meint Frau Popa, die wegen dem unerwarteten Andrang in diesem Schuljahr elf Klassen (sieben erste und vier Vorbereitungsklassen) mit ABC-Schützen zu bewältigen hat. Hohe Herausforderungen an Raum, Logistik und vor allem Lehrkräften. „Wie durch ein Wunder konnten wir alle Probleme lösen, weil ein benachbarter Kindergarten Räume zur Verfügung stellt und mehrere Lehrerinnen aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehrten“, meint die Direktorin.

Auch das Budget der Schule wird der Schülerzahl entsprechend vom rumänischen Staat aufgestockt, weshalb man sich normalerweise über regen Andrang freut. „Die ungarische Schule beneidet uns glühend“, schmunzelt sie. Rumänen, die sich im Kampf um einen Schulplatz zur ungarischen Minderheit bekennen, sind wohl eher selten. Wie man mit Kindern mit vielleicht unzureichenden Sprachkenntnissen umgehen soll und wie hoch der Anteil überhaupt sein wird, ist noch nicht klar. „Letztes Jahr meldeten sich 200 Kinder zum Test an, 40 fielen durch“, meint Frau Popa und fügt hinzu, ausgeschlossen sei es nicht, dass überehrgeizige Eltern schlecht vorbereitete Sprösslinge diesem Stress tatsächlich aussetzen. Die Leidtragenden sind die Kinder, denn nichts ist so wichtig wie ein guter Start. Starkes Sieben, um das Niveau zu halten, sei daher auch keine gute Lösung. Außerdem gibt es in der ersten Klasse noch kein Sitzenbleiben, um die Kinder nicht frühzeitig zu frustrieren.

Auch wenn der Einstiegstest bisher ein wirkungsvolles Mittel zur Garantie des Niveaus und vorherkalkulierbarer Schülerzahlen war, hat die Direktorin diesbezüglich auch kritische Anmerkungen. Ihrer Erfahrung nach machten rumänische Eltern in der Vergangenheit großen Druck auf die Kinder, die das Gefühl vermittelt bekamen, ihr Wohl und Wehe hinge allein vom Testergebnis ab. „Eine zu große Verantwortung für dieses zarte Alter“. Zur Illustration berichtet sie von einem Sprachfeststellungsverfahren in spielerischer Form, um auch schüchterne Kinder aus der Reserve zu locken, wo ein Mädchen protestierte: „Ich bin doch nicht hergekommen, um zu spielen, sondern um eine Prüfung abzulegen!“ Auch gab es viele rumänische Eltern, die sich mit dem Ergebnis partout nicht abfinden wollten, Skandal verursachten oder die Schule verklagten. Keiner der Eltern hatte je gefragt, ob denn überhaupt ausreichend Lehrer vorhanden seien.

Das Kriterium, das es rein rechtlich nicht gibt

Wer ist nun schuld an dem heillosen Chaos? Empörte Eltern machen die Schulleitung zum Sündenbock, doch Cristina Popa stellt klar: Da es sich um eine staatliche Schule handelt, bestimmt allein der Staat die Regeln zur Aufnahme. Auch dort schiebt man den schwarzen Peter ratlos vom einen zum anderen. Zum Beispiel vom Schulamt zum Direktor in der Direktion für den Unterricht in den Sprachen der Minderheiten im Unterrichtsministerium, Alexandru Szepesi. „Wenn die Eltern in eigener Verantwortung deklarieren, dass sie ethnische Deutsche sind, dann ist das eben so“, zitiert Mihai Călin diesen. Der Unterrichtsminister Cătălin Baba äußert sich öffentlich, es sei nicht seine Aufgabe, die Zugehörigkeit zu einer Minderheit zu definieren. „Ich frage mich, ob wohl der deutsche Staat diesen ‘ethnischen Deutschen’ in Zukunft sogar die Staatsbürgerschaft erteilt“, spottet Mihai Călin.

Auch im Internet ist das Thema in aller Munde. Eine in Rumänien lebende Österreicherin war auf die Barrikaden gegangen, nachdem ihr Sohn in der ersten Runde vom Goethe-Kolleg abgewiesen wurde. Ein Leser kommentiert unter dem auf Hotnews erschienenen Artikel, Staatsbürgerschaft und Ethnie seien zwei verschiedene Dinge: Ein ethnisch Deutscher sei ein rumänischer Staatsbürger mit deutschen oder österreichischen Auswanderern als Vorfahren, kein aktuell ausgewanderter Deutscher oder Österreicher. Ein anderer Leser beklagt in diesem Sinne, ein Rumäne in Österreich hätte schließlich auch keinen Anspruch auf rumänischen Unterricht. Ob es eine glückliche Entscheidung war, die Aufnahme an den deutschen Schulen an der formellen Zugehörigkeit zur Minderheit festzumachen – die wiederum nicht definiert ist – anstatt am offensichtlichen Bedarf, nämlich dem Unterricht in Deutsch für tatsächlich Deutsch sprechende Kinder, zu beweisen durch einen Aufnahmetest, egal welcher Ethnie?

Interessant ist aber auch die Frage, warum deutsche Schulen hier überhaupt einen so hohen Stellenwert haben? Ist es die Hoffnung auf spätere Jobchancen in Ländern mit besserem Lohnniveau? Lockt die Gratisausbildung des staatlichen Goethe-Kollegs, im Vergleich zu teuren Privatschulen in anderen Sprachen? Oder hat Deutsch tatsächlich, wie PDL-Abgeordneter William Brânza in der „Evenimentul Zilei“ äußert, einen hohen Stellenwert im Lebenslauf, weil „Englisch bei der Einstellung kein Atout mehr darstellt“? Vielleicht ist es aber auch die Sehnsucht nach den gesellschaftlichen Werten, die man in Rumänien dem deutschen Kulturkreis so gerne zuschreibt – Ehrlichkeit, Fleiß, Zivilisiertheit. Ein verzweifelter Versuch also, wenigstens die nächste Generation aus dem rumänischen Chaos zu befreien? Dann allerdings ist „Ethnienbetrug“ der völlig falsche Ansatz!

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