Die Zier der Agora

Montag, 02. April 2012

In Bukarest nimmt man nur die Proteste auf dem Universitätsplatz wahr und kämpft um dessen Erklärung zur „Bürgerlichen Agora“ – als ob man mit dieser Paarung nicht eine Tautologie macht. Die Agora war in der Antike das Diskussionsforum (und zeitweilig mehr) der freien Bürger – was sucht dann noch das mit den „Bürgern“ daneben?

Denn „Bürger“ bedeutete laut Duden ursprünglich “Verteidiger“, später „Bewohner“, bzw. „Burgverteidiger“ und „Burg-„ oder „Stadtverteidiger“ und im juristischen Sinn ab dem 12. Jahrhundert ein vollberechtigtes Mitglied des  städtischen Gemeinwesens.

Grundsätzlich geht es in Bukarest aber wohl eher darum, dass auf dem Universitätsplatz Versammlungen – egal zu welchem, aber doch wohl eher politischem Zweck – ohne vorherige polizeiliche bzw. ordnungskräftemäßige Genehmigungen stattfinden können. Und dagegen gibt es gewichtige Meinungen, vor allem seitens jener, die zur politischen Ziel- und Hassscheibe geworden sind. Es dürfte auf alle Fälle schwer werden, den tautologischen Traum der Protestler im Bukarester Stadtrat umzusetzen.

Immerhin: auf dem Universitätsplatz kommen täglich 20-30 Bürger zusammen, um ihre Meinung lautstark und unorganisiert zu äußern, melden Bukarester Zeitungen. Währenddessen gehen, an der schnelllebigen Medienwahrnehmung vorbei, auch in manchen Städten die (Januar)Demos weiter. Auch in Reschitza.

Jeden Nachmittag der Arbeitswoche, um Punkt drei Uhr, versammeln sich ein Häuflein Aufrechter – dem Vernehmen nach durchwegs Revolutionäre und unter ihnen hauptsächlich solche, die ihrer finanziellen Unterstützung und der anderen Vorteile verlustig wurden, die gemäß dem Beschluss der Regierung Emil Boc ab dem 1. Januar gestrichen wurden – auf dem Platz vor der Präfektur, stehen fünf-sechs grimmig dreinschauenden (aber anscheinend orientierungslosen) Gendarmen und Lokalpolizisten gegenüber, lassen sich – ziemlich widerwillig – zum Sloganschreien aufpeitschen („Na los, schlagt was vor, was rufen wir jetzt?!“) und verlassen den Platz nach etwa einer Stunde, nicht ohne sich bei der Verabschiedung gegenseitig zu versprechen, am kommenden Tag pünktlich wieder vor Ort zu sein.

Zwei Slogans kommen immer wieder: „Jos Băsescu!“(=“Nieder mit Băsescu!“), das allgemeine Leitmotiv der Dauerdemos gegen den, der sich selber zum Buhmann aufgeschwungen und zum Player-Präsidenten erklärt hat, und immer öfter „Jos Frunzăverde!“. Auch in Reschitza tauchen sporadisch Protestler gegen das Gold-Projekt Roşia Montană auf, Demonstranten gegen die Abtreibung, gegen den Landwirtschaftsminister, der Monsanto viel zu nahe steht usw. Letztendlich kann man sich (auch) da Luft machen und als Wahlbürger im Wahljahr 2012 zeigen, dass man (so s)eine Meinung hat. Gegen die Politik und die Politikbetreiber, die daraus einen Beruf und ein Luxusbrot gemacht haben.

Konkrete Folgen dürften die Proteste der Aufrechten kaum zeigen, aber sie setzten Zeichen: wir sind da, wir sind nicht einverstanden!

Dagegen sein ziert die Agora.

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