Die Zukunft ist offen

Konferenz „Minderheitenpolitik und Wertewandel“ an der Universität Klausenburg

Dienstag, 12. Mai 2015

Als einzige dreisprachige Universität in Südosteuropa war die Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg ein idealer Ort um über Minderheitenpolitik zu diskutieren.

Minderheiten wird gelegentlich nachgesagt, sie seien gesellschaftlichem Wandel gegenüber wenig aufgeschlossen, und sie tendierten zu Isolation und Konservatisismus. Auf der anderen Seite können Minderheiten auch dafür sorgen, dass sich eine Mehrheitsgesellschaft verändert und gar Werte der Minderheit aufnimmt.

Um den Zusammenhang zwischen „Minderheitenpolitik und Wertewandel“ zu debattieren, trafen sich am 28. April Wissenschaftler, Studierende und weitere Gäste an der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca zu einer dreitägigen Konferenz. Die Tagung wurde in Kooperation des Instituts für deutschsprachige Lehre und Forschung und der Fakultät für europäische Studien der Babeş-Bolyai-Universität sowie der Deutschen Gesellschaft e.V. Berlin und dem deutschen Konsulat in Hermannstadt organisiert.

Zwölf Vorträge von Wissenschaftlern aus Rumänien, Ungarn und Deutschland wurden gehalten und von etwa 35 Tagungsteilnehmern intensiv diskutiert. Im Folgenden können nur einige Schlaglichter auf die ganze inhaltliche Fülle der debattierten Themen gegeben werden.

Die Konferenz begann mit Grußworten von Repräsentanten der Universitätsleitung und der Deutschen Gesellschaft. Der Dekan der Fakultät für Europastudien, Prof. Dr. Nicolae Păun, hob in seinem Grußwort hervor, in Zeiten des um sich greifenden Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit in Europa, wie wir sie derzeit erlebten, könne von Rumänien ein „kraftvolles Signal an seine Nachbarn“ ausgehen.

Denn Rumänien und speziell Siebenbürgen sei ein idealer Ort, um die Möglichkeiten kulturellen und religiösen Miteinanders zu illustrieren. Klausenburg mit seiner dreisprachigen Universität eigne sich als Tagungsort für das aufgegebene Thema in besonderer Weise. Auch die deutsche Konsulin in Hermannstadt, Judith Urban, hob die interkulturelle Qualität Siebenbürgens in ihrer Einleitung hervor.

Im Anschluss gab der Politikwissenschaftler Dr. Christoph Schnellenbach aus München einen Überblick über den Zusammenhang zwischen der EU-Erweiterung und Minderheitenpolitik in Ostmitteleuropa. Er machte dabei deutlich, wie der Minderheitenschutz überhaupt erst durch den Erweiterungsprozess in die Perspektive der EU geriet. Die Situation von Minderheiten in Rumänien sei, zumindest rechtlich, nicht die schlechteste im Vergleich mit anderen EU-Mitgliedern. Minderheitenschutz sei hierzulan-de sehr stark im Rechtssystem verankert.

Bevor es die Gelegenheit zur Aussprache mit den Vortragenden gab, zeigte Christel Ungar-Ţopescu, die Moderatorin des ersten Tages, ein kürzlich aufgezeichnetes Interview, das sie mit Staatspräsident Klaus Johannis geführt hat. Johannis sprach über seine politische Biografie seit 1989, seine für ihn – und viele andere – überraschende Wahl zum Hermannstädter Bürgermeister im Jahr 2000 sowie über seine Bewertung der aktuellen Situation der deutschen Minderheit in Rumänien. Der Präsident bezeichnete dabei die „positive Diskriminierung der Minderheiten als wertvolles Gut in Rumänien“. Die deutsche Minderheit habe eine Brückenfunktion zwischen Rumänien und Deutschland, die inzwi-schen aber auch der wachsenden Minderheit der Rumänen in Deutschland zukomme. Auf die Frage Ungar-Ţopescus nach der Zukunftsperspektive der deutschen Minderheit antwortet Johannis: „Ich glaube durchaus an die Zukunft der deutschen Minderheit in Rumänien“.

Der nächste Morgen begann in einer weniger optimistischen Stimmung. Der Klausenburger Soziologe Dr. Rudolf Poledna schlug in seinem Vortrag wesentlich kritischere Töne an. Er vertrat die Ansicht, dass – aus soziologischer Perspektive – die deutsche Minderheit zu klein für eine eigenständige Dynamik geworden und in Abhängigkeit von äußerer Hilfe geraten sei. Nachdem er die Altersstruktur der deutschen Minderheit in Rumänien dargestellt hatte (8 Prozent sind unter 14 Jahre, aber 33 über 65 Jahre) konstatierte er mit sarkastischen Unterton: „Wir sind vom Aussterben bedroht“, eine These, die unter den Zuhörenden nicht nur auf Zustimmung stieß.

Poledna warf zum Ende seines Vortags eine Anzahl beachtlicher Probleme auf, die zu diskutieren es aber  eigenen Konferenzen bedurft hätte: Das Verhältnis zwischen Dagebliebenen und Weggegangenen; das Verhältnis der Minderheit zu Demokratie und Totalitarismus; das Problem der Bezugsgesellschaft: Rumänien oder die BRD?; die Situation der deutschen Schulen. Zumindest die letzten beiden Themen wurden im Laufe der Tagung aufgegriffen.

Das Gegenbild zu Polednas Vortrag zeichnete der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. András F. Balogh in seinem Referat über die Siebenbürger Sachsen. Wenngleich diese durch den Exodus Tausender Landsleute eine Katastrophe erlebt haben, lasse sich doch eine „kleine Auferstehung“ beobachten. Diese Auferstehung aber sei freilich mit Transformationen der Identität der Siebenbürger Sachsen verbunden. Ihre Lebenswelt habe sich nun verdoppelt. Sie sei nicht mehr nur an Rumänien gebunden, sondern auch an Deutschland.

Vielleicht, so Balogh weiter , könne man gar von einer Verdreifachung der Identitätsbezüge sprechen, denn in der literarischen Fiktion habe sich ein dritter Ort der siebenbürgisch-sächsischen Lebenswelt gebildet, der starke identitätsstiftende Wirkungen habe. Auch im Bezug auf die historisch überlieferten sächsischen Kulturgüter entwickelte Balogh eine durchaus optimistische Perspektive. Die Schulen, aber auch die Kirchenburgen würden zum Teil mit neuen Nutzungskonzepten wieder aktiver genutzt und können so erhalten bleiben.

Der dritte sich mit Fragen der deutschen Minderheit beschäftigende Vortrag wurde von der Studentin Cristina Panţa gehalten. Sie berichtete über die wechselhafte Geschichte der Sathmarschwaben und thematisierte dabei ein für die Minderheitenpolitik zentrales Problem: Die Frage, wann eine Person einer bestimmten Gruppe zugehörig ist – und von welchen Interessenkonstellationen dies abhängt. So habe es im Zweiten Weltkrieg so genannte „5-Pengö -Ungarn“ gegeben. Dabei handelte es sich um Sathmarschwaben, die sich für besagte 5 Pengö einen ungarischen Namen erwarben, um sich auf diese Weise vor dem Einzug in die Wehrmacht zu bewahren. Panţa betonte, anhand dieses Beispieles würde deutlich, dass es sich beim Begriff der Identität um einen relativen und interessengebundenen Begriff handelt, und somit auch die Identität von Minderheiten, je nach den Umständen, Wandlungen unterworfen sind.

Das Problem der Zugehörigkeit zu Gruppen und dem Verhältnis von Minderheiten untereinander und mit der Mehrheitsgesellschaft griff der Philosoph Dr. Christian Schuster (Klausenburg) auf. Er sensibilisierte die Zuhörer für die Komplexität von Sprache und Begriffen. So sei allein die Frage der Identität ungeheuer schwierig, und vorläufig für das Individuum vielleicht damit zu beantworten, dass es über ein Bewusstsein seiner selbst verfügt. Wie aber sei das bei Gruppen? Identität, so eine der Thesen Schusters, bildet sich durch Grenzziehungen: „Ich bin anders als Du und daher bin ich etwas Eigenes, habe eine eigene Identität.“

Diese Grenzziehungen aber müssen kommunizierbar sein – also von den anderen auch als solche verstanden werden. Und sie müssen anerkannt werden. Das damit aufgegriffene Problem nennt Schuster „Zuschreibungsproblem“. Identität, so könnte man sagen, bildet sich im Spannungsverhältnis zwischen Zuschreibung und Anerkennung. Neben diesen Zusammenhang kommt das Moment des Willens ins Spiel: „Man muss zu einer Minderheit gehören wollen“, so Schuster. Das beschriebene Beispiel der Sathmarschwaben macht die Brisanz dieses Faktums deutlich.

Die von Poledna aufgeworfene Frage nach dem Zustand der deutschen Schulen in Rumänien bzw. der Schulen in der Sprache der deutschen Minderheit und den deutschen Abteilungen, konnte im Anschluss an die Präsentation von Dr. Christina Bojan diskutiert werden. „Tradition der deutschen Schulen in Rumänien – Bildungspolitik der Minderheiten nach 1990“ lautetet der Titel ihres Vortrages, der auf lebhafte Resonanz im Plenum stieß. Mit Blick auf die rechtliche Situation sagte Bojan, dass „alle Rechte da sind, den Minderheiten ein blühendes Schulwesen zu gewährleisten“, allerdings sähe die Realität anders aus.

Für das Schuljahr 2014/15 seien 23.000 Kinder und Jugendliche in Kindergärten und Schulen mit deutschem Unterricht und es gäbe deutschsprachige Studiengänge an mehreren rumänischen Universitäten. Dennoch sei das deutschsprachige Schulnetz sehr fragil, denn sobald eine deutschsprachige Klasse geschlossen würde, wäre es sicher, dass an dieser Schule keine neue deutschsprachige Klasse gegründet würde. Die Herausforderung der Gewinnung von sprachlich qualifiziertem pädagogischen Nachwuchs verschärfe die Situation.

Vor dem Hintergrund, dass nur noch 10 Prozent der Schüler und Schülerinnen an deutschsprachigen Schulen Deutsch als Muttersprache sprechen, plädierte Bojan dafür, verstärkt über die Frage zu diskutieren, ob Deutsch als Muttersprache oder Deutsch als Fremdsprache den didaktischen Konzepten der Schulen zugrunde gelegt werden sollte. Die Folgen einer derartigen Umstellung für das Selbstverständnis der Schule und die Wahrung der Traditionen der deutschen Minderheit wurde anschließend lebhaft im Plenum diskutiert.

Der letzte Konferenztag, durch den von Georg Aescht geführt wurde, weitete noch einmal die Perspektive. Weg von konkreten Fragen der deutschen Minderheit ging es um gesellschaftlichen Wertewandel und die Ideologisierung von Wertediskussionen.

Dr. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach eröffnete den Tag. Er berichtete über die „Entdeckung des Wertewandels“. Unter Wertewandel verstand der Referent dabei einen Prozess, der – auch anhand statistischer Untersuchungen – in der Bundesrepublik Deutschland seit Ende der 1950er Jahre nachgewiesen werden kann: Die Erosion traditioneller Wertvorstellungen und Leistungsorientierungen sowie das Ansteigen individualistischer Werte und einer stärkeren Freiheitsorientierung. Wäh-rend dieser Wandel in der westdeutschen Gesellschaft Mitte der 1990er Jahre abgeschlossen war und sogar einen Wendepunkt erreichte, sei in Ostdeutschland der Prozess des Wertewandels gerade in vollem Gange. Der damit einhergehende Generationenkonflikt zwischen der Elterngeneration, die im Sozialismus aufgewachsen ist, und ihren in Kapitalismus und Demokratie aufwachsenden Kindern würde zwar noch immer bestehen, sich aber in absehbarer Zeit lösen.

Dass Wertewandel aber auch eine politisch-ideologische Komponente hat, und durchaus gezielt propagiert werden kann, machte die Klausenburger Historikerin Dr. Edit Szegedi in ihrem Vortrag deutlich. Anhand der Namensgeschichte von Klausenburg und der Umbenennung von Cluj in Cluj-Napoca verdeutlichte sie, wie unter der Ägide Nicolae Ceau{es-cus eine homogenisierende Identitätspolitik verfolgt wurde, die sich auch auf die Geschichtsschreibung auswirkte. Nun sei dies kein typisch rumänisches Phänomen. Das „Ideal des homogenen Nationalstaats“ sei schon mit der Französischen Revolution zum Durchbruch gelangt und sei während seiner Etablierung in vielen Ländern mit der Umschreibung der Geschichte einhergegangen. Spezifisch für Rumänien sei allerdings, dass sich der hiesige Nationalismus, der sich bekanntlich besonders stark auf die Daker und Römer bezog, wesentlich später entfaltete als in Westeuropa. Gleiches treffe auch auf die Modernisierungsprozesse zu, die Ceau{escu initiierte. So verwies die Historikerin darauf, dass beispielsweise die Umgestaltung Bukarests in den 1980er Jahren in geschichtlicher Perspektive nichts Ungewöhnliches war. Ähnliches wurde unter Georges-Eugène Haussmann zwischen 1853 und 1870 in Paris durchgeführt. Doch, so Szegedi, „was 1850 ein Zeichen der Zivilisation war, war 1984 ein Zeichen der Rückständigkeit“.

Die von Szegedi aufgeworfenen Themen wurden durch die Berliner Philosophin Dr. Ingeborg Szöllösi in leidenschaftlicher Weise aufgegriffen. In einem beeindruckenden Ritt durch die Philosophiegeschichte von Platon über Aristoteles bis hin zu Kant thematisierte sie die „Korrumpierbarkeit des Wahren, Schönen und Guten“. All diese Werte, so ihr Fazit, seien anfällig dafür, instrumentalisiert zu werden und am Lebensinteresse des Menschen vorbeizugehen. Ihr Plädoyer: „Das Leben selbst ist der einzige Wert, der zählt.“ Neben ihrem Vortrag verdient Ingeborg Szöllösi Erwähnung, da ihr die Organisation der Tagung oblag, sie war, so Georg Aescht, der „Motor dieser Veranstaltung“.

Nach intensiven Debatten und Anregungen, die deutlich machten, wie komplex das Thema „Minderheitenpolitik und Wertewandel“ ist, endete die Tagung am Nachmittag des 30. Aprils. Eine verbindliche Antwort darauf, welche Rolle Minderheiten in Prozessen des Wertewandels einnehmen, oder wie sie selbst mit sich verändernden Wertvorstellungen umgehen, konnte es freilich nicht geben – sie hängt von der spezifischen Situation einer Minderheit ab, aber sicher auch von den Wertvorstellungen eines jeden Einzelnen. Viele weitere Themen wurden in den drei Tagen angesprochen, die es verdienen würden, auf  eigenen Konferenzen diskutiert zu werden, nicht zuletzt die stets aktuelle Frage nach der Situation deutschsprachiger Bildung in Rumänien. So kann man also auf Folgetagungen gespannt sein.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 12.05 2015, 21:53
in meiner Gemeinde, die einer der ältesten sächsichen Orte und auch einer der größten war, gibt es im Sfat keine einzige Person die Deutsch kann. 80% der Rumänen sind nach der Revolution aus Nachbarorten zugewandert und tun heute so, als würde alles ihnen gehören. Zweisprachige Ortstafeln gibt's auch nicht, die alte ist bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Das sächsische Dorfmuseum, das der politischen Gemeinde gehört, ist immer geschlossen und verfällt, sodass wir ein zweites eigenes, mit eigenen Exponaten, eröffnet haben. Das evangelische Schulgebäude will der Bürgermeister auch nicht zurückerstatten. Vorbildliche Minderheitenpolitik ist das alles nicht, auch wenn heute doch manches besser ist, als früher. Aber sie erwarten immer noch, dass man sich assimiliert, wenn man schon nicht auswandern will. Aber immer schön die Hand aufhalten, wenn "banii europene" verteilt werden, die ja letzten Endes auch wieder aus Deutschland, Österreich und den nordeuropäischen Staaten kommen.

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