Dieselben Probleme des historischen Stadtkerns

Öffentliche Debatte zur Sanierung denkmalgeschützter Häuser

Donnerstag, 11. Februar 2016

Ein „Paradebeispiel“ der Vernachlässigung ist in der Michael-Weiss-Gasse vorzufinden.
Foto: Ralf Sudrigian

Der Kronstädter „Verein Zusammen für die Entwicklung der Gemeinde (AIDC)“ hatte für Ende Januar die Bewohner der Kronstädter Inneren Stadt zu einer Aussprache im Dachgeschoss des Baiulescu-Hauses eingeladen. Vorher wurden Fragebogen an sie versandt, wobei es um Stellungnahme bezüglich der Besteuerung gemäß den neuen Verordnungen des Steuergesetzes ging sowie um den Vorschlag, bei Vernachlässigung von Immobilien oder Grundstücken in diesem historischen Stadtteil höhere Steuerabgaben vorzusehen. Außerdem wollte man wissen, wie die Stadtverwaltung Sanierungsmaßnahmen finanziell unterstützen könne. All dieses soll dann, zusammen mit den Echos gleicher Umfragen in Hermannstadt und Schäßburg, in einem Bericht zusammengefasst, an die zuständigen Behörden weitergeleitet werden.

Die Strategie fehlt

Eingeladen waren auch Vertreter des Stadtrates, des Steueramtes, der Kreisdirektion für Kultur, der Transilvania-Hochschule, des Vereins der Händler in der Inneren Stadt, der Gemeindepolizei und des Kreisinspektorates für Notsituationen. Letztere erschienen nicht – böse Zungen behaupteten, weil dieses Amt offensichtlich weiß, dass der Dachraum im Brandfall nicht über einen Notausgang verfügt. Wenn das so wäre, dann ist das Baiulescu-Haus kein Sonderfall. Viele der denkmalgeschützten Immobilien bedürfen nämlich nicht nur einer oberflächlichen Fassadensanierung, sondern einer allgemeinen Überholung, die entsprechend mehr technischen und finanziellen Aufwand voraussetzt. Und da beginnt ein Teufelskreis, den man zwar kennt, dem man aber anscheinend nicht entfliehen kann.

Die Immobilien sind alt, jahrzehntelang vom Staat (dem damaligen Besitzer) heruntergewirtschaftet oder einfach vernachlässigt – viele der jetzigen Eigentümer oder Mieter sind Rentner oder Personen, die nicht in der Lage sind, aus eigenen Kräften ihre Häuser nach den Denkmalschutzvorlagen zu reparieren. Nun kommt die Stadtverwaltung mit einer neuen Bestimmung, gemäß der physische Personen auf Stadtratsbeschluss nicht mehr, wie das Gesetz 422/2001 es vorsieht, von der Steuer befreit sind. Das sei als Dezentralisierungsmaßnahme gedacht, wobei vielleicht die dabei erhaltenen Geldmittel gerade für Restaurierung und Sanierung zur Verfügung stehen sollen. Nicht aufeinander abgepasste Gesetzesverordnungen sind Teil des Problems.

Außerdem können Immobilien im Privatbesitz nicht aus öffentlichen Mitteln saniert werden. Stadtarchitektin Marinela Marinescu wies in diesem Zusammenhang auf eine online-Petition hin (www.actpentrupatrimoniu.org), in der diesbezügliche Gesetzesänderungen begründet und von den Fachleuten und den Nutznießern (sowohl Bewohner als auch Kommunen) gefordert werden. Solange die Behörden manch-mal selbst nicht wissen, wie sie in diesem komplizierten Umfeld gesetzmäßig handeln müssten, solange noch anscheinend keine umsetzbare Strategie zur Sanierung des historischen Stadtzentrums ausgearbeitet wurde, sei es verfrüht, dazu Vorschläge und Meinungen zu sammeln. Wenn die Behörden noch nach Lösungen suchen, so wisse auch der Durchschnittsbürger nicht, wozu er sich äußern solle, hieß es aus dem Raum. In der von Cristina Kreo{teanu moderierten Runde sollten möglichst viele zu Wort kommen (innerhalb von drei Minuten deren Ablauf ein Glöckchen signalisierte), politische Werbung war untersagt, persönliche Beschwerden und Klagen sollten möglichst konkreten Lösungsvorschlägen weichen.


Wie könnte geholfen werden?

Trotzdem wurde die Bürokratie im Bürgermeisteramt kritisiert aber auch die Tatsache, dass das Bürgermeisteramt selbst bei jenen Immobilien die es besitzt und die über die Wohnraumbewirtschaftungsregie RIAL verwaltet werden, so gut wie nichts für deren Sanierung unternimmt. Unverständlich blieb zum Beispiel, weshalb teure Gutachten von den Besitzern betreffend Immobilienwert gefordert werden, wenn die Steuern bereits auch auf Grund des Immobilienwertes berechnet werden.

So ist es verständlich, wenn sich viele der Stadtbewohner in diesem Stadtteil als Opfer sehen. Sie hätten keine Schuld weil sie in diesen alten Häusern wohnen, unterstrich Museumsdirektorin Ligia Fulga. Sie sollten stolz darauf sein, hieß es von anderen; sie seien letztendlich jene, die diese Häuser am Leben erhalten hätten. Im Gegenzug meinte die Stadt-architektin, dass sie und andere Behördenvertreter als Schuldige an dieser Sachlage abgestempelt werden, was wiederum einen Dialog nicht gerade fördert.

Es gab aber auch Ansätze, Hilfsvarianten für die Hauseigentümer zu nennen. Architekt Horaţiu Vasilescu vom Amt für Kulturerbe sagte, man müsse an die Ursachen dieser Probleme denken und nicht ausschließlich die Folgen im Auge haben. Subventionen, Ermäßigungen, Beratung seitens der Stadt seien denkbar; nur im Notfall, wenn der Hausbesitzer nicht in der Lage sei, etwas zu unternehmen, müsse er auf diesen Besitz letztendlich verzichten – eine marktwirtschaftlich motivierte aber sozial knallharte Behauptung, die im Publikum gar nicht gut ankam. Direktorin Fulga wies hin auf die Möglichkeit, EU-Fonds zu beantragen. Zwischenrufe wie „Warum ist das nicht bis jetzt geschehen?“ und Bemerkungen, das Geld teilen sich sowieso „mafiöse Strukturen“, bewiesen, dass das Vertrauen in die Kompetenz aber auch Transparenz der Stadtverwaltung in Frage gestellt wird. Vizebürgermeister Ciprian Bucur wollte keine Klagen akzeptieren, verwies auf die Komplexität des Themas, so dass keine schnelle Änderungen zu erwarten wären und sprach von der Notwendigkeit einer Bestandsaufnahme, damit man wisse, wo man stehe. Solche Antworten konnten nicht überzeugen.

Das sah wohl der Vizebürgermeister selber ein und meldete sich einige Tage später zu diesem Thema bei einer Pressekonferenz wieder zu Wort. Nun erinnerte er an die Zusammenarbeit mit der lokalen Filiale des Rumänischen Architektenorden, der von der Stadtverwaltung unentgeltlich die Räumlichkeiten beim Katharinentor als Sitz zugesprochen bekam. Als Gegenleistung seitens der Architekten erwarte man Beratung und Unterstützung all jener, die ihre Häuser in der Inneren Stadt renovieren, vor allem beim Zusammenstellen der Fachunterlagen. RIAL soll nun endlich dort, wo Probleme gemeldet werden, eingreifen, versprach der PNL-Vizebürgermeister. Auf einer möglichst schnell zu erstellenden Liste sollen die Gebäude erfasst werden, die bei einem Erdbeben besonders gefährdet sind. Bucur sprach auch von einer „Partnerschaft“ zwischen Stadtverwaltung und Vertretern der Straßenvereine, um zusammen über die Kriterien zu beraten die bei der vorgesehenen Übersteuerung vernachlässigter Immobilien gelten sollen.

Die Sanierung der Inneren Stadt als Notwendigkeit für die Sicherung der Baudenkmäler, für bessere, zeitgemäße Wohnbedingungen aber auch für ein touristisch attraktives Stadtbild wird mit Sicherheit eine gewichtige Rolle in der diesjährigen Wahlkampagne der Lokalwahlen spielen, weil das Thema nicht nur die Innenstädter, sondern auch all jene Kronstädter angeht, die stolz auf ihre Stadt sein wollen und denen es nicht gleichgültig ist, wenn in Sachen Sanierung, trotz einiger bemerkenswerter Ausnahmen, nicht mehr unternommen wird.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 14.02 2016, 04:34
klingt vielleicht hart, aber die Lösung all dieser Probleme wird eine Gentrifizierung in den nächsten Jahren sein. Das historische Zentrum, mit seinen Restaurants, Hotels, Geschäften und Sehenswürdigkeiten ist nicht der ideale Wohnort für Mindestrentner und Sozialfälle. Viele Bewohner sind zwar Eigentümer, haben aber so ein kleines Einkommen, dass sie sich nicht die geringsten Renovierungsarbeiten leisten können. Die wurschteln so dahin, statt das Dach zu reparieren stellen sie einen Kübel hin, der die Tropfen auffängt, etc. Aber das wird sich bald alles ändern. Einige werden in den nächsten Jahren raussterben, oder ins Altenheim übersiedeln, oder ihre Wohnung zu einem guten Preis verkaufen und sich eine günstigere mehr am Stadtrand kaufen und von der Differenz den Lebensabend verschönern. Ein neues Klientel wird statt dessen ins Zentrum ziehen, die neue junge Mittelschicht. Dann wird es auch nicht mehr solche vernachlässigten Halbruinen geben.

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