Digitales Kulturerlebnis mit dem Google Cultural Institute

Der Palast des Parlaments und das Natur- und Kulturerbe Siebenbürgens sind fortan digital erlebbar

Samstag, 13. Februar 2016

Schon etwas länger im Katalog des Google Cultural Institute sind zwei Ausstellungen über die Wassertalbahn in Oberwischau/Vi{eu de Sus, die als letzte regulär betriebene Waldbahn seit 2010 als rumänisches Kulturgut unter Schutz gestellt ist.

Eine Reise nach Berlin, um die Gemäldegalerie oder die Alte Nationalgalerie zu besichtigen, oder nach New York City, um im Museum of Modern Art die „Sternennacht“ von Vincent van Gogh zu sehen, ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr notwendig. Am ersten Februar feierte das „Art Project“ des amerikanischen Unternehmens Google Inc. seinen fünften Geburtstag. Zu Beginn waren es siebzehn Museen und Galerien in elf Städten, die ihre Türen für Besucher rund um den Globus öffneten. Darunter die Staatliche Eremitage in Sankt Petersburg, das Rijksmuseum in Amsterdam sowie die genannten Museen in Berlin und New York City. Per Mausklick kann der Kunstinteressierte durch die Ausstellungssäle laufen, sich einen Überblick verschaffen und einzelne Bilder genauer anschauen. Möglich machte dies die 360-Grad-Panoramabild-Technik, wie sie auch im Dienst Google Street View zum Einsatz kommt. In 385 begehbaren Räumen wurden 1061 Bilder von 486 Künstlern digitalisiert.

Als besonderen Höhepunkt hatte jede der teilnehmenden Einrichtungen ein Kunstwerk zur Verfügung gestellt, welches hochauflösend abfotografiert und mit Hilfe der Gigapixel-Technologie zusammengesetzt wurde. Die Bilder bestehen aus rund sieben Milliarden Pixeln und ermöglichen es dem Betrachter, sich den Werken bis an kleinste, mit bloßem Auge nicht erkennbare Einzelheiten der Pinselstriche zu nähern. Problemlos ist es möglich, auf dem Bild „Die Gesandten“ von Hans Holbein dem Jüngeren auch am heimischen Computer die Noten im theo-logischen Gesangbuch zu lesen.
Heute, fünf Jahre später, ist die Sammlung, welche mittlerweile unter der Marke „Google Cultural Institute“ firmiert, auf über 1000 teilnehmende Museen, Galerien und Kultureinrichtungen angewachsen. Virtuelle Rundgänge sind an so unterschiedlichen Orten wie auf der südafrikanischen ehemaligen Gefängnisinsel Robben Island, in dem Erlebnisbergwerk Velsen in Saarbrücken und seit einigen Tagen auch durch ausgewählte Räume im Palast des Parlaments in Bukarest möglich.

Im ehemaligen Haus des Volkes wurden zudem 150 ausgestellte Gemälde von Künstlern wie Nicolae Grigorescu, Octav Băncilă und Corneliu Baba digitalisiert. Schon seit Längerem sind Rundgänge durch das Brukenthalmuseum in Hermannstadt möglich. Die hier ausgestellten Bilder sind bereits mit zusätzlichen Informationen über den Künstler und sein Werk versehen. Der Betrachter erfährt, dass Grigorescu einer der Wegbereiter der rumänischen Kunstmalerei war und im Bild „Stradă din Vitré“ seine „Pinselstriche die Landschaft in das visuelle Äquivalent der tiefsten und aufrichtigsten Gefühle des Malers verwandeln.“ Die Angaben wurden dabei geschickt miteinander verbunden, denn auf einer Informationsleiste lassen sich schnell weitere Bilder des Künstlers in anderen Ausstellungen finden, aber auch Bilder, die dasselbe Thema behandeln oder ebenfalls auf Leinwand gemalt sind, lassen sich per Mausklick aufrufen.

Zwei weitere Projekte lancierte Google ebenfalls 2011. Das „World Wonders Project“ kann dabei ohne Umschweife als die neue Vermessung der Welt beschrieben werden. In 207 historische Orte und atemberaubende Landschaften rund um den Globus, von der walisischen Industrielandschaft Blaenafon bis zum Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens, lässt sich virtuell eintauchen. Insbesondere in Italien und Frankreich lassen sich viele alte Städte am Computer erkunden, besonders gut erschlossen ist auch die Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha. Zwei der spektakulärsten Orte sind die Ruinenstadt Machu Picchu in den Anden Perus sowie der Grand Canyon, die vom Colorado River über Jahrmillionen ins Gestein des Colorado-Plateaus geschlagene Schlucht im Südwesten Amerikas. Beide sind auch Beispiel dafür, wie sich die verschiedenen Google-Projekte miteinander verknüpfen lassen. Auf dem Weg in die Inkastadt kann man sich im Zug von Cusco bis Aguas Calientes, einem Dorf am Fuße des Berges von Machu Picchu, umsehen und im Anschluss die Serpentinenstrecke hinauf zur Zitadelle abfahren, ehe der virtuelle Abenteurer den Anblick der Landschaft in über 2000 Meter Höhe genießen kann. Zurück in Cusco, der Hauptstadt der gleichnamigen Region im Süden des Landes, lassen sich auch noch die Ausstellungen „Artefakte aus Machu Picchu“ sowie „Inka-Religion und Archäoastronomie“ in der Casa Concha besuchen, welche Teil des Art Projects sind.

Wie in der Ruinenstadt in den Anden können auch verschiedene Orte des Grand Canyon per Street-View-Technik betrachtet werden. Durch Kooperation mit dem Magazin LIFE stehen von dem Naturwunder in Arizona auch 1339 historische Fotografien zur Verfügung. Nur einen Mausklick entfernt ist das Philadelphia Museum of Art, denn hier ist das Bild „Grand Canyon of the Colorado River“ von Thomas Moran ausgestellt. Ein weiterer Klick auf seinen Namen offenbart dem Reisenden drei weitere Bilder des Malers der Hudson River School. Eines hängt im U.S. Department of the Interior Museum in Washington D.C., eines im Cooper-Hewitt Smithsonian Design Museum in New York City und ein weiteres im Los Angeles County Museum of Art. Die nächsten Ziele für die Weltreise im eigenen Wohnzimmer sind folglich schnell ausgemacht. Wenn es in der Beschreibung zum Projekt heißt: „Von den Ausgrabungsstätten in Pompeji bis zum Friedensdenkmal in Hiroshima – Google World Wonders macht Wunder der antiken und modernen Welt direkt erlebbar“, so kann man dem nur uneingeschränkt zustimmen.

Als dritten Baustein des Google Cultural Institute, welches seit Dezember 2013 für alle drei Projekte als Überbau fungiert, wurden zum Abschluss des Jahres 2011 die „Historischen Momente“ veröffentlicht. Mit 17 Partnern wurden zunächst 42 historische Ausstellungen zugänglich gemacht, welche „die Geschichten hinter den großen Ereignissen des letzten Jahrhunderts erzählen“, dem Holocaust, der Krönung Elisabeths II. oder auch die Jahre der Dolce Vita in Italien. Bis heute umfasst das Projekt 4,4 Millionen Fotos aus dem LIFE-Archiv, 135.085 Fotos, Gemälde, Videoaufnahmen und Interviews in der Gedenkstätte der Märtyrer und Helden im Holocaust des Staates Israel, „Yad Vashem“, und auch das DDR-Museum in Berlin hat über 1000 Fotoaufnahmen von Ausstellungsstücken, ob Tagebucheinträge, Gedenkmünzen oder Matrjoschka-Figuren bereitgestellt.

Bequem lässt es sich auch nach einzelnen Objekten suchen, denn ein jedes ist verknüpft mit dem Urheber, seinem Typ, dem Ort sowie der Person und dem Ereignis, welches es zeigt. Eine Suche zur Rumänischen Revolution beispielsweise offenbart die aus Foto- und Videoaufnahmen sowie Begleittexten bestehenden Ausstellungen „Timişoara, die erste freie Stadt“, „Bukarest, die Stadt des Sieges“ sowie „Die Rumänische Revolution – Live übertragen“ des Fernsehsenders TVR. Zurzeit umfasst das Projekt 745 Ausstellungen zu den verschiedensten Ereignissen und Themen, ob von historischer Dimension wie der Fall der Berliner Mauer oder in Europa eher unbekannte, wie der teilweise Zusammensturz der West Gate Bridge in Melbourne, der 1970 mehrere Arbeiter tötete. Über Stunden lässt sich in die verschiedensten Ausstellungen eintauchen. Zwischen „Kraftmaschinen – Von der Muskelkraft zur Gasturbine“ des Deutschen Museums und „Footwear of Riviera del Brenta“ der Venezianischen Handelskammer über eine der ältesten Schumacher-Gemeinden liegen nur wenige Klicks.
Seit Januar führt Google auch drei Ausstellungen der Stiftung ADEPT Transilvania mit Sitz in Keisd/Saschiz, die es sich vor zehn Jahren zur Aufgabe gemacht hat, die naturreichen Landschaften Siebenbürgens zu bewahren und traditionelle bäuerliche Gemeinschaften zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit dem Unternehmen KAMA System entstanden die Ausstellungsreihen „Siebenbürgische Kulturlandschaften“, „Siebenbürgische Baudenkmäler“ sowie „Kunst und Handwerk in Siebenbürgen“, welche fortan jedem Interessierten rund um den Globus die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt der Region, das historische Bauerbe der Siebenbürger Sachsen sowie deren Kunstschätze näher bringen soll.

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