Dishonored-Vorschau: Wenn Rache alles lösen kann

Der neue Genremix von Bethesda könnte die Überraschung des Jahres werden

Dienstag, 09. Oktober 2012

Ihm bleibt nur die Rache: In „Dishonored“ spielt er den ehemaligen Leibwächter der Kaiserin, der für ihren Mord verantwortlich gemacht wurde.

Verraten, entehrt und eingesperrt: Corvo Attano sollte die Kaiserin mit seinem Leben beschützen, wurde aber dann zu ihrem Henker erklärt. Er ist zweifellos unschuldig, doch beweisen kann er es nicht, weil man ihn prompt in ein finsteres Verlies eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen hat. Dort soll er verrotten, während die eigentlichen Übeltäter die Kontrolle über die Stadt Dunwall an sich reißen.

Doch während sich die neuen Stadtherren in Sicherheit glauben, sucht ein Fremder Corvo auf und schließt mit diesem einen unheimlichen Pakt. Der mysteriöse „Outsider“ (dt. „Außenseiter) verspricht Corvo übernatürliche Kräfte und die Freiheit. Als Gegenleistung soll sich der entehrte Leibwächter an seinen Peinigern rächen. Denn Rache löst bekanntlich alle Probleme. Auf das Kleingedruckte ist der unbekannte Gönner nicht eingegangen. Dafür bleibt noch Zeit. Zuerst muss aber Dunwall brennen und das Blut seiner tyrannischen Herrscher soll fließen.

Ob es wirklich dazu kommt, entscheidet schließlich der Spieler selbst. Denn das neue Spiel von Arkane Studios möchte Freiheiten anräumen, wie sich Corvo an den Mördern zu rächen hat. Tatsächlich muss kein einziger Mensch dran glauben. „Dishonored“ tritt in die Fußstapfen von Spielemeilensteinen wie Deus Ex und folgt dem gleichen Prinzip: Für jede Mission gibt es wenigsten zwei unterschiedliche Herangehensweisen.

So kann der Spieler für Corvo entscheiden, ob er lieber direkt durch die Eingangstür mit dem Säbel und der geladenen Pistole in der Hand einmarschiert und einen Wächter nach dem anderen kaltblütig abschlachtet oder er kann eine elegantere Lösung wählen und sich wie ein Geist über die Stadtdächer einen Zugang verschaffen und nur seine Zielperson ausschalten, während die Wächter noch ahnungslos Däumchen drehen.

Die Möglichkeiten sollen grenzenlos sein. Das verspricht Harvey Smith, einer der zuständigen Spieledesigner für Dishonored. Smith hat schon an dem besagten Meilenstein von Ion Storm, Deus Ex, mitgewirkt und hat auch an dem ersten System Shock gearbeitet. Der Spieledesigner kennt sich mit Genre-Crossovern also bestens aus und nicht umsonst wurde Dishonored mehrmals mit seinen Vorgängerprojekten verglichen.

Trotzdem wurde das erst im Frühjahr angekündigte Spiel von Vielen mit Skepsis aufgenommen. Schließlich hatte Arkane mit „Dark Messiah of Might and Magic“ in 2006 zu viel versprochen und sehr viele enttäuscht. Auch ihr Erstlingswerk „Arx Fatalis“ löste gemischte Gefühle aus.

Doch das Mitwirken von bedeutenden kreativen Größen wie Ricardo Bare (arbeitete als Designer an Deus Ex), Viktor Antonov (arbeitete als visueller Designer an Half-Life 2) und der bereits erwähnte Harvey Smith schaffte zumindest erste Zweifel aus der Welt. Schließlich ist Antonov der Mann, der die Ghettostadt City 17 für Valves Kultshooter entwarf. Er trug maßgeblich zur beklemmenden Atmosphäre bei.

Der Einfluss dieser Künstler auf das neue Spiel von Bethesda ist sofort spürbar. Tatsächlich wirkt Dishonored wie das Ziehkind von Deus Ex und Half Life 2. Doch dann fließen so viele neue Ideen mit ein, dass Dishonored was ganz Neues wird, trotz der offensichtlichen Anlehnungen.

Seuchen und Dampfmaschinen

Der große Star des Spiels ist die Stadt Dunwall selbst. Als Vorbild für die fiktive Metropole diente Englands Hauptstadt London zur Zeit der Stuart-Restauration. Die Entwickler bleiben allerdings der geschichtlichen Epoche nicht gänzlich treu, sondern mischen auch Science-Fiction-Elemente bei, die ihren Ursprung im Steampunk finden.

Eine wichtige Ressource in der Welt von Dishonored ist das sogenannte „Whale Oil“ (Öl, das von den Dunwall-Walen gewonnen wird), damit werden die Maschinen der Stadt angetrieben. Genau wie im London des 16. Jahrhunderts wütet auch in Dunwall die Pest. Die Menschen sind verarmt und unterdrückt. Eine reiche Schicht bestehend aus Glaubensvertretern, Industriemagnaten, Adligen und Politikern leben in Saus und Braus, während der Rest der Bevölkerung von der Seuche und der Armut dahingerafft wird.

Zweifellos braucht Dunwall einen Helden. Nur, dass Corvo alles andere als das Paradebeispiel eines solchen sein kann. Wer ein Mistkerl sein möchte, wird von den Entwicklern nicht aufgehalten. Natürlich übt sich das dann auf das Ende des Spiels aus. Je nach dem Pfad, den der Spieler beschreitet, versprechen die Entwickler alternative Enden. Da dürfte am Ende auch der mysteriöse „Outsider“ noch ein Wörtchen mitzureden haben. Ohnehin erinnert die nebulöse Gestalt an den G-Man aus der Half-Life-Serie oder schlichtweg an den Teufel selbst. Dass er letztendlich nichts Gutes im Schilde führt, darauf deuteten auch die Entwickler schon hin.

Corvo hat stets die Qual der Wahl

Auf den bedeutendsten Spielemessen stellte Arkane Studios lange, ausführliche Demos vor. Jedes Mal wurde eine Mission mehrmals gespielt, um die unterschiedlichen Vorgehensweisen vorzustellen. In einer Mission, die auf der E3 2012 gezeigt wurde, musste Corvo zwei Mitglieder des Parlaments ermorden. Die Pendleton-Zwillinge verbringen ihre freie Zeit gerne in einem türkischen Badehaus und Bordell, wo sie sich von den leichten Damen verwöhnen lassen.

Corvo muss sich einen Weg zu den Brüdern bahnen, die sich in unterschiedlichen Bereichen des Establishments aufhalten. In einer Variante nutzt der Held seine übernatürlichen Kräfte, um sich von dem Dach eines benachbarten Gebäudes auf einen der Balkone zu teleportieren. Einmal im Gebäude sucht er möglichst schattige Plätze, wo er vom Sichtkegel der Wächter nicht erfasst wird. Schließlich erreicht er den ersten der beiden Brüder und kann dann entscheiden, wie er ihn töten soll. Denn es gibt nicht nur mehrere Wege zum Ziel, sondern auch mehrere Arten, wie man das Ziel ausschalten kann.

In der ersten Variante entscheidet sich Corvo für ein subtileres Vorgehen: Der erste Bruder befindet sich in einer Sauna zusammen mit einer Prostituierten. Corvo sabotiert die Anlage und verriegelt den Eingang, so dass Pendletons Tod als Unfall aufgefasst wird. Mit dem zweite Bruder geht er nicht so subtil um. Corvo nutzt eine seiner Fähigkeiten, um von ihm Besitz zu ergreifen, führt ihn dann auf den Balkon raus, dann nutzt der Attentäter eine Wirbelsturm-Fähigkeit, womit er den Parlamentarier vom Balkon in die Gossen Dunwalls wegfegt.

In der zweiten Variante stürmte Corvo das Bordell und machte auf Rambo. Keiner wurde verschont und auch mit den Kräften wurde nicht gegeizt. Lange konnte man sich aber auf die übernatürlichen Kräfte nicht verlassen. Denn die meisten kosten Energie. Wer nicht mit Bedacht vorgeht, kann schnell in eine brenzlige Situation geraten.

Gewalt ist nur selten eine Lösung und meistens kann gänzlich auf sie verzichtet werden. Selbst im Falle der Pendleton-Zwillinge gäbe es eine Alternative, versicherten die Entwickler. Wer davor eine andere Mission erfolgreich bestanden hat, kann die entstandenen Kontakte daraus nutzen, um die Zwillinge auf eine Sklavenkolonie zu verbahnen. Das klingt doch nach einer wesentlich befriedigenderen Strafe für die beiden korrupten Politiker. Denn so müssen sie von ihrer eigenen Medizin kosten und als Strafgefangene den Rest ihres Lebens verbringen.

Entehrt aber nicht entwaffnet

Nur noch wenige Tage trennen uns bis zum Erscheinen von „Dishonored“. Auf Steam wird das Spiel am kommenden Freitag freigeschaltet. Wer es sich vorab bestellt, kriegt von den Entwicklern eine digitale Kopie von „Arx Fatalis“ kostenlos dazu. Die PC-Version kostet 49,99 Euro. Dishonored erscheint auch für PS3 und Xbox 360. Im Playstation Network Store wird das Spiel als digitaler Download bereits am Dienstag verfügbar sein. Allerdings kostet die Konsolenversion 59,99 Euro.

Erste Kritiken sind zum Zeitpunkt als dieser Artikel verfasst wurde noch nicht erschienen. Allerdings hat Dishonored auf jeden Fall das Zeug dazu, der Überraschungshit des Jahres zu werden. Eine reiche, originelle Welt, spannende Missionen, eine einzigartige Optik sowie eine hoffentlich gut umgesetzte Geschichte könnten aus Dishonored das nächste Bioshock machen. Ohnehin wurde Irrational Games Nachfolger zu Bioshock auf Anfang nächsten Jahres verschoben. Wer sich also die Zeit bis Bioshock Infinite mit einem Spiel von ähnlichem Schlag vertreiben möchte, sollte Dishonored eine Chance geben.

Corvo Attano wurde Opfer eines schweren Verbrechens. Nun liegt es an ihm und den Spielern, sich an seinen Peiniger zu rächen. Denn Rache löst bekanntlich alle Probleme. Natürlich zu einem bestimmten Preis.

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